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Holocaust

27.01.2020

Zur Verzeihung braucht es die dritte Stimme

Kränze an der Todesmauer in Auschwitz am gestrigen Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers vor 75 Jahren.
Foto: Damian Klamka, dpa

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz fragt, ob es nach Auschwitz wieder eine gute Zukunft geben kann.

Er könne die Gräuel der Schoah nicht vergeben, weil ihn keiner der in Hitlers Vernichtungslagern Getöteten damit beauftragt habe, sagte Oberrabbiner Israel Meir Lau vor wenigen Tagen bei der Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren in Jad Vashem. Aber wer sollte dann einen Weg in die Zukunft eröffnen? Ungeschehen machen lassen sich diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht, und trotz aller Verdrängung kommt die Erinnerung immer wieder hoch. „Wir haben im 20. Jahrhundert mindestens hundert Millionen Tote zu beklagen, die gewaltsam ums Leben kamen“, sagte die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Akademischen Forum im Haus St. Ulrich. „Verzeihung des Unverzeihlichen?“, lautete ihr durchaus provokantes Thema.

Hilflose Trauerbezeigung

Ernüchtert blickte sie auf unsere Gedenkkultur. „Über Händeschütteln und Kranzniederlegen bewältigen wir das Problem zu flach“, tadelte sie. So ehrlich diese Trauerbezeigung auch gemeint ist. In den pflichtgemäßen Entschuldigungen merke man eine Hilflosigkeit. Denn: „Die Toten bleiben tot, es ändert nichts an den Verbrechen.“ Es bleibe eine eingefrorene Schuld zurück.

Weiter führe der Philosoph Jacques Derrida. Als in Algerien geborener französischer Jude war er Opfer und Täter zugleich – konfrontiert mit der Auslöschung seines Volkes und doch auch Repräsentant der ehemaligen Kolonialmacht. Derrida fand in der Bibel und beim Kirchenlehrer Augustinus eine Spur: Vergeben heißt ein Geben, dem nichts mehr an Gegengabe entspricht, und ein Geben vollständig aus freien Stücken über all das hinaus, was man erwarten darf. Er, der Agnostiker, rief „eine dritte Stimme“ auf, um die Europa seit jeher weiß: die göttliche. Denn „Absolution gibt es nur im Absoluten“.

Vom Menschen verlangt dieser Weg laut Gerl-Falkovitz die vollständige Abkehr vom Bösen bis hin zu einer reumütigen „Rückkehr in die Stunde der Tat“, um die böse Absicht zurückzuschicken: Ich will es nicht getan haben. Radikaler noch verlief der Weg der Karmeliterin Edith Stein (1891–1942), die ihren Gang ins Vernichtungslager als Opfer „für mein Volk“ ansah, in ihrem Fall als Konvertitin das jüdische. Den Hintergrund bildete ihre „Kreuzeswissenschaft“ vom Abstieg des Gottessohnes Jesus Christus in die tiefste menschliche Nacht, um mit ihm die Erlösten dann in die „endlich heitere Nacht“ zu führen.

Zur Intervention sah sich Prof. Gerda Riedl, Hauptabteilungsleiterin für Glaube und Lehre im bischöflichen Ordinariat, allerdings am Schluss genötigt. Als Gerl-Falkovitz über das Wirken „messianischer Juden“ ins Schwärmen geriet und aus dem Publikum verlautete, die Gehäuftheit der Erinnerungen an Auschwitz erzeuge nur Abwehr in der Bevölkerung und diene dazu, dass Juden neue Geldforderungen stellen, betonte Riedl, die Juden seien mitnichten christlich zu bekehren und das Schoah-Gedenken eine immerwährende deutsche Pflicht.

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