Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten

Prozess in Augsburg: Richter redet Angeklagten im Mordfall Nina H. ins Gewissen

Augsburg

„Heute ist Ihr Geburtstag“: So redet der Richter dem Angeklagten im Mordfall Nina H. ins Gewissen

  • |
  • |
  • |
  • |
    Der Vorsitzende Richter Michael Eberle appellierte an den Angeklagten Gino F., sich zu der Tat zu äußern.
    Der Vorsitzende Richter Michael Eberle appellierte an den Angeklagten Gino F., sich zu der Tat zu äußern. Foto: Marcus Merk

    Andere feiern mit Torte, Familie und Freunden, er verbringt seinen 30. Geburtstag auf der Anklagebank. Nur einer seiner Verteidiger, Michael Weiss, reicht ihm zum Gratulieren kurz die Hand. Gino F. soll im Mai 2025 die dreifache Mutter Nina H. aus dem Augsburger Stadtteil Haunstetten kaltblütig in ihrem Haus erschossen haben. Bislang hat er sich im Mordprozess, der seit ein paar Wochen am Augsburger Landgericht läuft, nicht selbst zu dem grausamen Verbrechen geäußert, die Tat aber über eine Erklärung seiner Verteidiger bestritten. Dabei steht im Raum, dass er die Tat nicht allein geplant haben könnte. Den Geburtstag des Angeklagten nimmt der Vorsitzende Richter Michael Eberle zum Anlass für einen emotionalen Appell. Er lässt im Gerichtssaal wohl kaum jemanden kalt. Bis auf einen – offensichtlich.

    Der weitere Verhandlungstag in dem Verfahren vor dem Schwurgericht ist den Gutachtern gewidmet, die sich unter anderem mit DNA- und Schmauchspuren befassen. Doch zu Beginn wendet sich Richter Michael Eberle an Gino F. „Ihre Mutter brachte Sie auf die Welt und musste Sie aufgrund ihrer Krankheit zurücklassen. Wir verhandeln hier wegen einer Mutter, die ihre drei Kinder zurücklassen musste“, beginnt der Vorsitzende Richter seine eindringlichen Worte an den Angeklagten und fährt fort: „Es ist absolut unüblich für mich, dass ich mehrfach einen Angeklagten frage, ob er etwas sagen möchte. Aber bei Ihnen frage ich nochmal: Warum?“ Dieses eine Wort, das Warum, hängt schwer im Gerichtssaal.

    Richter im Augsburger Mordprozess um Nina H.: „Heute ist ihr Geburtstag“

    Es ist die Frage, die hier alle beschäftigt: die Prozessbeteiligten, Zuschauer, darunter Bekannte des Mordopfers. Vor allem Ninas Vater Ralf H., der im Prozess Nebenkläger ist, lässt diese Frage nicht los. Der 56-Jährige fehlt an keinem Verhandlungstag, fährt jedes Mal frühmorgens aus Baden-Württemberg dafür los, opfert für den langwierigen Prozess seinen Urlaub. Warum musste seine Tochter sterben? „Ich frage auch für die Kinder“, redet Richter Michael Eberle dem Angeklagten weiter ins Gewissen.

    Für die Kinder sei es wichtig, dass die Personen bestraft werden, die vielleicht die Waffe zur Verfügung gestellt haben oder die vielleicht die Tat beauftragt haben, sagt Eberle an Gino F. gerichtet. „Heute ist Ihr Geburtstag, Sie hatten in Ihrem Leben ein paar schlechte Wendepunkte, heute könnte ein anderer sein.“

    Die beisitzende Richterin appelliert ebenso an Gino F. sich zu äußern, auch weil die Wahrheit für die zurückgelassenen Kinder ein wesentlicher Teil der Aufarbeitung sei. Die Spannung im Saal 101 ist spürbar. Es ist still, alle Augen sind auf Gino F. gerichtet. Das Gesicht des Angeklagten bleibt regungslos. „Ich habe nichts zu sagen. Ich werde mich nicht äußern“, sagt er mit fester Stimme. Als der Richter nochmal einen Versuch startet, unterbricht Gino F. ihn.

    Suche nach der Wahrheit im Mordfall an der dreifachen Mutter aus Haunstetten

    Der 30-Jährige wird lauter: „Das ist meine letzte Aussage.“ Aus Nina H.‘s Vater, der neben seiner Anwältin Daniela Rose sitzt, bricht es heraus. „Feigling“, zischt er. „Dann machen wir weiter und suchen nach der Wahrheit, so gut sie zu finden ist“, sagt der Vorsitzende Richter. Je länger die Verhandlung andauert, desto mehr Hinweise sprechen für die Schuld des Angeklagten. So auch an diesem Verhandlungstag, bei dem es noch eine Überraschung gibt. Es geht um die aufgefundenen Schmauchspuren.

    Wie ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes beschreibt, habe man an den Händen von Gino F. Schmauchspuren festgestellt, die von der Tatwaffe herrühren können. Nicht nur bei ihm. Auch bei seinem Ziehvater, dem ehemaligen Partner von Nina H., den diese kurz vor ihrer Ermordung abserviert hatte, seien derartige Schmauchspuren gefunden worden. Wenn auch in deutlich geringerer Menge. Die Pistole stammt den Ermittlungen zufolge aus dem erweiterten Umfeld des Ziehvaters.

    Wie das Gericht diese gutachterliche Feststellungen werten wird, ist offen. Denn der Sachverständige macht deutlich, dass Schmauchspuren nicht zwingend bedeuten, dass derjenige die Waffe in der Hand gehalten haben muss. Übertragungen solcher Spuren können demnach leicht erfolgen. So seien bei beiden Männern etwa auch Schmauchspuren polizeilicher Waffen gefunden worden.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren