Am Einlass wird an diesem Abend ungewöhnlich genau hingeschaut. Vor dem Augsburger Kesselhaus werden Ausweise kontrolliert – ohne Ausnahme. Eine Frau lacht. „Das ist mir ja schon lange nicht mehr passiert“, sagt sie geschmeichelt. Ein Mann tastet hektisch seine Jackentaschen ab. „Echt jetzt?“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Ich bin 43!“ Hinter ihm rückt die Schlange näher. Wer heute hier reinwill, muss nachweisen, dass er alt genug ist.
Die Party heißt „Old but Gold“. Eine Ü30-Hip-Hop-Party mit Ausweispflicht, die inzwischen in vielen Städten gefeiert wird, auch über Deutschland hinaus. Geworben wird mit Klassikern wie „back in the days“ und der Aufforderung, die „alte Gang“ zusammenzutrommeln. Mama und Papa sollen den Babysitter anrufen, heißt es sinngemäß, und für ein paar Stunden wieder feiern wie früher. Nostalgie als Konzept und als Versprechen. Ob das gehalten werden kann?
Drinnen dauert es keine halbe Stunde, bis die Tanzfläche voll ist. Freundinnengruppen, Pärchen, Menschen, die allein gekommen sind. Das Alter ist gemischt, die Bewegungen auch. Ein Mann im hellen Anzug, der ebenso gut auf eine Ü60-Party passen würde, tanzt neben jenen, bei denen die Ausweiskontrolle nicht nur Formsache war. Niemand scheint sich daran zu stören. Im Gegenteil. Schon kurz nach Einlass bildet sich die erste Schlange vor der Garderobe, kurz darauf eine vor der Bar. Wie immer, wie früher. „Hi, du auch hier?“, ruft jemand. Alte Bekannte fallen sich in die Arme, Kindergarten-Eltern nicken sich zu. Manche kennen sich von früher, andere vom Elternabend. Gerade saß man noch nebeneinander auf kleinen Stühlen, jetzt geht man gemeinsam in die Knie.
Ü30-Party in Augsburg: Es ist kurz vor eins und längst Einlassstop
Der DJ legt einen Klassiker auf. Einen von vielen an diesem Abend. Kaum ein Song, bei dem nicht mitgerappt oder mitgesungen wird. Der DJ dreht die Musik herunter, die Menge übernimmt den Text. Alle Hände gehen nach oben. „Hey Augsburg, wir sind live auf Instagram!“, ruft er ins Mikrofon. „Get low, get low, get low“ tönt es aus den Boxen, dann schreit der ganze Raum: „To the windoooow, to the wall.“ Die Discokugel dreht sich unermüdlich, Konfetti fliegt durch die Luft, neben dem DJ-Pult schießen Feuerfontänen hoch. Es ist kurz vor eins und längst Einlassstopp.
„Wir haben gerade noch den siebten Geburtstag unseres Sohnes gefeiert“, erzählt Celina, 36, die zum ersten Mal auf einer Ü30-Party ist. „Jetzt passt Oma auf – und wir sind spontan hier.“ Tanja, 39, hat schon Wochen zuvor ein Ticket gekauft und ein klares Ziel: „Tanzen! Einfach mal wieder stundenlang tanzen!“ Sie nippt an ihrem Prosecco und setzt es um. Michael, „Mitte 40“, wie er sagt, zeigt auf eine Gruppe Männer: „Wir haben alle zusammen studiert und viel gefeiert – endlich klappt’s mal wieder. Ich finde das Konzept gut, macht Spaß.“
Ein Mann im hellen Anzug, eine Frau im Blazer wie im Büro. Daneben Caps, High Heels, kurze Röcke, rote Lippen. So gemischt wie das Publikum ist auch die Kleidung. „Wenn nicht heute, wann dann“, sagt Jessica im kurzen schwarzen Kleid vor dem Spiegel auf der Toilette, während sie ihren Lippenstift nachzieht. Ihr Sohn ist drei. „Meine Freundin hat endlich abgestillt, heute feiern wir“, sagt sie und lacht.
Feiern mit über 30 und der Morgen danach
Die Zeit vergeht in dieser Nacht im Kesselhaus schnell. Ein gutes Zeichen. An der Bar wird länger als früher überlegt, ob es noch ein Getränk sein soll. Der nächste Tag ist bei vielen mitgedacht. Bei nicht wenigen wartet jemand, dem schon morgens vorgelesen werden will. Und trotzdem stehen kurz vor halb drei immer noch Menschen mit frischer Energie an der Garderobe.
Draußen hält ein Taxi. Eine Frau steigt aus, schaut auf die Uhr, dann zum Eingang. „Geht noch was?“, fragt sie. Ja. Es geht noch was.
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