Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Feuilleton regional
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Bei den Augsburger Philharmonikern tritt eine Violine gegen die KI an

„Zukunft(s)musik“

Wenn eine Violine gegen die KI antritt

  • |
  • |
  • |
  • |
    Ist das Individuum noch das Entscheidende? Zum Konzept des „Maschine und Mensch“-Konzerts in der Brechtbühne gehörten auch Visualisierungen.
    Ist das Individuum noch das Entscheidende? Zum Konzept des „Maschine und Mensch“-Konzerts in der Brechtbühne gehörten auch Visualisierungen. Foto: Rüdiger Heinze

    Seit künstliche Intelligenz in der Welt ist (und Robotik), wächst die Zahl der Stimmen, die sich fragen, warum die Menschheit es darauf anlegt, sich in vielen Bereichen – nämlich bis hin zum Programmieren – überflüssig zu machen. Es ist aber nicht die Menschheit, die es darauf anlegt. Es sind – beim Nebeneffekt medizinischen Fortschritts – einige auf das sogenannte Recht des Stärkeren pochende Staatsmänner und einige Tech-Milliardäre. Es geht um Einfluss, Macht, Herrschaft und um Knete, verdammt viel Knete.

    Diese Situation muss natürlich zumindest im Hintergrund mitschwingen bei einem Musikprojekt, das sich „Maschine und Mensch“ nennt. Denn KI wird auch schon in der Musik wirtschaftlich genutzt, vor allem wenn es darum geht, Film- und andere Funktionsmusik urheberrechtsfrei und kostengünstig zu produzieren. Nun haben die Augsburger Philharmoniker in ihrer Reihe „Zukunft(s)musik“ fünf jungen Komponisten ein Podium gegeben, ihre mithilfe von KI geschaffenen Werke vorzustellen: In Kooperation mit der Münchner Musikhochschule spielten die Philharmoniker „analog“ auf der Brechtbühne des Gaswerks tönende Kunst, die von Vorschlägen der KI mitbestimmt ist. Mehrfach maßgebend dabei: ein programmierter „selbstspielender“ Flügel.

    Ein KI-Werkzeug mit dem sinnigen Namen „Ricercar“

    Das Wörtchen „mitbestimmt“ durch KI ist wesentlich. Immer wieder wurde seitens der Komponisten betont, dass ihnen KI nur als Werkzeug diene, um herauszufinden, was künstlerisch interessant sein könnte. Vollkommen uninteressant – auch für das Publikum – sei es, wenn die KI alleine arbeite und automatisierte Musik ausspucke. Man sei stattdessen Steuerer dessen, was KI für die Musik als Kunstform leisten könne. Dieses Werkzeug: ein mit Tausenden von urheberrechtsfreien Kompositionen gefüttertes System des sinnstiftenden Namens „Ricercar“. Zusätzliches individuelles Training und individuelle Arbeitsaufträge brachten es dazu, Vorschläge (für Klavier, nicht für Orchester!) zu unterbreiten, die als untauglich verworfen oder eben weiter bearbeitet wurden.

    Und nun erklangen also die übersichtlichen Werke auf der Brechtbühne, während das Publikum erstens Gelegenheit erhielt, scharfen Ohres darüber nachzusinnen, wie hoch und in welchen Passagen dabei wohl der jeweilige kreative Anteil von Mensch und KI in Erscheinung tritt. Gleichzeitig lag es, zweitens, auf der Hand, das Gehörte mit bereits bekannter Musik abzugleichen, um herauszufiltern, ob und gegebenenfalls wie viel Neues, Unerhörtes in ästhetischer Hinsicht passiert. Dritter Prüfpunkt schließlich: der Vergleich mit einer noch rein von Menschenhand verfassten Komposition des 2. Kapellmeisters am Staatstheater, Sebastiaan van Yperen, der an diesem Abend auch dirigierte.

    Wie viel Mensch, wie viel KI - das war schwierig auszumachen

    Die Hörer also konnten sich gefordert fühlen bei dieser Momentaufnahme von technischer und menschlich-künstlerischer Entwicklung. Die erste Prüfungsfrage bleibt wohl am schwierigsten zu beantworten. Allerdings nicht in Peter Tukoras Komposition „Concerto after BWV 1058“, in dem die Tutti-Teile von Bach übernommen sind, während die Solo-Anteile eine erkennbar „modernere“ Sprache sprechen. Das Stück, so wie es jetzt tönt, erinnert – mit Verlaub – stark an die Bach-Paraphrasen von Walter Carlos um 1970, als es modern war, die Klassiker zu verjazzen, zu verpoppen, zu verrocken. Aber ansonsten blieb es doch schwierig auszumachen bei einer im Grunde hundertprozentig motorischen Musik, wie viel Mensch und wie viel KI am Werk war. Denn das gehörte ja eben über weite Strecken auch zum Abend: das selbstspielende Klavier, das strikt Tempo und Metrum vorgab. Dem hatten Dirigent und Musiker Folge zu leisten.  

    Zweite Prüffrage, die nach dem bislang „Unerhörten“. Zusammenfassend darf sich behaupten lassen: Es hielt sich in Grenzen. Kaum etwas, das stilistisch über die kompositorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts hinausgegangen wäre. Hier ein Anklang an Kurt Weill, da einer an Strawinsky, dort an Clusterbildung oder Aleatorik. Mal eine walzer-, eine choral-, eine marschartige Passage, dann auch pathetisch Filmmusikalisches, mit dem die „Ricercar“-KI offenbar ausreichend gefüttert ist. Finnian Mattinglys Eröffnungsstück „They’ve invented a new machine“ erinnerte an Conlon Nancarrows klimpernde Klaviermusik.

    Bleibt die dritte Prüfungsfrage. Und da war es interessant zu hören, dass die Violin-Solistin Agnes Malich in Sebastiaan van Yperens selbstkomponierter Geigenromanze mehr atmend-phrasierende Adagio-Empfindsamkeit an den Tag legte als ansonsten – und einstweilen – erklang an diesem hochinteressanten Abend mit anschließender Diskussion.    

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren