Die Audiodatei ist kurz, exakt eine Minute und 25 Sekunden lang. Als sie im Saal des Landgerichtes abgespielt wird, herrscht unter den Zuschauern Anspannung und absolute Stille. Es spricht eine Frau, mit ruhiger, gefasster Stimme, was den Inhalt nicht weniger unerträglich macht. Es ist ein Notruf. Sie habe, sagt die Frau in der Aufnahme, einen Anruf von ihrer Enkelin erhalten, deren Mama liege am Boden, überall sei Blut. Den Anruf nimmt eine Mitarbeiterin in der Rettungsleitstelle entgegen. Sie schickt sofort Krankenwagen los, informiert die Polizei. Doch für Nina H., 30 Jahre alt, kommt jede Hilfe zu spät. Sie wurde ermordet, mit vier Schüssen in den Kopf.
Die Frau, die den Notruf in jener Nacht abgesetzt hat, ist ihre Mutter. Als die 54-Jährige am Montag als Zeugin aussagt, wirkt sie angegriffen, gezeichnet. Auch hier, im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter, ist sie dennoch größtenteils gefasst. Doch in ihrer stundenlangen Vernehmung bricht ihre Stimme immer wieder.
Wie berichtet, richtet sich die Verhandlung gegen einen 29 Jahre alten Mann, Gino F., der zuletzt in Augsburg lebte. In Haunstetten, ganz in der Nähe des kleinen Doppelhauses, in dem Nina H. mit ihren drei Kindern wohnte. Staatsanwalt Thomas Junggeburth wirft dem Mann vor, die Frau im Mai 2025 im Erdgeschoss regelrecht hingerichtet zu haben, vor den Augen des ältesten Kindes. Der Angeklagte bestreitet zum Prozessstart die Vorwürfe über eine Erklärung seines Verteidigers Jörg Seubert; es dürfte eine langwierige Verhandlung werden. Es ist ein Prozess mit mehreren Besonderheiten. Eine davon: Angeklagt ist Gino F., arbeitslos, aus Landsberg stammend – doch der hatte nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Zeit seines Lebens mit Nina H. nur wenig zu tun gehabt.
Prozess in Augsburg: Anklage beleuchtet auch die Rolle des Ex-Partners der Getöteten
Den Ermittlungen zufolge handelt es sich bei ihm um eine Art Ziehsohn des früheren Lebensgefährten von Nina H., dem Vater zweier ihrer drei Kinder. Kurz vor der Tat war der Angeklagte nach Augsburg gezogen, den Ermittlungen zufolge, um die 30-Jährige im Auftrag ihres früheren Partners auszuspähen. Nina H. soll sich von Gino F. bereits vor dem Mord bedrängt und belästigt gefühlt haben. Es gibt nach Recherchen unserer Redaktion aus Sicht der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft diverse Indizien, die für die Schuld von Gino F. sprechen, darunter DNA-Spuren. Doch der erste Prozesstag wirft auch Fragen nach der Rolle des früheren Partners von Nina H. auf, dem Ziehvater des Angeklagten, der allerdings nicht angeklagt ist.
Die Anklage und die Aussage der Mutter des Opfers befassen sich dennoch intensiv mit seiner Rolle. So beschreibt die Zeugin diesen Mann als eifersüchtig, dominant, wortkarg und aggressiv. Immer wieder habe ihre Tochter nach Beleidigungen oder Ausrastern Abstand von dem Mann gesucht, immer wieder habe er sie danach mit Geschenken und Zuneigung überschüttet und sie zurückgewonnen. Kurz vor dem Mord habe er Nina H. auf einer Grillparty geschlagen. „Da hat sie gesagt, das war es.“
Der früherer Partner von Nina H. soll die Trennung nicht akzeptiert haben
Fortan soll der frühere Partner ständig spontan vor der Tür gestanden sein, die Trennung nicht akzeptiert haben. Und, so sehen es die Ermittler, Gino F. angeheuert haben, um Nina H. auszuspähen. Griff der 29-Jährige daraufhin eigenmächtig und aus irrationaler Wut zur Waffe und erschoss die Frau? Um das herauszufinden, will sich das Gericht viel Zeit nehmen; die zuständige 4. Strafkammer unter Vorsitz des Richters Michael Eberle hat Termine bis in den Juni angesetzt.
Für die Mutter der getöteten Nina H. war jene Nacht im Mai 2025 ein Bruch im Leben, wie auch für die Kinder und weitere Verwandte und Bekannte. Als sie in der Nacht einen Anruf per WhatsApp erhalten habe, erwartete sie, das Gesicht ihrer Tochter zu sehen. Stattdessen sah sie das ihrer Enkelin. „Sie hat gesagt, Oma, Oma, du musst kommen, es ist überall Blut, Mama liegt am Boden.“
Die Zeugin, die neben ihrer Anwältin Isabel Kratzer-Ceylan sitzt, spricht detailliert zum Leben ihrer Tochter. Und zu ihrem eigenen. Seit Monaten zieht sie ihre drei Enkelkinder alleine groß. Mit dem ehemaligen Lebensgefährten ihrer Tochter steht sie in einem Sorgerechtsstreit. Anhand der Aussage wird klar, dass sie ihn mindestens indirekt mitschuldig am Tod ihrer Tochter hält. Als sie über die Nacht spricht, in der ihre Tochter umgebracht wurde und sie zum Haus eilte, um sich um ihre Enkel zu kümmern, bricht die 54-Jährige in Tränen aus. „Der Tod meines einzigen Kindes, man kann es nicht glauben“, sagt sie. „Es sind acht Monate vergangen. Ich glaube es immer noch nicht.“ Sie und ihre Enkel seien in Traumatherapie, vor dem ältesten Kind dürfe bis heute kein Luftballon platzen, sie werde sofort an den Mord an ihrer Mutter erinnert. „Und in der Nacht ist es schlimm, sie muss die ganze Zeit daran denken.“ Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt.
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