Die Erleichterung der internationalen Kanuslalom-Elite, dass nach fast zwei Tagen Zwangspause wieder im Eiskanal trainiert werden darf, ist spürbar. Im deutschen Team, aber auch bei allen anderen Nationen, die nach der kurzzeitigen Sperre der Wettkampfstrecke wegen des Wassermangels im Lech nun die Olympiaanlage bevölkern und so schnell wie möglich ein Gespür für den Kanal, die Fließgeschwindigkeit, die Walzen, Wellen und Kehrwasser bekommen wollen.
Auch die 13 Sportlerinnen und Sportler des Nationalteams des Deutschen Kanu Verbands (DKV), zu denen mit Elena Lilik, Hannes Aigner, Noah Hegge, Sideris Tasiadis und Boatercross-Spezialist Vinzenz Hartl fünf gebürtige Augsburger gehören, gehen ab sofort jeden Tag bis zum Wettkampfbeginn am Mittwoch eine Stunde aufs Wasser. Für den Interims-Cheftrainer Thomas Apel, der den immer noch corona-positiv verhinderten Bundestrainer Klaus Pohlen vertritt, angemessene und auch durchaus ausreichende Einheiten.
Schließlich gehe es vor einem so großen sportlichen Wettkampf um die optimale Belastungssteuerung. „Man muss, wenn man paddelt, schon hundert Prozent geben und an das Wettkampftempo herankommen, damit man die Situationen simuliert. Aber es wird natürlich niemand mehr drei Einheiten am Tag machen. Statt Kraftraum also Physiotherapie, statt fünf Läufen drei. So versuchen wir, das körperliche Gefühl nach oben zu bringen“, schildert Apel Einzelheiten der Vorbereitung in der heißen Phase so kurz vor Wettkampfbeginn.
Kanuslalom-WM startet am Mittwoch mit Kajak und Canadier
Am Mittwoch startet für seine Schützlinge die WM mit den Mannschaftswettbewerben im Kajak und Canadier Einer. Hier haben die deutschen Teams männlich wie weiblich gute Chancen auf Medaillen.
Die Voraussetzungen sind nahezu optimal, alle Mitglieder der Kanuslalom-Nationalmannschaft konnten die angesetzten Trainingseinheiten absolvieren. „Das wichtigste ist, dass alle gesund und fit sind. Das ist viel wert in der letzten Woche vor der WM, wo dann langsam auch das Kribbeln kommt“, sagt Apel. Das Trainerteam sei sehr glücklich, dass die Sportlerinnen und Sportler nach den Verzögerungen wegen der Umbauten an der Jugendstrecke wieder im Rhythmus sind und am fließenden Eiskanal ihre gewohnte Routine durchziehen können. „Wir versuchen in den letzten Trainingseinheiten alles wieder abzuarbeiten, auch wenn der Eiskanal leichte Strömungsveränderungen hat“, berichtet Apel.
Entspannung und Ruhe kurz vor dem Start der Kanuslalom-WM in Augsburg
Bis auf einige Stellen sollte das für den grundlegenden Wettkampfplan seiner Sportlerinnen und Sportler aber keine großen Veränderungen ergeben. „Man hat seine Erfahrungswerte auf dem Eiskanal. Groß ändern werde ich nichts mehr, sondern mich nur auf die neuen Situationen einstellen. Den Plan, den man sich gemacht hat, wird man nicht mehr umwerfen, sondern nur kleine Anpassungen vornehmen“, bestätigt auch Noah Hegge von Kanu Schwaben Augsburg, der seinen zweiten WM-Einsatz gleich vor heimischem Publikum erleben wird.
Noch halte sich seine Aufregung in Grenzen, gesteht der 23-jährige Sportsoldat. „Im Moment sind Entspanntheit und Ruhe noch da. Ich habe meine Ziele, die ich bei der WM erreichen möchte und die will ich Schritt für Schritt verfolgen. Ich will definitiv ins Finale kommen“, lautet seine Marschrichtung.
Auch sein Vereinskollege Sideris Tasiadis ist bemüht, im WM-Vorfeld die Balance zwischen Konzentration und Entspannung zu finden.
Im Austausch mit seinem Trainer Thorsten Funk, dem Vater von Olympiasiegerin Ricarda Funk, tüftelt er nur noch an den Feinheiten. „Die Vorbereitung ist ja eigentlich durch. Wenn man jetzt noch anfängt, Grundausdauer zu trainieren, ist man hier fehl am Platz“, sagt Tasiadis. Stattdessen studiert er wie alle anderen Teamkollegen nach jeder Fahrt hoch konzentriert jede kleinste Bewegung, will jeden noch so kleinen Fehler aufspüren.
Auch Hannes Aigner vom Augsburger Kajak Verein schätzt dieses spezielle Trainings-Feedback. „Ich als Sportler kenne nicht die Perspektive von außen, ich weiß nicht, wie es aussieht. Da hilft es ungemein, wenn wir direkt nach der Fahrt schauen, was wir noch verbessern können. Man kann den Wettkampf auf dem ganzen Kanal verbocken, deshalb ist es wichtig, an allen Stellen zu sehen, wie die Körperhaltung ist oder wo man noch etwas herausholen kann.“
Für Trainer Apel hat die Videobegleitung neben der Fehlersuche allerdings noch einen anderen wichtigen Aspekt. „Ein Sportler hat allgemein ein sehr kritisches Verhältnis zu seinem Fahren. Nicht selten ist die Reaktion beim Blick ins Ipad dann die, dass es eben doch nicht so schlecht aussieht, wie es sich vielleicht angefühlt hat. Deshalb ist es wichtig, dass man über die Videos das positive Gefühl bei den Sportlern herauskehren kann.“ So werden Apel, Funk und ihre Trainerkollegen bis zum Wettkampfstart noch jede Menge Videos drehen.