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Ausstellung

21.01.2020

Zwei Künstlerinnen, denen es um die Zeit geht

Die beiden Künstlerinnen Rita Maria Mayer (links) und Ottilie Leimbeck-Rindle sind von der Stadt Neusäß ausgezeichnet worden. Jetzt präsentieren sie gemeinsam die prämierten Arbeiten in der Atelier-Galerie Facette.
Foto: Mercan Fröhlich

Plus Die Künstlerinnen Ottilie Leimbeck-Rindle und Rita Maria Mayer erhalten zufällig gleichzeitig Kunstpreise in Neusäss In einer Ausstellung befinden sich jetzt im künstlerischen Dialog.

Es geht um Zeit, bei beiden. Hier eine künstlerisch gestaltete Bilanz guter und schlechter Tage, dort ein Sprung quer durch die Zeit. Dass die Künstlerinnen Ottilie Leimbeck-Rindle und Rita Maria Mayer gerade gemeinsam ausstellen, ist einem Zufall geschuldet, nämlich, dass sie gleichzeitig im vergangenen Herbst mit den Neusässer Kunstpreisen geehrt worden sind: Leimbeck-Rindle mit dem Sonderpreis, Mayer mit dem Kunstpreis der Stadt. Wer ihre Arbeiten nun nebeneinander in der Atelier-Galerie Facette in Augsburgs Innenstadt sieht, spürt gleich, dass der Zufall hier nicht willkürlich Kunst zusammenbringt, sondern Kunstwerke in einen produktiven Dialog setzt.

Klar, gekannt haben sich beide Künstlerinnen über all die Jahre schon, weil sie beide als Mitglieder im Kulturkreis Neusäß und im Kunstverein Bobingen aktiv sind, beide immer wieder an denselben jurierten Ausstellungen – etwa des BBK Augsburg-Schwaben – teilgenommen haben. Auf die Idee, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen, sind die beiden Künstlerinnen aber erst jetzt gekommen.

Rita Maria Mayers persönliche Bilanz aus Keramik

Und siehe da: Das passt. Die ausgebildete Kunsterzieherin und freischaffende Künstlerin Mayer präsentiert natürlich auch dieses Buch aus Keramik, das maßgeblich zur Auszeichnung geführt hat. Über ein Jahr lang hat sie täglich im Jahr 2016 in ihrem Leben Haben und Soll verglichen. Eingeflossen sind private Erlebnisse, aber auch politsche Ereignisse und das Weltgeschehen. Und je nachdem, wie ihr Befinden am Abend war, bekam entweder die Haben- oder die Soll-Seite einen Strich. Am Ende standen auf der Haben-Seite 233 Striche und auf der Soll-Seite 132, eine positive Jahresbilanz, die Mayer nicht weiter überrascht hat, weil sie von sich sagt, grundsätzlich ein positiver, optimistisch gestimmter Mensch zu sein.

Ihre Keramik besteht aus einem buchgroßen Einband, der leicht geöffnet ist, und einem Innenblatt, auf dem diese Liste samt der abschließenden Bilanz eingeritzt ist. Eine auf die bloße Zahl reduzierte Lebensbilanz, die Essenz eines Jahres. Das Jahr nach dem großen Exodus aus Syrien, das Jahr, in dem innenpolitisch die Flüchtlingskrise alles dominierte. Und das Jahr, in dem Donald Trump in den USA erst die Republikaner und dann das gesamte Land in seinem Wahlkampf erfolgreich aufmischte.

Parallel dazu sind drei von vierzig Tagebuchblättern zu sehen, die Mayer ebenfalls auf Keramik ausgeführt hat. Durch die Steno-Zeichen hat das Private eine Codierung erfahren, ebenso wichtig ist aber, dass Mayer die Blätter durch gezielten Einsatz von Feuer und Brandspuren gestaltet hat. Hier das Private, dort diese Urkraft der Menschheitsgeschichte, die so eng mit aller Zivilisation verbunden ist.

Ottilie Leimbeck-Rindle machte einen Flaschenzug zum Kunstwerk

Mayer hat in diesem Kunstwerk versucht, Zeit festzuhalten, auch das, was von der Zeit bleibt. Bei der freischaffenden Künstlerin Leimbeck-Rindle, die unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor bei Markus Lüpertz studiert hat, war es ein besonderer Fund von dem alles ausging. Auf einem Flohmarkt hat die Künstlerin ein altes Eichenholzrad entdeckt, das wahrscheinlich einmal an einem Haus als Flaschenzug gedient hatte. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ihr langsam klar war, was sie mit diesem Rad machen sollte. Sie wollte es mit all seinen Gebrauchsspuren, den Rissen und Kerben in die Gegenwart holen und ihm im Hier und Jetzt eine neue Bedeutungsebene hinzufügen.

Und dann hat Leimbeck-Rindle dieses Rad beklebt und übermalt, Stoffreste angebracht, Farbpigmente gemischt, Öl- und Acrylfarben zum Einsatz gebracht. Die Farbflächen und Muster, die da entstanden sind, schauen archaisch aus, wie aus einer fernen Zeit. Australische Pünktchenmalerei habe ihr als Vorbild gedient, sagt die Künstlerin. Immer wieder sind auch schematisch kleine Figuren zu sehen. Aus dem Flaschenzug ist ein Kunstobjekt geworden, aus dem Rad für schwere Lasten ein Rad der Zeit, das von der Gegenwart wieder direkt in die Vergangenheit führt, hin zur ursprünglichen Funktion, aber auch hin nach Australien.

Das passt. Auch bei den anderen Objekten dieser Schau, den Gemälden aus verschiedenen Serien von Leimbeck-Rindle und den weiteren Keramik-Objekten von Mayer. In den Arbeiten von beiden finden sich zum Beispiel weitere künstlerische Reflexe auf die Flüchtlingskrise. Bei Mayer etwa ein Schiff, auf dem sie kleine Häuser angebracht hat, ein Schiff, das die Träume und Albträume der Geflüchteten sichtbar macht – die zurückgelassene Heimat und den Wunsch, ein neues Heim zu finden. Bei Leimbeck-Rindle sind es auf einer ihrer Arbeiten zum Beispiel mehrere Figuren, die nebeneinander sitzend warten, es könnte auf einer Mauer sein, es könnte aber auch in einem Schiff sein.

Laufzeit der Ausstellung bis zum 29. Februar 2020 in der Atelier-Galerie Facette, Bauerntanzgässchen 6, in Augsburg. Geöffnet hat die Schau Dienstag, Donnerstag und Freitag von 11 bis 17 Uhr sowie Mittwoch und Samstag von 10 bis 13 Uhr (im Januar). Im Februar nur Dienstag, Donnerstag und Freitag von 11 bis 17 Uhr.

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