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Augsburger Jazzsommer: Cyrille Aimée singt vom selbst gebauten Haus im Dschungel

Augsburger Jazzsommer

Cyrille Aimée singt vom selbst gebauten Haus im Dschungel

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    Die frankokaribische Sängerin Cyrille Aimée trat im Rosenpavillon mit ihrer Band auf.
    Die frankokaribische Sängerin Cyrille Aimée trat im Rosenpavillon mit ihrer Band auf. Foto: Herbert Heim

    Wenn Sie eine Person kennen, die der Meinung ist, Jazz sei Musik für elitäre Feingeister, die bei teurem Rotwein audiophiles Vinyl auf noch teureren Plattenspielern hören und zu chaotisch klingender Musik entrückt mit den Fingern schnippen, dann probieren Sie es doch einmal mit Cyrille Aimée. Die frankokaribische Sängerin hat zum Beispiel einen Song, in dem sie von der Latrine erzählt, die sie im costaricanischen Dschungel in ihr selbst errichtetes Haus gebaut hat. Auf Spanisch. Mit einer Bariton-Ukulele. Der Song ist eingängig und voller Witz, also ziemlich das Gegenteil von elitär.

    Ella hätte bestimmt anerkennend genickt

    Dazu bereitet ihre Band den Boden für ihre Stimme, die einen vom ersten, am Mikro vorbei gesungenen Summen bis zum letzten, kraftvollen Schlusston in den Bann zieht, in den Arm nimmt und immer wieder mal mit einem kleinen Grinsen in den Rücken zwickt. Als die ersten Töne des alten Standards „You won’t be satisfied“ durch den Rosenpavillon des Botanischen Gartens flossen, schwebte kurz der Geist von Ella Fitzgerald über der Blütenpracht, doch es wäre zu kurz gedacht, bei einer so herausragende Künstlerin wie Cyrille Aimée gleich „Ella!“ oder „Billie Holiday!“ zu rufen, nur weil sie auch eine Frau ist, die Jazz singt.

    Trotzdem hätte Ella anerkennend genickt, hätte sie Cyrille Aimées improvisierte Gesangssoli gehört, in denen sie durch alle Tonlagen rast, mit ausgefallensten Silben Loopings schlägt und mit perkussiven Scatlines wieder zurück in den Song findet. Improvisation ist der Kern ihrer Musik, sei es bei alten Stevie-Wonder-Songs, ihren eigenen Stücken oder kurzen Solo-Performances an der Loopstation, an der sie so viele Gesangslinien und Beatbox-Rhythmen übereinanderlegt, bis sie wie ihr eigener Gospelchor klingt, der gerade von einer Hip-Hop-Jam nach Hause gekommen ist.

    Band malt musikalisches Farbenspiel im Botanischen Garten in Augsburg

    Es ist eine Freude zuzusehen, wie sich die Band untereinander verständigt. Hätte Aimée nicht darauf hingewiesen, wäre niemand darauf gekommen, dass Schlagzeuger Yoann Serra den allerersten Gig überhaupt mit der Band spielt. Zusammen mit Bassist Lex Warshawsky baut er wie im fantastischen „It’s over now“ einen Groove, der so massiv steht wie einst der Koloss von Rhodos, nur eben nicht so steif, sondern mit nickendem Kopf und kreisenden Hüften.

    Dazu malt Dave Torkanowsky am Piano in allen Farben seines Instruments. Er dämpft die Saiten des Flügels mit der Hand und lässt die tiefen Lagen klingen wie eine Rockgitarre, streut kleine moderne E-Piano-Figuren ein und spielt sich bei Hochgeschwindigkeitslines die Finger wund. Dieser Pianist formt mit den Händen ein Herz für den Bassisten, tadelt lächelnd den Schlagzeuger mit einem kurzen Fingerzeig, weil der eine Millisekunde zu spät eingestiegen ist, oder lässt spontan ein paar Takte wiederholen, weil er noch keine Lust hat, sein Solo zu beenden.

    Augsburger Jazzsommer: New Orleans trifft auf Chanson

    Cyrille Aimée freut sich sichtlich über ihre tolle Band. Das hält sie nicht davon ab, die Bühne kurz „ein wenig von Testosteron zu befreien“, um ein leises Stück in ihrer Muttersprache alleine aufzuführen. Da reicht auf einmal ihre alte Heimat mit dem Esprit des Chansons der neuen Heimat New Orleans, der Wiege der Populärmusik, die Hand. In ihren Stücken findet man die Eingängigkeit der Popmusik, die Energie der Rockmusik und die Formfreiheit des Jazz. Es steckt so viel Musik in ihr, dass dort eigentlich kein Platz mehr für innere Organe sein kann – das Herz ist aber bestimmt noch da, das ist jedem Moment des 90-minütigen Konzerts anzuhören.

    Die vielen Menschen, die im Kreis um die Bühne im Rosenpavillon des Botanischen Gartens sitzen, sind begeistert. Und so kehrt sie noch einmal alleine zurück unter das hölzerne Dach für ein letztes kleines Schlaflied, das von Pablo Nerudas Gedicht „I like it when you’re quiet“ beeinflusst wurde. Cyrille Aimée erzählt, dass sie von so viel Lärm und Hektik umgeben ist, dass sie manchmal in die Natur flieht, um wieder hören zu lernen. Denn hat man das Dröhnen der Stadt erst einmal hinter sich gelassen, kann man die Melodien der Natur wieder hören.

    Und plötzlich, bei den letzten drei langen Atemzügen nach dem Schlussakkord dieser wundervollen kleinen Ballade, rauscht der aufkommende Wind durch die Blätter des Stadtwaldes, als wollte er sagen: Cyrille Aimée hat recht.

    • Das ganze Programm vom Jazzsommer 2022 in augsburg finden sie hier.
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