Die in diesen Frühlingstagen sich geradezu euphorisch entfaltende Natur begleitete nicht ganz unpassend das Programm des sonntäglichen Konzerts auf Schloss Kirchheim. Im Zedernsaal breitete die Neue Schwäbische Sinfonie unter der Leitung von Gerhard Fackler mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms ein Panorama aus, das sozusagen von den dunklen Seiten des Winters und dem nicht mehr aufzuhaltenden Licht des Frühlings kündete. Es entstanden kontrastreiche Bilder, Stürme und Stationen. Doch diese sich ergebenden Geschichten und Gefühle sind alles andere als nur illustrativer Zierrat. Ihre Wirkung ist getragen besonders von der kompositorisch genialen Meisterschaft dieser beiden Tonschöpfer.
Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 3 in a-moll, genannt die „Schottische“, ist das Ergebnis einer Reise des jungen Genies in die Highlands mit ihren düsteren Schlössern, Geschichten, Gemäuern und der windumtosten Natur des Meeres. Mendelssohn arbeitete lange daran bis zur Aufführung, war zwischendurch schon mit der südlich „heißen“ Vierten, seiner „Italienischen Sinfonie“, beschäftigt. Und er fand eine wunderbare Lösung für die äußerlich rauere „Schottische“.
Musik mit vielen feinen Hell-Dunkel-Schwankungen
Wilden, rauschenden, gefährlich pfeifenden Stürmen im ersten Satz folgt ein übermütig seliges, von einem lustvoll perlenden Klarinettensolo eingeleitetes Vivace. Der Balladen-Ton, die Lied-Elemente im Adagio, der energisch punktierte Gestus im Finale - all dies mit den vielen feinen Hell-Dunkel-Schwankungen erscheint wie ein metaphorisches Spiel des Lebens, realisiert mit größter Tonkunst. Dirigent Gerhard Fackler geizte nicht mit riskant rasenden Tempi in den flirrenden Szenen, zog mit seinem Orchester aber die überzeugenden melodischen Elemente in den Raum.
Noch gewaltiger in den Kontrasten als der mit eher apollinisch heiterem Zauber gesegnete Mendelssohn geht Johannes Brahms diesen Entwicklungsweg vom Dunkel ins Licht, ganz im Sinn der lateinischen Sentenz „per aspera ad astra“. Sie findet statt in seiner Sinfonie Nr. 1 c-moll op. 68, die ebenfalls einer sehr langen Entstehungsgeschichte unterworfen war, bis sie, übrigens vor 150 Jahren, zur Uraufführung kam. Immer spürte ihr Schöpfer Brahms, wie auch andere große Komponisten-Kollegen, den sinfonischen Riesen im Rücken, Ludwig van Beethoven. Doch auch Brahms - wie Mendelssohn - fand den Weg, wie seine Erste zeigt. Der Klang der instrumentale Palette, die Brahms einsetzt, reicht vom Piccolo bis zum geradezu archaisch tief knarzenden Kontrafagott. Es ereignen sich melismatische Holzbläsermischungen und gezielte Auftritte, oft in Choralform, einer Blech-Phalanx. Die Pauke scheint den Koloss, vom ersten Einsatz bis zum Finale, mal kantig, mal sanft.in Bewegung zu bringen.
Ekstatisch rauschendes Finale
Was sich in den vier Sätzen abspielt bis hin zum ekstatisch kulminierenden Finale, ist ein von Brahms inszenierter Prozess mit feinsten kammermusikalischen Szenen, solistisch leuchtenden Instrumentalkombinationen (Dace Salminas Violin-Solo im Andante), dem lieblich, auch doppelbödig-schaukelnden Spuk (Allegretto) bis zur motorisch unerbittlichen Attacke. Gerhard Fackler, auswendig dirigierend, forderte vor allem dramaturgisch nicht nachlassende Spannung ein und bekam sie auch vom Orchester, das eine überaus respektable und applaudierte Interpretation dieses gigantischen Werks ablieferte.
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