Dass er seit geraumer Zeit nicht genau wüsste, was er tut, darf ausgeschlossen werden. Helge Leiberg, der einstige Multimedia-Künstler und Pionier der DDR-Kunstszene, hat in den 1970er-Jahren an der Dresdner Hochschule der Bildenden Künste bei Gerhard Kettner studiert; er malte und musizierte über viele Jahre hinweg zusammen mit seinem berühmten, 2017 verstorbenen Kollegen A. R. Penck; er erhielt regionale Kunstpreise. Er versteht es fraglos, wie sein Thema wirkungsvoll in Szene zu setzen ist. Leiberg hat, das kann man so sagen, den dynamisierten Bogen raus. Jetzt werden seine Arbeiten erneut in der Galerie Noah gezeigt – auf derselben Etage wie das im Dornrösschen-Schlaf befindliche Museum Walter, wo sowohl Leiberg wie auch A. R. Penck schon mehrfach vertreten sind.
„Move“ heißt die Schau mit knapp 50 Arbeiten von Helge Leiberg
Leibergs Thema, dies ist der aus sich heraustretende, der sich entäußernde, auch der Aufmerksamkeit beanspruchende Mensch – vielfach die nackt tanzende oder zumindest mimisch agierende gertenschlanke Frau, aber auch der nackte Mann, mitunter improvisierend, jazzig Trompete oder Flügelhorn spielend, so, wie Helge Leiberg es selbst tut. Seine Figuren, ob als Schattenriss gemalt oder in dunkler Bronze gegossen, bewegen etwas oder sind bewegt. Ihre überlangen spindeldürren Arme, ihre überlangen spindeldürren Beine, ihre übergroßen Hände, in die leicht der Kopf passt: Alles greift weit aus in den Raum. Präsenz ist ihnen, darunter „Komm meine Schöne“ und „Langgestreckt“, mitnichten abzusprechen. Stand- und Spielbein – oder gar zwei Spielbeine auf Fußspitzen – verkünden Spannung, Bewegung, Tanz, vielleicht sogar Rausch. „Move“ heißt die Schau mit knapp 50 Arbeiten aus den Jahren 2002 bis 2025, darunter auch Zeichnungen, in der Galerie Noah.
Zwar nicht die Extremitäten, doch die ranken Bronze-Leiber bleiben natürlich proportioniert: stehende Brüste, gebärfreudige Becken, ausgeprägtes Hohlkreuz, auf dass mit Hüftschwung die fünf Buchstaben besonders plastisch ins Profil und zur Geltung gelangen. Junge Frauen in theatralisch-tänzerischer Aktion, dies also ist Helge Leibergs bevorzugtes plastisches Thema – lustvoll bühnendramatisch, lustvoll affektvoll, auch lustvoll exaltiert. Das Gereizte, das Aufreizende und das Gespreizte werden bei Leiberg schnappschusshaft zur Tat auf Sockel und Plinthe.
Leibergs Kunst ist manchmal formelartig bis plakativ
Und dies setzt sich in seiner Malerei fort. Kaum vollkörperliche Plastizität, weit mehr überstreckte Silhouettenhaftigkeit begegnet den Betrachtern auch hier. Vor unaufwendig gemaltem lichten Hintergrund in Weiß, Grau, Gelb oder Himmelblau dehnen, strecken, kämpfen, springen, musizieren, tanzen schwarze Schatten-Figuren, wie bei A. R. Penck aus dem archaisch Zeichenhaften entwickelt, nicht aus kunstvoll mimetischer Plastizität. Das trägt etwas Formelartiges in sich, mitunter gar Stempelartiges – oder, insbesondere bei den „musikalischen“ Szenen, etwas stark Plakatives. Nicht gemindert durch die häufig tachistisch farbsprühenden Köpfe in den Acryl- und Papier-Arbeiten, die mitunter Bezug nehmen auf den Mythos („Sisyphos“) und die Bibel, etwa im Zyklus „Hoheslied Salomo“. In den letzten Jahren indes scheint Leibergs klar schattenrissgeprägte Motivik aufzubrechen; nun dekonstruiert er auch collagenhaft und mehrschichtig seine typisierte Körperauffassung, etwa in „After Date“.
Drei Grate, auf denen der 1954 in Dresden geborene, 1984 von der DDR ausgebürgerte Helge Leiberg künstlerisch tätig ist, dürfen als ebenso schmal bezeichnet werden wie so viele schwungholende Arme seiner Tänzerinnen. Zumindest, was die Präsentation in der Galerie Noah anbelangt, darf zu bedenken gegeben werden: Er selbst balanciert zwischen erotischen Anziehungskräften, die im Hoheslied Salomos übrigens zwischen den Zeilen Ausdruck gegeben werden, und explizit sexualisierter Körperhaftigkeit. Er selbst begibt sich in die Gefahr, dass die Stilisierung seiner Körperauffassung fließend überzugehen droht ins Manierierte. Helge Leiberg hat ein künstlerisches Markenzeichen entwickelt, das des Öfteren auf den zweiten Blick hin weit weniger attraktiv erscheint wie auf den ersten. Das Wiedererkennbare ist optimiert bis zur Verwechslung. Leiberg weiß seit geraumer Zeit genau, was er tut. Vielleicht zu genau. So können sich Kalkül und Routine ins Werk einschleichen.
Info: Helge Leiberg: „Move“. Ausstellung in der Galerie Noah im Glaspalast (Beim Glaspalast 1). Dauer: bis 10. Mai. Geöffnet: Di. bis Fr. 11 bis 15 Uhr, Sa., So., Fei. von 12 bis 17 Uhr.
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