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Augsburg

11.01.2015

Stadion-Projektleiter: In Augsburg fehlen die Visionen

Der Augsburger Bauingenieur Rudolf Reisch nach der Fertigstellung des Augsburger Fußball-Stadions. Er würde sich nach wie vor eine Multifunktions-Arena in der Nachbarschaft wünschen.
Bild: Marcus Merk

Rudolf Reisch war Projektleiter beim Bau der SGL-Arena. Er wünscht sich mehr Mut bei der Sportstättenplanung und kritisiert, dass Bauruinen wie das Rosenaustadion erhalten werden.

Ist die Augsburger Arena gelungen?

Reisch: Ich denke schon. Jeder ist begeistert, wenn er in das Stadion kommt. Alles, was man noch verbessern hätte können, um den Komfort noch mehr zu erhöhen, wäre extrem teuer geworden.

Die Fans beklagen eine fehlende Gaststätte und es fehlen auch Büroräume, zum Beispiel für die Mitarbeiter des Sportrechtevermarkters Sportfive.

Reisch: Es war klipp und klar die Maßgabe, dass da nur ein Fußballstadion hinkommt. Warum die Sportsbar nicht als Stadiongaststätte genutzt wird? Das ist eine Sache des Cateringkonzeptes. Und es war die Vorgabe, dass es eine Zeltlösung für die Fans geben wird.

Sie waren auch für die Überwachung der Finanzen zuständig. Sind Sie im Kostenrahmen geblieben?

Reisch: Das ursprünglich geplante, vertraglich mit der Baufirma beauftragte Bauwerk ist zwei Millionen Euro billiger gekommen. Insgesamt ist das Stadion teurer geworden, weil wir die Logen, die Kioske und den Business-Klub komplett fertig gebaut haben, was erst später geplant war. Im Nachhinein war das die richtige Entscheidung, aber damals waren für einen Zweitligisten 1700 Businesssitze und 52 Logen viel.

Wie hoch war das Budget?

Reisch: Es lag bei 45 Millionen Euro, mit den Außenanlagen waren es dann 52 Millionen Euro.

Bedauern Sie, dass die Fassade nicht gebaut wurde?

Reisch: Ich war von Beginn an der Auffassung, dass ein Stadion in dieser Größe keine eigenständige Fassade braucht. Aber es stimmt, man hat eine große Chance vertan. Durch den hohen Stellenwert des Fußballs brennen sich Bilder ein. München wird nicht mehr über die Frauenkirche oder das Olympiastadion identifiziert, sondern über die Allianz-Arena. Das Augsburger Stadion hat eine exponierte Lage. Es hätte einen enormen Wert für die Stadt Augsburg, wenn es sich als Ganzes präsentieren würde.

Man hat es als Stadion mit Fassade der Öffentlichkeit präsentiert ...

Reisch: Das Stadion ist auch so geplant. Das heißt, der geometrische Abschluss des Bauwerks ist für die Errichtung der Fassade vorbereitet. Jetzt steht es nackt und abgekantet da und schreit nach der Fassade. Das stört mich. Hätten wir das gewusst, hätten wir es anders gemacht. Da hat man uns Planer bis zuletzt im Unklaren gelassen. Die Planung war fertig, ein Bauantrag war eingereicht und mit der Stadt abgestimmt. Es gab eine Baugenehmigung und eine Ausschreibung. Wir hatten eine Baufirma, wir lagen in den Kosten. Und dann kam das Nein.

Die SGL-Arena war das erste große Augsburger Sportbau-Projekt in diesem Jahrtausend. Das zweite ist der Umbau des Curt-Frenzel-Stadions. Wenn es nach Ihren Plänen gegangen wäre, hätte es diesen nicht gegeben?

Reisch: Da wurde eine Riesenchance vertan. Augsburg fehlt eine große Veranstaltungshalle. Wir haben eine marode Sporthalle und eine mager ausgestattete Schwabenhalle. Sportveranstaltungen mit rund 6000 Zuschauern kommen nicht mehr nach Augsburg. Man hätte eine Multifunktionsarena draußen beim Stadion bauen sollen. Die Infrastruktur ist vorhanden. Straßenbahn, B 17, Parkplätze. Das Curt-Frenzel-Stadion hätte in überschaubarem Rahmen saniert werden sollen, um es als innerstädtische Breitensportanlage weiterzuführen.

Wer hätte die Multifunktions-Arena dann betrieben?

Reisch: Wir hätten ein Betreibermodell mit der Baufirma HBM gehabt. In so einer Arena, die günstiger gekommen wäre als das Curt-Frenzel-Stadion oder die swa-Halle, wie sie jetzt heißt, kann man nicht nur Eishockey spielen.

Kritiker werden jetzt einwerfen, dass der Bauingenieur Reisch in dieser Sache nicht objektiv ist. Er war Projektleiter beim Bau der SGL-Arena, er war Mitglied bei Pro Augsburg, die das Modell Multifunktions-Arena politisch unterstützt hat. Und außerdem wäre die Miete für die Panther viel zu teuer geworden. Was sagen Sie dazu?

Reisch: Wenn die Panther die Miete, die für die Investitionen der Stadt Augsburg in die „swa-Arena“ eigentlich erforderlich ist, zahlen, hätten sie sich genauso woanders einmieten können. Die veröffentlichten Kosten liegen bei der „swa-Arena“ bei 33 Millionen Euro, die Halle draußen an der SGL-Arena hätte damals (2008) 29 Millionen Euro gekostet. Die Stadt Augsburg wäre deutlich günstiger weggekommen.

Sie werfen der Stadt indirekt eine Quersubventionierung vor. Aber die Stadt will den Standort Augsburg auch durch Profisport attraktiv machen. Beim FCA war es ja ähnlich ...

Reisch: Wie ist der FCA gefördert worden? An öffentlichen Mitteln sind rund 15 Millionen Euro geflossen. Dafür ist die Stadt Mitgesellschafterin bei der Stadion-Betreiber GmbH geworden. Die Investition hat sich mit dem Erfolg des FCA durch den Marketingeffekt und die Umwegrentabilität sicher schon amortisiert. Wenn man den Gesamtaufwand ansieht, gibt es in Deutschland kaum ein anderes Stadion, das mit so wenig öffentlichen Mitteln gefördert wurde wie hier in Augsburg. Das Stadion selbst ist bis auf die fünf Millionen Euro Zuschuss vom Freistaat eigenfinanziert vom Verein oder im Bereich des Vereins.

Die Sporthalle steht unter Denkmalschutz. Sollte man nicht sie erhalten und modernisieren?

Reisch: Vergessen Sie die Sporthalle. Was soll da Denkmalschutz bringen? Genauso beim Rosenaustadion. Die Stadt Augsburg schafft sich lauter Ruinen an, die wir ewig in Betrieb halten müssen. Jetzt haben wir 33 Millionen in die Ruine Curt-Frenzel-Stadion investiert. Ist das jetzt noch das Curt-Frenzel-Stadion? Nein, es ist die „swa-Halle“ mit einer so was von hässlichen Fassade.

Das ist doch Geschmackssache.

Reisch: Wir haben in den vergangenen Jahren viele Industriebauten gemacht. Wir haben selten eine so schlechte Architektur gesehen. Die Fassade war doch Aufhänger des Projektes. Damit wurde man geködert. Es gab einen Fassaden-Wettbewerb am bestehenden Objekt. Bearbeitungszeit: nur zwei Wochen. Den Wettbewerb hat Hermann und Öttl gewonnen – ohne irgendeine Transparenz. Dann wurde bestimmt, dass der Fassadenplaner auch den Innenausbau plant. Was herausgekommen ist, sieht man.

Sie haben gesagt, Augsburg schafft sich nur Sportruinen an. Auch mit der Sanierung der Leichtathletikbahnen des Rosenaustadions?

Reisch: Ja. Der erste Kostenvoranschlag belief sich auf 500 000 Euro. Heute werden 1,2 Millionen Euro veröffentlicht. Es stellt sich die Frage: Lohnt sich diese Sanierung für rund 400 in Vereinen organisierte Bahn-Läufer? Man muss sich fragen, ob Augsburg jemals eine Chance hat, zum Beispiel, eine deutsche Meisterschaft auszurichten.

Die deutschen Meisterschaften sind meistens in Ulm. Warum soll man die nicht in Augsburg veranstalten?

Reisch: Wie viele Zuschauer sind da. 5000, 6000? Das interessiert doch kaum einen mehr. Aber o. k. Dann kommen die Athleten. Sie müssen sich umziehen und duschen. Die Umkleiden sind sicher nicht in einem meisterschaftswürdigen Zustand. Die Stehränge und die Sitzplätze auf der Gegengeraden müssen saniert werden, die Flutlichtmasten aktuell wohl auch. Wo fange ich an, wo höre ich auf? Es ist ein Wahnsinn. Ich sage: Wir können uns das einfach nicht leisten. Ich bin der Meinung: Die Sporthalle und das Rosenaustadion gehören weg, der Wittelsbacher Park hinuntergezogen bis zur Stadionstraße. Die kann man zurückbauen und die Wertach im Rahmen der Renaturierung weiter in die Stadt holen. Überlegungen hierzu gab’s schon vor einigen Jahren.

Und was ist mit den gefährlichen Altlasten, die sich in diesem Gebiet im Boden befinden?

Reisch: Wenn die so gefährlich wären, hätte man doch schon längst mit dem Grundwasser Probleme. Oder jemand verschweigt da was und man müsste erst recht was tun.

Im Nachhinein kritisieren ist immer leicht…

Reisch: Halt. Einspruch. Nicht im Nachhinein. Ich habe mich sehr frühzeitig beim Curt-Frenzel-Stadion zu Wort gemeldet. Da war noch kein Beschluss gefallen.

Wie müssten ein moderner Sportverein und seine Anlagen aussehen?

Reisch: Man muss eine Entwicklungsprognose wagen, die nicht nur auf eine Bestandsaufnahme abzielt, sondern auch die gesellschaftliche Umstrukturierung berücksichtigt. Die Zeit der vielen Fußballplätze scheint mir vorbei zu sein. Man braucht auch keine neuen Leichtathletikbahnen mehr. Es gibt immer weniger Leute, die im Verein Sport treiben.

Warum beinhalten die Pläne des Post SV, für den Sie als Projektentwickler tätig sind, dann Fußballplätze?

Reisch: Weil der Fußball jetzt noch eine Rolle spielt. Aber die Frage ist, ob man beide Plätze wirklich realisieren soll oder muss? Aber lassen Sie den Post SV Stützpunkt werden für freie Jogger und Sportarten, denen die Zukunft gehört oder die heute kein Zuhause haben. Es wäre Platz für Senioren, Mütter und Väter können in der Tagesstätte, die nach neuesten pädagogischen Konzepten geplant wird, auch stundenweise auch am Abend ihre Kinder in guten Händen wissen. Platz für sportorientierte Weiterbildungsmaßnahmen sind ebenfalls vorgesehen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Sports in Augsburg?

Reisch: Es wird eine Umstrukturierung geben. Den klassischen Verein mit seinem Vereinsheim wird es in der Stadt nicht mehr geben oder nur im kleineren Umfang. Es wird Fusionen geben. Man muss sich auf das konzentrieren, was nachgefragt wird. Der Bolzplatz in der Nachbarschaft wird Zukunft haben. Schauen Sie einmal, wie viele Leute ihrem Sport an der Wertach entlang nachgehen. Da sind junge Sportler, das sind Leute, die Sport nur zum Ausgleich machen, und es sind Senioren, die mit ihren Nordic-Walking-Stöcken an der Wertach entlanglaufen. Dieses Areal ist für mich die beste Sportanlage, die man machen kann.

Wie sehen Sie die Zukunft der städtischen Sportflächen?

Reisch: Man muss eine Bestandsaufnahme machen. Es sind unglaublich viele marode Anlagen da. Ich muss feststellen, was habe ich und was brauche ich. Was sicher fehlt, ist eine Wettkampf-Schwimmhalle.

Hätte die Stadt die Chance, eine Schwimmhalle zu realisieren?

Reisch: Wer so viel Geld in den Schleifgraben verbuddeln kann, hat auch genügend Geld für eine Schwimmhalle.

Das ist polemisch.

Reisch: Vielleicht. Aber hier wurde das Geld zum Fenster hinaus geworfen.

Aber das ist vorbei. Stand jetzt: Kann die Stadt eine Schwimmhalle realisieren?

Reisch: Stand jetzt: Nein. Aber man könnte zumindest sagen, wir steigen in die Überlegungen ein. Warum nicht mit der Universität?

Aber die hat doch kein Interesse mehr?

Reisch: Man muss aber doch Visionen haben. Wer weiß, was in zehn, zwanzig Jahren ist. Beim Post-SV- Projekt hält man uns auch schon fünf Jahre hin! Das ist eine Augsburger Krankheit.

Das Interview führten Andrea Bogenreuther und Robert Götz.

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