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Wenn Wasser klingt: Wolf Kerschek hat für die Augsburger Philharmoniker eine neue Komposition geschrieben

Interview

Wie schreibt man Musik zum Thema Wasser, Wolf Kerschek?

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    Ganz auf die Welt des Wassers, ganz auf „Orbis aquarum“ eingestellt: die Augsburger Philharmoniker gummibestiefelt am Hochablass.
    Ganz auf die Welt des Wassers, ganz auf „Orbis aquarum“ eingestellt: die Augsburger Philharmoniker gummibestiefelt am Hochablass. Foto: Jan-Pieter Fuhr

    Herr Kerschek, die Augsburger Philharmoniker haben einen Kompositionsauftrag an Sie vergeben. Wie lautete der?

    WOLF KERSCHEK: Ich muss ein wenig ausholen. Ich kenne die Augsburger Philharmoniker schon von anderen Projekten, die wir gemeinsam realisieren durften, und Orchester, Dirigent und Intendanz sind großartig. Deswegen habe ich mich besonders gefreut, als ich diesen Auftrag bekommen habe. Es geht dabei um das Wasser als Leben spendendes Element und darum, wie Augsburg schon vor Jahrhunderten damit umgegangen ist, weshalb Augsburgs Wassermanagement ja auch zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Es ging darum, ein Werk zu schaffen, das dieses alles thematisiert. Der ursprüngliche, noch relativ grob umrissene Auftrag hat sich dann in enger Zusammenarbeit mit dem Ideengeber und Intendanten André Bücker und sehr detailreich mit der Konzertdramaturgin Christine Faist noch konkretisiert bis zum tatsächlichen Kompositionsprozess.

    Texte bilden für „Orbis aquarum“, wie Sie Ihre Komposition genannt haben, eine wichtige Grundlage. Um welche Art von Texten handelt es sich, weshalb wurden sie ausgewählt?

    KERSCHEK: In „Orbis aquarum“ singt ein Chor in einem Werk, das eine ganze Historie beleuchten soll. Man hätte nun die Möglichkeit, selbst Texte zu schreiben, aber das hätte sich für mich merkwürdig angefühlt. Ich bin Komponist, kein Poet, und halte es für nicht so sinnvoll, wenn ich meine, in fremden Gewässern fischen zu müssen. Und dann war da auch die Frage, sollen die Texte auf Deutsch sein? Das würde das Werk eher nur auf unser Land beschränken, der Anspruch geht aber darüber hinaus. Machen wir das also auf Englisch? Aber alles, was im Augenblick im Popularbereich unterwegs ist, ist Englisch. Ich bin ein großer Lateinfan. So kam der Gedanke, dass dies die richtige Sprache wäre, Augsburg wurde ja von den Römern gegründet. Rückblickend eine recht konsequente Idee, außerdem politisch neutral, weil wir eben nicht der vermeintlichen Leitkultur unserer derzeitigen Welt den Vorzug geben, sondern in einer Sprache arbeiten, die es zwar nicht mehr gibt, die aber historisch mit Augsburg verbunden ist. Wir wählten also Zitate von großen Literaten, die etwas zu sagen und deren Worte die Jahrhunderte überdauert haben. Davon gibt es im lateinischen Sprachraum genug. So haben uns zum Beispiel Seneca, Ovid, Cicero und nicht zuletzt die Vulgata, die lateinische Bibel, genügend Schriften zur Thematik Wasser hinterlassen.

    In „Orbis aquarum“ gibt es zwei instrumentale Solopartien. Was können Sie darüber sagen?

    KERSCHEK: Ich wollte zwei Instrumente einbeziehen, die über den Kulturkreis des abendländischen Sinfonieorchesters hinausgehen, die zusätzliche Farben einbringen und Spielarten verwenden, die es in der Klassik nicht gibt. So bin ich auf Rony Barrak aus dem Libanon gekommen. Der spielt die im dortigen Kulturraum weit verbreitete Trommel Darbuka. Barrak ist nicht nur ein fantastischer Musiker, sondern auch in der Lage, mit einem westlichen Orchester zusammenzuspielen. Die Darbuka bringt zudem eine Rhythmik mit, die normalerweise in der abendländischen Tradition nicht vorkommt. Dazu habe ich Katie Zahn eingeladen. Sie stammt ursprünglich aus London und spielt alle möglichen Bambusflöten in diversen weltmusikalischen Traditionen, darunter die indische Bambusflöte Bansuri. Katie Zahn kommt ursprünglich aus der Klassik, spielt auch sagenhaft gut klassische Flöte und hat deswegen einen Zugang zum Sinfonieorchester, ist aber zugleich spezialisiert auf Ethnoflöten mit all ihren wunderschönen Farben.

    Von „Orbis aquarum“ soll es eine reduzierte Version für Schulen geben. Welche Idee steckt dahinter?

    KERSCHEK: Eine der wirklich wertvollsten Errungenschaften, die wir im Abendland haben, ist unsere klassische Orchestertradition. Für mich ist das unsere Identität. Aber Deutschland ist auch ein Einwanderungsland, und viele Menschen kommen aus anderen Kulturkreisen. Das ist eine Bereicherung in dem Moment, wo wir eine starke eigene Kultur haben. Mit ihr können wir auf Augenhöhe in einen Dialog treten mit Weltsichten, die für uns neu sind. Dann entsteht auch etwas Neues, Besonderes. Ich bin offiziell Jazzmusiker, und was mich daran fasziniert, ist genau das: Dass sich für die Entstehung des Jazz zwei Kulturen begegnet sind - mit Südamerika sind es sogar drei – und dadurch eine neue Musik entstanden ist. Als ich gehört habe, dass es mit „Orbis aquarum“ eine Schultour geben soll, war ich begeistert. Ich denke, dass es für die kreative Weiterentwicklung unserer Gesellschaft existenziell notwendig ist, dass schon Kinder unmittelbar erfahren, was für eine faszinierende Kultur ihre eigene ist. Und dass ein renommiertes Orchester wie die Augsburger Philharmoniker in die Schulen geht, ist ein wirklich großer Beitrag für diese wichtige Mission.

    Komponist und Konzert

    Aus Hamburg stammend, ist der 1969 geborene Wolf Kerschek in vielen musikalischen Bereichen tätig. Er arbeitet als Komponist und Dirigent, aber auch als Arrangeur und Jazzmusiker. Im Jazz wurzelnd, überschreitet Kerschek seit jeher gängige Genregrenzen und schreibt für Bigbands ebenso wie für Sinfonieorchester. Die Augsburger Philharmoniker haben bereits wiederholt Kompositionen von ihm aufgeführt, zuletzt 2022 die „Kantate für Trompete, Orgel und Orchester“.
    Jetzt, im 7. Sinfoniekonzert der Philharmoniker am Montag, 4., und Dienstag, 5. Mai, im Kongress am Park, steht neben der Uraufführung von Kerscheks „Orbis aquarum“ auch Beethovens 6. Sinfonie, die „Pastorale“, auf dem Programm. Domonkos Héja leitet die Aufführumg. Beginn ist um 19.30 Uhr, eine Konzerteinführung findet um 18.45 Uhr statt.

    Wolf Kerschek
    Wolf Kerschek Foto: Vincent Bachmann
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