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Was macht Fantasy-Theater anders als normales Theater?

Trend

Raus aus der Realität, rein ins Fantasy-Theater

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    Effekte wie aus einem Kinofilm: Das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind", hier in einer Aufführung in Hamburg, ist ein Paradebeispiel für Fantasy-Theater.
    Effekte wie aus einem Kinofilm: Das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind", hier in einer Aufführung in Hamburg, ist ein Paradebeispiel für Fantasy-Theater. Foto: Manuel Harlan, dpa

    Scheinwerfer streifen suchend durchs Publikum und versuchen, die Geflüchteten aufzuspüren. Es blendet, man kneift die Augen zusammen, sucht selbst nach ihnen. Da sind sie! Ein Schrei aus der hinteren linken Ecke: Dunkle Gestalten tauchen am Ende des Saals auf und bahnen sich einen Weg durch die Reihen. 

    Fantasy-Theater bedient sich verschiedener Effekte, um Zuschauerinnen und Zuschauer noch mehr in die magischen Welten der Inszenierungen zu ziehen. Dem neuen Genre gelang in den letzten drei Jahren dank seiner immersiven Gestaltung ein regelrechter Durchbruch. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Richtung ist das Theaterstück "Harry Potter und das verwunschene Kind". Warum aber wird Fantasy Theater immer populärer? 

    Fantasy-Theater schafft eine klare Trennung zur realen Welt

    Danica Stojanovic ist wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Augsburg. Ihre 400-seitige Doktorarbeit hat sie über Fantasy-Adaptionen auf der Bühne verfasst. Die Idee, das Fantastische in Theater und Literatur zu integrieren, gäbe es schon länger. Schon in Shakespeares "Hamlet" tauchten beispielsweise fantastische Phänomene wie Geister auf. Fantasy sei damals aber nur ein Modus gewesen, die Elemente wurden in das realistische Theater mit eingebaut. Moderne Inszenierungen würden dagegen eine klare Trennung zur realen Welt vornehmen und sich meist ausschließlich in abgeschlossenen magischen Sphären bewegen. Fantastisches Theater ermögliche es, aus der Realität in eine völlig neue Welt zu flüchten, spiegele aber gleichzeitig Problematiken der Zeit wider. "Fantasy-Theater ist sich sehr bewusst, was in der Welt passiert, es präsentiert diese Dinge nicht direkt, sondern impliziert sie", sagt Stojanovic. 

    "Das Wichtigste ist das Erzählen des Kontextes. Was ist normal in dieser Welt?", erklärt Stojanovic. Zu Beginn der Inszenierung erfolge meist eine besondere erzählerische Perspektive, auch transgenerische Narratologie genannt: Die Hauptfigur führt mit einer kurzen Erzählung in die magische Welt ein. Die Zuschauer bekämen so einen Überblick über die Logik der fantastischen Welt und könnten erkennen, was bewusst aus diesem individuellen Muster herausfällt. In dem Musical "Wicked - Die Hexen von Oz" ist es beispielsweise der Zauberer von Oz, der sich anders verhält. Alle Hexen des Stückes singen; seine Lieder werden aber nur mit der Sprechstimme vorgetragen. Das mache dem Publikum klar, dass der Zauberer nicht zu der vorgestellten Welt von "Wicked" passt und ihm die Rolle des Antagonisten zuteil wird.

    Assoziation mit den "Chroniken von Narnia"

    Die Romanreihe "Die Chroniken von Narnia", in der die kleine Lucy das Reich Narnia entdeckt, indem sie durch ein Portal in einem Kleiderschrank tritt, wird in dem Stück "The Ocean At The End Of The Lane" aufgegriffen. Hier steigt der Hauptdarsteller durch ein Fenster, und die Assoziation mit Narnia zeige dem Publikum direkt, dass das der Moment des Eintritts in die magische Welt ist. Aber auch Ungereimtheiten wie zum Beispiel, dass die Musik fröhlich ist, der gesungene Text dazu aber traurig, zeigt den Zuschauern, dass ein Charakter lügt oder etwas Geheimes plant. 

    "Fantasy Theater muss mehr überzeugen als klassisches Theater, weil es in eine andere Welt einführt", erklärt Danica Stojanovic. Dadurch seien die Inszenierungen immersiv gestaltet. Das Publikum wird Teil der Inszenierung, der magischen Welt. "Immersive Erfahrungen finden vor allem in emotionalen Szenen statt, um sie noch dramatischer wirken zu lassen." In "Harry Potter und das verwunschene Kind" kehren zwei Charaktere zurück, indem sie den Theatersaal von hinten betreten und durch die Reihen des Publikums auf die Bühne kommen. Das Wiederauftauchen von Snape löse Nostalgie aus, bei Lord Voldemorts Marsch durch das Publikum "fühlt man sich unwohl, möchte lieber woanders sein und bekommt Gänsehaut". Das Miteinbeziehen des Publikums erfolgt außerdem durch direkte Ansprachen, verschiedene Soundeffekte, Gerüche oder auch durch haptische Erfahrungen auf den Sitzplätzen. Zusätzlich werden physikalische Techniken angewendet, um magische Dinge so echt wie möglich darzustellen, wie beispielsweise die Dementoren in Harry Potters Welt.

    Das Fantasy-Theater testet seine Grenzen aus

    Fantasy-Inszenierungen, sagt Stojanovic, würden ein Gesamtpaket für das Publikum mitbringen. Bereits beim Betreten des Theaterhauses werde man in die Welt transportiert. Beim Harry-Potter-Theaterstück sei das ganze Haus im Stil der Filme und Bücher geschmückt und man fühle sich, als verbringe man seinen ersten Tag in Hogwarts. "Fantasy-Theater testet gerade langsam seine Grenzen aus und ist damit sehr erfolgreich." Große Aufführungen wie etwa in London sind nach Stojanovics Worten schon fast immer ausverkauft. Aber auch in Augsburg ist das Fantasy-Theater bereits zu finden gewesen. Danica Stojanovic erwähnt in diesem Zusammenhang eine 2021 erfolgte "Tintenherz"-Inszenierung des Staatstheaters

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