Dieses Haus in der Beethovenstraße 16 im Augsburger Beethovenviertel hat eine lange Geschichte. Nun soll sie um ein Kapitel reicher werden, das den Bewohnern nicht gefällt.Foto: Bernd Hohlen
Es kommt nicht oft vor, dass es noch Berichte aus erster Hand über historische Häuser in Augsburg gibt. Die Beethovenstraße 16 ist so ein Haus, für das dies noch möglich ist. Das Gebäude mit der Beethovenbüste über dem Portal, das gern von Touristen fotografiert wird, ließ 1912 der Bundes-Chorleiter, Komponist, Dirigent und Musiklehrer an St. Stephan, Wilhelm Gößler, erbauen. Zahlreiche prominente Persönlichkeiten lebten über die Jahrzehnte in diesem Haus. Jetzt bangen die teils langjährigen Bewohnerinnen und Bewohner um die Zukunft.
Mieter in Augsburg fürchten Verdrängung durch Investoren
Wilhelm Gößler war einst eine regional angesehene Persönlichkeit. Er dirigierte große Orchester und Chöre, unter anderem im ehemaligen Ludwigsbau. Weniger ruhmreich fiel sein Wirken in der NS-Zeit aus: In der zweiten Auflage seines zuerst 1939 erschienenen Buches „Fragen einer Stimmerziehung in Jugend und Volk“ wird Gößler, ungünstig für ihn, als ein erfahrener „Singleiter nationalsozialistischer Formationen“ beschrieben.
Im Jahr 1925 erwirbt der Direktor der „Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen“, Karl Widman, das Haus. Gößler wohnt noch bis 1933 in der Beethovenstraße. In seine Wohnung zieht 1934 Julius Fritz Landauer, Mitinhaber der „Weberei M.S. Landauer“ in Augsburg-Oberhausen. Die Weberei wurde „arisiert“ und musste 1938 zwangsverkauft werden. Julius Fritz Landauer und seine Frau Else fliehen nach Kolumbien. Der Heimatpfleger des Bezirks Schwaben, Peter Fassl, beschreibt in seinem Buch „Ausplünderung der Juden in Schwaben während des Nationalsozialismus und der Kampf um Entschädigung“ den Vergleichsabschluss 1957 vor der Wiedergutmachungsbehörde in Deutschland. Julius Fritz Landauer erlebte den kleinen Erfolg nicht mehr. Er starb 1956 in Kolumbien. Seine Frau Else überlebte ihn um 40 Jahre.
Landesamt prüft Denkmalschutz für das Haus Beethovenstraße 16
In die Gößler-Landauer-Wohnung zog 1939 die Familie von Oberst a. D. Ernst von Hößlin. Seine Tochter Helga von Hößlin, verheiratete Schmid, war die Ur-Enkelin des Hofmalers der bayerischen Könige, Joseph-Karl Stieler. Von ihm stammen die berühmten Porträts von Goethe und Ludwig van Beethoven. Der Autor dieser Zeilen war Mieter in der Kapuzinergasse der Familie Schmid. Bevor Helga Schmid 2009 mit 89 Jahren verstarb, erzählte sie, was sich 1944 in der Beethovenstraße 16 zugetragen hat. Eine Brandbombe war in das Haus gefallen und schwelte. Alle Bewohner wurden evakuiert und mussten in der Kälte ausharren. Im Erdgeschoss befand sich die Wohnung der Hößlins. In einem der Zimmer waren wertvolle Bilder, Zeichnungen und Skizzen von Joseph-Karl Stieler. Nur mit Mühe war der „Blockwart“, wie Schmid ihn nannte, davon zu überzeugen, einige dieser wertvollen Bilder herauszuwerfen. Aber vieles ging verloren. „Zu der Zeit war man froh, mit dem Leben davonzukommen“, sagte Helga Schmid damals.
Die Büste des Komponisten Beethoven ist über dem Eingang des Hauses in der Beethovenstraße 16 angebracht.Foto: Bernd Hohlen
Im Jahr 1952, in dem Karl Widmann starb, wurde das Haus an das Versorgungsamt des Bundes und der Länder (VBL) verkauft. Widmanns Enkelin, die Gesangs- und Klavierlehrerin Ilseruth Behringer, führte die musikalische Tradition des Hauses fort. Sie bekam dort ein lebenslanges Wohnrecht und unterrichtete ihre SchülerInnen bis zu ihrem Tod 2013.
Nun will sich die VBL nach 74 Jahren von der Immobilie trennen. Im Geschäftsbericht der VBL steht: „Der Immobilienbestand soll durch Akquisition fortlaufend internationalisiert …werden“. Ein Vorhaben, mit dem die Bayerische Versorgungskammer (VBK), wie jetzt bekannt wurde, durch US-Investment einen Verlust von 690 Millionen Euro hingelegt hat. Auch in Frankfurt werden Verkäufe der VBL an das englische Asset Management Aberdeen Investments kritisiert. Umso weniger verstehen die Mieter, von denen einige seit drei oder vier Jahrzehnten in dem Haus leben, warum die VBL es nn an einen Immobilieninvestor veräußern will. Es gibt sogar Mieter im Haus, die Versorgungsbezieher der VBL sind. Mieter Gerd Preuss sagt: „Bei knappem Wohnraum wie in Augsburg, sollten reine Kapitalinteressen am Wohnungsmarkt hintanstehen.“
Wird das Haus in der Augsburger Beethovenstraße ein Denkmal?
Eine aktuelle Nachfrage beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München ergab, dass sich im Fall der Beethovenstraße 16 geprüft werde, ob das Gebäude in die Denkmalliste aufgenommen werden kann. Bei den Beethoven-Mietern wurden zudem ungute Erinnerungen wach an die Hochfeldstraße 15: Das Haus dort sollte nach dem Verkauf abgerissen werden. Die Stadt schaltete sich ein und nahm das Anwesen in die Erhaltungssatzung, eine Art kommunale Denkmalliste, um, unabhängig vom Landes-Denkmalschutz, den Baubestand zu bewahren. Wie es mit dem markanten Haus weitergeht, ist völlig offen.
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