Die holländischen Kolonisatoren müssen sich gefühlt haben wie im Schlaraffenland. Auf der 1598 von ihnen in Besitz genommenen, nach Moritz (Maurits) von Oranien „Mauritius“ genannten Insel im Indischen Ozean gab es so große Schildkröten, dass man auf ihrem Panzer zu mehreren reiten konnte. Über die Maßen reich an Fischen waren die Gewässer. Und dann gab es da diese schwanengroßen Vögel, die, weil flugunfähig, buchstäblich mit den Händen zu greifen waren und, der Fleischhunger der Seefahrer war groß, „hauffen weiß / mit Knütteln oder Pengeln … todt geschlagen“ werden konnten.
So steht es zu lesen in der zeitgenössischen Beschreibung der „Orientalischen Indien“ durch die Gebrüder Johann Theodor und Johann Israel de Bry, und diese im Jahr 1600 auf Deutsch und mit passendem Kupferstich illustrierte Schilderung bildet chronologisch den Anfang der aktuellen Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Sie ist jenem „todt“ geschlagenen Vogel gewidmet, den alle Welt unter dem Namen Dodo kennt, und präsentiert eine Vielzahl druckgrafischer Darstellungen, wie sie im Augsburger Bestand zu finden sind. Aber nicht nur der Bildmenge wegen hat die kleine Schau im Eingangsbereich des Bibliotheks-Interims in der Schillstraße den Titel „Dodo-Paradies“ erhalten. Dem ausschließlich auf Mauritius heimischen Tier, das schon im 17. Jahrhundert ausstarb, ist hier ein umfassendes, vielerlei Aspekte streifendes Comeback beschert.
„Fünff oder sechs gelebe Federlein“ sind zum Fliegen zu wenig
Der Dodo, auch Dronte genannt, hat bereits unmittelbar nach seiner Entdeckung die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das zeigen zahlreiche, oft Reisebeschreibungen beigegebene Illustrationen aus dem 17. Jahrhundert, Glanzzeit auch der damaligen Augsburger Stadtbibliothek, die über etliche dieser gedruckten Schätze verfügt. Darunter die erstmalige, nach damaligen Maßstäben als wissenschaftlich zu bewertende Beschreibung des Dodos durch Charles de l’Écluse in lateinischer Sprache (1605). Grobgestrickter die Beschreibung bei den Brüdern de Bry in einer Ausgabe von 1613. Demnach hat der Dodo „ein Fell / gleich einer Münchskappen vber den Kopf vnd keine Flügel / denn an statt derselben haben sie etwann fünff oder sechs gelbe Federlein“ – tatsächlich heben die Stummelflügel den massigen Körper nicht in die Luft.
Der britische Reiseschriftsteller Thomas Herbert war, im Unterschied zu den meisten anderen Autoren, 1629 selbst auf Mauritius gewesen. In seinem Bericht wird der Vogel erstmals als Dodo bezeichnet, und Herbert schreibt ihn dem Portugiesischen zu, wo er angeblich Einfalt bedeuten solle. Später wird in einschlägigen Beschreibungen schon mal darauf verwiesen, wie die Ureinwohner der Insel den dort heimischen Vogel genannt hätten. Was jedoch reine Erfindung ist, denn Mauritius war vor den Holländern unbesiedelt.
Im Englischen heißt es „dead as a dodo“
Es dauerte nur wenige Jahrzehnte, bis der Dodo ausgerottet war – für unsere heutige entsprechend sensibilisierte Zeit „Inbegriff des vom Menschen verursachten Artensterbens“, wie die Ausstellung formuliert. Im Englischen, wird ergänzt, habe sich sogar die Redewendung „dead as a dodo“ festgesetzt. Der erwähnte Thomas Herbert scheint es schon geahnt zu haben, als er den Dodo mit den Worten charakterisierte: „Sein Gesicht strahlt Melancholie aus, als wäre er sich der Ungerechtigkeit der Natur bewusst, einen so großen und massigen Körper mit so kleinen und dekorativen Flügeln zu haben …“ Eine Physis, die ihn den Keulenschlägen der Kolonisatoren regelrecht präsentierte. Wobei, darauf weist Bibliotheksleiter Karl-Georg Pfändtner hin, am Aussterben auch weitere menschenbedingte Faktoren ihren Anteil hatten, etwa von den Schiffen eingeschleppte Ratten, die das Gelege des Dodos fraßen.
Und doch, das Interesse an dem Tier blieb lebendig auch nach seinem Untergang. Mal mehr, mal weniger naturgetreue Abbildungen leisteten dazu ebenso ihren Beitrag wie – mal mehr, mal weniger realistische – Abhandlungen in naturgeschichtlicher Literatur. In den sich an ein breites Publikum wendenden „Unterhaltungen aus der Naturgeschichte“ meinte deren Verfasser, der Augsburger Pfarrer Gottlieb Tobias Wilhelm (1795) den Dodo aufgrund seines „plumpen, vierschrötigen Körpers“, der sich „kaum … selbst fortzuschleppen vermöge“, als „das wahre Faulthier unter den Vögeln“ denunzieren zu müssen. Doch das hinderte den rundlichen Vogel mit seinem langen markanten Schnabel nicht, zu einem regelrechten Star für Kinder zu werden. Wozu eine Vielzahl, schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts aufkommender Darstellungen in Schul- und Kinderbüchern beitrugen, bis hin zu – und wohl am berühmtesten – Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“.
Ein Dodo aus dem 3D-Drucker
Das Faible für den Dodo ist heute ungebrochen, Kinofilme wie „Ice Age“ künden davon, auch wenn er dort einmal im Feld der Unsympathen gelandet ist. Aus den großen naturkundlichen Museen wie in Berlin, Paris oder Wien ist der Dodo nicht mehr wegzudenken. Auch in der Augsburger Ausstellung finden sich mehrere Nachbildungen des exotischen Vogels. Die größte von ihnen entspricht dem Dodo des Wiener Naturhistorischen Museums und wurde eigens für die Ausstellung mittels 3D-Druck hergestellt.
Dass der Dodo längst zum Sympathieträger geworden ist, zeigt eine letzte Vitrine in der Staats- und Stadtbibliothek. Worin zu sehen ist, wie das Bild des ausgestorbenen Vogels inzwischen für Marketingzwecke herhalten muss: ob als Badehandtuch mit „Dodo“-Schriftzug, als kleines Lego-Flugzeug mit Dodo-Pilot oder als hochprozentiges Getränk namens „Lazy Dodo“. Auch in der Verkaufsförderung ist das ausgestorbene Tier also quicklebendig.
Dodo-Paradies. Bis 31. Juli im Interimsquartier der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg (Schillstraße 94), geöffnet Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei. Ausgesprochen empfehlenswert der 148-seitige Katalog (23 €). Das Rahmenprogramm findet sich online unter www.sustb-augsburg.de.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren