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Hein Kohn, Agent verbrannter Bücher: Eine Ausstellung erinnert an den Exilverleger

Brechthaus

Ausstellung in Augsburg: Er war der Agent der verbrannten Bücher

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    Die verfemten Autoren waren sein Anliegen ebenso wie die Literaten der Nachkriegszeit: Hein Kohn.
    Die verfemten Autoren waren sein Anliegen ebenso wie die Literaten der Nachkriegszeit: Hein Kohn. Foto: Internationaal Literatuur Bureau

    Einer der bedeutendsten Bewahrer der von Nationalsozialisten verfemten und verbrannten deutschen Literatur ein gebürtiger Augsburger? Den wenigsten in dieser Stadt dürfte der Name Hein Kohn geläufig sein. Das will eine Sonderausstellung im Brechthaus nun ändern. „Tücher und Bücher“, so der Titel der Schau, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Leben und Vermächtnis von Hein Kohn in seiner Heimatstadt in Erinnerung zu rufen.

    1907 geboren, war Kohn der Sohn einer jüdischstämmigen Tuchhändlerfamilie (daher die „Tücher“ des Ausstellungstitels), das Elternhaus stand in der Kaiserstraße, der heutigen Konrad-Adenauer-Allee. Mit Textilhandel aber hat der junge Heinz, wie er ursprünglich hieß, nichts im Sinn. Ihn zieht es, geprägt durch Internatsjahre in der reformpädagogisch orientierten Freien Schulgemeinde Wickersdorf (Thüringen), hin zur Beschäftigung mit geistigen Stoffen. 1925 beginnt er eine Lehre in der Augsburger Verlagsbuchhandlung Lampart & Comp. in der Annastraße. Hier begegnet er Brecht, von dessen Besuchen er später erzählt, dass der „ganz scharf“ auf Kriminalromane gewesen sei und ganz besonders solche mit chinesischem Hintergrund. Auch habe Brecht mit dem Buchhandlungs-Chef Lampart eine Leidenschaft für Autorennen verbunden.

    Ein Blick auf Augsburg in den 1920er Jahren

    Bei diesen Stichworten muss der Stummfilm Erwähnung finden, der in der Ausstellung gezeigt wird. Ein kurioser Streifen, handelt es sich doch um den (fiktiven) Ausflug eines begüterten Paars mittels Automobil durch die Augsburger Innenstadt der 1920er Jahre, mit Haltepunkten an verschiedenen Läden, darunter auch die Lampartsche Verlagsbuchhandlung. Die Kamera folgt dem gemächlich dahinzuckelnden Wagen der beiden Ausflügler auch durch eine ganze Reihe von Straßen und Gassen – visuelles Kleinod für alle, die einen Eindruck von Augsburgs Fassaden vor den Zerstörungen des Krieges bekommen wollen.

    Zurück zu Hein Kohn. Den zieht es in die Buchhandelsstadt Leipzig, wo er einen einjährigen Fachkurs belegt, sich aber auch politisch zu verankern beginnt im sozialdemokratischen Spektrum. Nach dem Abschluss betreibt er mit einem Kompagnon in Hamburg erstmals eigenständig eine Buchhandlung, die rasch ins Fadenkreuz von SA-Trupps gerät. Nicht nur, dass die Schaufenster eingeworfen werden, weil in die Auslage unter anderem John Heartfields satirische Collage „Tiere sehen dich an“ gestellt ist, eine Fotomontage mit Gesichtern hochrangiger Generale. Sondern auch, weil Kohn einen Verkaufsschlager erzielt mit den von ihm verlegten „Liebesbriefen des Hauptmann Röhm“ – homosexuellen Briefen des SA-Stabschefs, der später auf Hitlers Befehl hin ermordet wird.

    Ein Jugendfreund hilft Kohn, ins Exil zu gehen

    Hein Kohn jedenfalls steht im Fadenkreuz der Nazis, als diese 1933 die Macht übernehmen, und setzt sich im Mai des Jahres in die Niederlande ab. Das gelingt dank des Augsburger Jugendfreunds Paul Baumgärtner, in Hilversum tätig als Ingenieur, der Kohn einen fingierten Arbeitsnachweis verschafft. Rasch findet der Exilant Kontakt zum niederländischen Arbeiter-Radiosender VARA, für den auch ein weiterer Deutscher, der Sänger, Schauspieler und Brecht-Weggefährte Ernst Busch, tätig ist. Die beiden gründen ein Hilfskomitee für Geflüchtete und gehen in den Niederlanden zusammen auf Tournee, zu den zentralen Vortragspunkten gehört Brechts „Solidaritätslied“.

    Im Herbst 1933 gründet Kohn zusammen mit einem Mitarbeiter des Radiosenders den Verlag Bücherfreunde Solidarität, die Ausrichtung ist erklärtermaßen antifaschistisch. Gleich der erste Band versammelt Gedichte verfemter Autoren aus Deutschland wie Brecht, Graf, Kästner, Toller, Tucholsky und zahlreiche andere. Eine weitere Verlagsgründung nimmt Kohn 1936 vor mit der Niederländischen Büchergilde, die ausschließlich Titel in niederländischer Sprache vorlegt, ob als Original oder in Übersetzung. Darunter auch – die Ausstellung zeigt den damaligen Einband – der „Driestuiversroman“, Brechts „Dreigroschenroman“. 1934 erstmals auf Deutsch herausgegeben vom niederländischen (Konkurrenz-)Verlag Allert de Lange, wird die Übersetzung (1939) ein Erfolg für Kohns Verlag, der Stoff ist auch in den Niederlanden populär spätestens seit der Verfilmung der „Dreigroschenoper“ 1931.

    Untergetaucht im eigenen Haus

    Als im Frühjahr 1940 deutsche Truppen die Niederlande besetzen, erhält Kohns Verlag Publikationsverbot, er selber wird verhaftet, kommt wieder frei und taucht unter – im eigenen Haus, das regulär weiter seine Ehefrau Rosel, ebenfalls gebürtige Augsburgerin und laut Nazi-Jargon „Arierin“, bewohnte. Kahn, der heimlich weiter seinen Verlagsgeschäften nachgeht, bleibt unentdeckt und knüpft gleich nach Kriegsende wieder an seine Vorkriegstätigkeit an. So gibt er 1945 den Band „Theresienstädter Bilder“ mit Gedichten der Autorin Elsa Dormitzer (1877-1958) heraus. Texte, die im KZ entstanden – in der Ausstellung ist Dormitzers Koffer zu sehen, den sie aus Theresienstadt mitführte.

    Auch wenn Hein Kohn nach dem Krieg weiterhin für die verfemten Literaten eintritt, verlagert er doch sein Hauptbetätigungsfeld. Er wird Literaturagent, dem erfolgreiche Vermittlungen glücken, in den ersten Jahren etwa die niederländischen Publikationen von C. W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ sowie Hans Hellmut Kirsts „Wir nannten ihn Galgenstrick“. 1951 gründet er die Literaturagentur Internationaal Literatuur Bureau, deren Logo er von dem Augsburger Grafiker Eugen Nerdinger gestalten lässt. Von seiner positiven Erinnerung an die eigene Herkunft zeugt in der Ausstellung auch eine – zum Verkauf stehende – Augsburger Stadtansicht, die er sich von dem Maler Ernst Metz anfertigen lässt.

    Kohns Bedeutung für die Wiederannäherung

    Kohn ist bald Agent großer deutscher Verlage und bedeutender Schriftsteller für den niederländischen Buchmarkt. „Aus dem Augsburger Lehrling“, bilanziert die Ausstellung, „war ein Kosmopolit geworden.“ Die Agentur wird nach dem Tod Hein Kohns 1979 von seinem Sohn und mittlerweile, im 75. Jahr des Bestehens, von seiner Enkelin weitergeführt. Dem Gründer komme das Verdienst zu, fasst Ausstellungskuratorin Ingvild Richardsen zusammen, durch seine Tätigkeit erheblich zur Wiederannäherung der Niederlande an die Deutschen nach dem Krieg beigetragen zu haben. Nicht weniger verdienstvoll Kohns Einsatz für die verfemte deutsche Literatur während der braunen Kulturbarbarei. Sein Name steht in einer Reihe mit den niederländischen Exilliteratur-Verlagen Querido und Allert de Lange.

    So hervorragend recherchiert die Ausstellung ist, wird ihr die Überfülle des präsentierten Materials doch auch zum Manko: Auf den zwölf grafisch anregend gestalteten Tafeln müssen die Texte teilweise auf Kniehöhe gelesen werden. Wer sich etwas bequemer in Hein Kohn vertiefen will, der sei auf das soeben im Volk-Verlag erschienene Buch „Tücher und Bücher“ von Ingvild Richardsen verwiesen (168 S., 18 €). Im Brechthaus wiederum gibt es im Rahmen der Ausstellung drei vertiefende Matineen, zu Hein Kohn und Ernst Buch (12. April), zur Exilliteratur in den Niederlanden (13. September) und zu Else Dormitzer (8. November).

    Tücher und Bücher. Im Augsburger Brechthaus (Auf dem Rain 7) Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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