Seit der Razzia im City Club prasselt viel Kritik auf die Polizei ein. Mehr als tausend Menschen schlossen sich einer Demo gegen die Maßnahmen an. Diese verlief zwar friedlich, aber mit deutlichen Worten. „Scheiß Bullen“, riefen die Demonstrierenden, auf Schildern stand unter anderem das polizeifeindliche Akronym „ACAB“ (All cops are bastards). Immer mehr drängt sich die Frage auf, ob der Einsatz verhältnismäßig war. Betroffene gehen teilweise rechtlich gegen die Durchsuchung vor. Doch wie gehen Polizistinnen und Polizisten mit Kritik dieses Ausmaßes um? Ein ehemaliger Polizist und zwei aktive Beamte berichten.
Hans Wengenmeir war 40 Jahre lang bei der Polizei und weiß, wie es ist, im Job negative Erfahrungen zu machen. „Natürlich wird man kritisiert. Wenn Polizeibeamte Maßnahmen umsetzen, will das Gegenüber die Gründe dafür nicht zwingend anerkennen“, sagt der 71-Jährige. Im Falle der Razzia im Augsburger City Club sei ein Einzelner nicht für die Maßnahmen verantwortlich, sondern der Einsatzleiter. Belastender als Kritik seien jedoch persönliche Beleidigungen. „Wenn man massiv beleidigt wird, dann geht einem das schon nahe“, so Wengenmeir. „Die Uniform und die Polizei werden oft pauschalisiert“, findet er.
Der Austausch mit polizeilichen Kollegen kann bei Stressbewältigung helfen
Was hilft, sei Erfahrung. „Wenn man lange dabei ist, lässt man das nicht mehr so an sich ran“, sagt der ehemalige Kriminalhauptkommissar. Er betont, dass jeder und jede individuell mit solchen Situationen umgehe. Laut ihm stützen sich die Kollegen gegenseitig. Sein Rat an Polizistinnen und Polizisten: „Man sollte sich mit erfahrenen Kollegen darüber austauschen, wie man etwas beim nächsten Mal lösen kann.“ Auf manche Situationen könne man sich jedoch nicht vorbereiten. Er fügt hinzu, dass bei einem Fall wie der Razzia oft auch das persönliche Umfeld Kritik äußert. „Es kann sein, dass man sich im Freundeskreis für etwas rechtfertigen muss, das man nicht selbst veranlasst hat. Das muss keine Belastung sein, kann es aber“, meint der 71-Jährige. „Man lässt nicht alles auf der Dienststelle liegen“, fasst er zusammen.
Für den Fall, dass Polizistinnen und Polizisten mentale Unterstützung brauchen, gibt es ein breites Netzwerk, wie Klaus Lidl, Personalrat beim Polizeipräsidium Schwaben Nord, erklärt. So stehen etwa bei der Polizeiseelsorge Pfarrerinnen und Pfarrer als Ansprechpartner zur Verfügung. Bei jedem Präsidium gibt es zusätzlich den polizeilichen sozialen Dienst, dessen Angestellte eine therapeutische Ausbildung absolviert haben. Zusätzlich gibt es entsprechende Fortbildungsangebote und Lehrgänge rund um Stressbewältigung. „Für akute Fälle wurde das Team der Psychosozialen Notfallversorgung Einsatzkräfte eingerichtet. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die selbst schwierige Einsatzerfahrungen machen mussten und die rund um die Uhr im Bedarfsfall als Betreuungspersonen zur Verfügung stehen“, sagt Lidl.
Er war in seinem Werdegang unter anderem Außendienstleiter beim Polizeipräsidium Schwaben Nord und habe selbst kritische Einsätze erlebt. „Für mich ist es legitim und wichtig, dass polizeiliches Handeln hinterfragt wird. Belastende Erfahrungen konnte ich vor allem durch die Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen gut verarbeiten“, so Lidl. Auch er betont, dass so etwas jedoch eine sehr individuelle Angelegenheit sei.
In der Ausbildung lernen angehende Polizisten, wie sie mit Konflikten umgehen können
Wie man mit Konfliktsituationen umgeht, sei ein Kernbereich der Polizeiausbildung, wie ein Sprecher der Bereitschaftspolizei in Bamberg erklärt. Eine der Ausbildungsstätten liegt in der Nähe von Augsburg in Königsbrunn. Demnach fließen alleine 155 Unterrichtsstunden in das Fach „Kommunikation und Konfliktbewältigung“. Die Übungsbeispiele seien so gewählt, dass die Auszubildenden auf eine Reihe typischer, polizeilicher Konfliktsituationen vorbereitet werden. „Es werden ihnen gängige Stressbewältigungstechniken an die Hand gegeben“, so der Sprecher. Auch auf Kritik von Bürgerinnen und Bürgern werden die angehenden Polizistinnen und Polizisten vorbereitet. „Kritik, oft teils auch negative bzw. voreingenommene Meinungsäußerungen, gehören zum Alltag eines Polizeibeamten und einer Polizeibeamtin dazu“, meint der Polizeisprecher.
Die Entwicklung und Stärkung von Resilienz sei daher eine zentrale Anforderung für den Polizeiberuf. „Diese Qualifikation ist essenziell, um polizeiliche Einsätze professionell bewältigen zu können“, sagt der Sprecher. Resilienz sei dabei nicht angeboren, sondern könne in allen Lebensphasen – insbesondere im Berufsleben – gefördert werden. Sein Rat an angehende Polizistinnen: „Ruhig und professionell bleiben, sich nicht provozieren lassen. Und sich immer bewusst hinterfragen: Betrifft die Kritik mein persönliches Handeln oder geht die Kritik an ‚die Polizei‘ als exekutive, umsetzende Staatsgewalt.“
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