Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Feuilleton regional
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Uwe Westphal mit dem RIAS Kammerchor beim Mozartfest: Hier wird ordentlich gezwitschert

Festival

Augsburger Mozartfest: Bei diesem Chor wird ordentlich gezwitschert

  • |
  • |
  • |
  • |
    Welcher Vogel ist jetzt da? Der RIAS Kammerchor singt unter der Leitung von Justin Doyle, Ornithologe Uwe Westphal (sitzend) zwitschert zwischenrein.
    Welcher Vogel ist jetzt da? Der RIAS Kammerchor singt unter der Leitung von Justin Doyle, Ornithologe Uwe Westphal (sitzend) zwitschert zwischenrein. Foto: Bastian Walcher

    Man glaubt, man steht im Wald. Jedenfalls zwitschert’s hier wie im Grünen, auch die schweren Vorhänge im Hintergrund der Bühne schimmern in der Farbe frischen Tanns. Und Antwort erschallt, als käm’s von Bäumen ringsumher, Antwort in der Klanggestalt leichtfüßigen Chorgesangs. Von rechts, von links aus den Umgängen des Parktheaters treten einzelne Interpreten singend und tirilierend auf die Bühne, vereinigen sich dort zum gut 30-köpfigen Chor, um ein Renaissance-Chanson zu vollenden, Clément Janequins „Gesang der Vögel“. Darum wird es den ganzen Abend gehen: dass Chorlied und Vogelkunde Hand in Hand ein Loblied auf die Vogelwelt anstimmen.

    Der RIAS Kammerchor Berlin und der Vogelstimmenimitator Uwe Westphal haben sich zusammengetan für dieses Programm, das beim Mozartfest in dem zur Großvoliere mutierten Parktheater über die Bühne geht. „Was haben wir da gerade gehört?“, fragt nach dem letzten Ton des Janequin-Lieds Chorleiter Justin Doyle den älteren Herrn, der da aufmerksam lauschend mit auf der Bühne sitzt. Gartenrotschwanz, Rotkehlchen, Amsel, gibt Uwe Westphal zur Antwort und führt die Gesänge des Vogel-Trios, die in dem Chanson in kunstvoller Verarbeitung anklingen, nun separat und – wie macht er das bloß mit unserem Menschenstimmorgan? – in verblüffend „echter“ Imitation vor.

    Die Eule, sagt Uwe Westphal, hat den Tod bedeutet

    Es ist ein so kurioses wie kurzweiliges Konzept. Der RIAS Kammerchor singt Vokalsätze von der Renaissance bis in die Jetztzeit, die Bezug nehmen auf Vögel und ihren Gesang. Und der Ornithologe Uwe Westphal hält dazu ein launiges Kolleg mithilfe selbsterzeugten Vogelgesangs. Ob Glockenhonigfresser, Paradiesvogel oder Höckerschwan, ob Taube, Nachtigall und Eule – Westphal weiß scheinbar alles über die Federfauna, nicht nur über deren Lauterzeugung, sondern auch über Kulturgeschichtliches. Das „Ki-witt“ des Steinkauzes, erzählt er, galt den Menschen früherer Zeit als übles Omen, weil man glaubte, ein „Komm mit“ zu hören, eine Aufforderung zum Gefolge in den Tod. Edward Elgars „Owls“ (Eulen), das in Text und Musik gekonnt mit Schauer-Elementen spielt, wirkt dann auch gleich noch einen Grad schauriger, wenn Westphal an lichten Stellen des Chorsatzes einen Eulenruf platziert.

    In der Verblüffung über all die Vogelstimmenimitate geht fast ein wenig unter, welch superbe Sängergemeinschaft der Chor aus Berlin darstellt. Das gilt gerade auch für die hoch anspruchsvollen Chorsätze zeitgenössischer Komponisten wie Edward Cowie, der die Sängerinnen und Sänger das Klangbiotop des australischen Buchs evozieren lässt, mit anfänglichem Gezischel und im Weiteren mit einer Vielzahl von Effekten, mit denen die Moderne das sängerische Ausdruckspotenzial erweitert hat. Einerseits als Konvolut vieler Stimmen klanglich festgefügt zu sein, anderswo sich in viele parallele Einzelstimmen aufzulösen, sich in engem Intervallabstand zu reiben, luzide Flächen zu bilden wie tönende Lasuren: Dem RIAS Kammerchor ist nichts unmöglich, noch das Schwierigste entsteht ohne hörbare Kraftanstrengung, selbst der aus höchster Sopranhöhe fallende, an die Nachtigall gemahnende Stimmenschlag.

    Uwe Westphal ist überzeugt: Das stimmt so nicht, Goethe!

    Apropos Nachtigall. Hier, bei Gelegenheit von Mendelssohns gleichnamigem Lied, irrte dessen Texter, rüffelt Uwe Westphal den Verfasser, niemand Geringeren als Goethe. Schrieb der doch, die Nachtigall, im Frühling zurückgekehrt, singe „alte Lieder“. Von wegen, Nachtigallen komponieren alle Jahr‘ aufs Neue!

    Das Publikum, von Gesang wie von den Imitaten schwer bezirzt, erklatscht sich am Ende noch „Blackbird“ von den Beatles. Wobei in der Fassung des RIAS Kammerchors der besungene Vogel selbst das letzte Wort hat, sprich: einen Zwitscherer von der Amsel – alias Uwe Westphal.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren