Das Klack-Klack des Tischtennisballs hallt durch die Halle auf dem Post SV-Sportcampus in Augsburg. Eigentlich ein vertrautes Geräusch. Doch heute ist ein besonderer Tag. Die derzeit beste deutsche Spielerin ist zu Gast bei den Akteuren des Traditionsvereins: die 33-jährige Sabine Winter. Eine Athletin, die vor wenigen Wochen noch bei der Mannschaft-WM in London mit Deutschland Bronze geholt hat, leitet hier, in der Fuggerstadt, eine Übungseinheit. Ein echter Star zum Anfassen, der für staunende Gesichter sorgt.
Dass eine Spielerin dieses Kalibers bereits zum dritten Mal beim Post SV aufschlägt, verdankt der Verein dem Technologiedienstleister TQ Elektronik, Winters Sponsor. Für Abteilungsleiter Dieter Voigt, selbst ein Urgestein des Augsburger Tischtennis, ist der prominente Gast ein absoluter Glücksfall. Mit einem Lächeln im Gesicht begrüßt der Altmeister den Stargast: „Immer wenn Du bei uns im Training warst, ging es mit dir sportlich weiter aufwärts.“
Dabei sah es vor rund zwei Jahren noch so aus, als sei der sportliche Zenit von Winter, die beim TSV Oberalting und SC Wörthsee das Tischtennis-Einmaleins lernte, überschritten. Vor den Olympischen Spielen 2024 in Paris folgte der herbe Rückschlag: Winter wurde nicht nominiert.
Dabei waren Erfolge seit dem Jugend- und Schüleralter ihre ständigen Begleiter. Das sollte sich zunächst auch bei den Erwachsenen nicht ändern. Bei der Europameisterschaft 2014 gewann sie mit dem deutschen Team den Titel. Bei den Europameisterschaften gewann sie im Doppel und mit dem Team insgesamt sieben Gold- und zwei Silbermedaillen sowie eine Bronzemedaille im Einzel. Mit der Mannschaft holte sie zudem 2010 und 2022 WM-Bronze.
Sabine Winter steht in der Tischtennis-Weltrangliste auf Platz neun
Ihren bisher größten Einzelerfolg feierte sie mit der Bronzemedaille beim World Cup 2026, womit sie in der Weltrangliste erstmals in die Top 10 auf Rang neun aufstieg. Bei der Mannschaftsweltmeisterschaft vor einigen Wochen in London hatte Deutschland im Halbfinale gegen Japan mit 0:3 verloren. Dass sie 2024 nicht mit nach Paris fahren durfte, war ein Schock für die damals 31-Jährige.
„Ich hatte nicht mehr viel Spaß am Tischtennis. Ich war gut, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, auf meinem Niveau nicht mehr vorwärtszukommen“, erinnerte sie sich in einem Interview mit der ARD-Sportschau an diese dunkle Phase. „Ich denke, auch andere hatten den Glauben an mich verloren.“ Besonders bitter schmerzte die Kommunikation des Verbandes: „Die Art und Weise, wie man mir das erklärt hat, war für mich schon sehr enttäuschend.“
Doch statt aufzugeben, erfand sich Winter, die in Bad Soden am Taunus geboren ist, aber mit ihrer Familie früh nach Oberbayern gezogen ist, in ihrer Wahlheimat Bad Aibling völlig neu. Sie tat etwas, das in der Geschichte des modernen Tischtennis auf diesem Niveau – und erst recht im Alter von über 30 Jahren – als unmöglich galt: Sie stellte ihr Spielsystem um und änderte ihre Schlägerbeläge.
Rückhand mit „Anti-Top“-Schlägerbelag
Auf der Rückhand wechselte sie auf einen sogenannten „Anti-Top“-Schlägerbelag. Mit dieser Spielumstellung versetzte sie die Tischtenniswelt in Erstaunen. Während normalerweise der Ball vom Schläger wegspringt, „saugt“ der neue Belag Winters gewissermaßen jegliche Rotation des Balles auf.
„Die Idee hatte wohl noch nie jemand“, sagt Winter heute mit spürbarem Stolz in der Stimme. Der radikale Schritt war kein Zufall, sondern akribische Analyse: „Ich hatte mitbekommen, dass einige Topspielerinnen damit Probleme haben. Ich habe mir dann viele Spiele angeschaut und gedacht, wenn ich das noch lernen könnte, würde es super zu meinen Stärken passen.“ Sie sei einfach neugierig gewesen und bleibt sich selbst treu. „Man muss fleißig bleiben und bereit sein, wenn etwas nicht funktioniert, nicht gleich wieder zu zweifeln beginnen.“ Der Mut wurde belohnt. Wie ein Phönix aus der Asche stürmte sie zurück. Sie bezwang die scheinbar unnahbaren Weltklasse-Chinesinnen und die Elite aus Japan.
Und genau diese Frau, die gerade das globale Tischtennis auf den Kopf stellt, steht jetzt beim Post SV Augsburg am Tisch, gibt Tipps und schmettert Bälle mit den Vereinsmitgliedern. Die Trainingsteilnehmerinnen und Teilnehmer haben sichtlich Spaß an dieser außergewöhnlichen Übungseinheit mit der Profisportlerin. Es ist eine Nahbarkeit, die begeistert.
TSV Dachau 1865 will mit Sabine Winter deutscher Meister werden
Für Sabine Winter geht die Reise sofort weiter. Am letzten Mai-Wochenende (29. und 31. Mai) steht sie mit ihrer Mannschaft vom TSV Dachau 1865 im Finale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Zusammen mit Naomi Pranjkovic, der Tochter der einst in Donauwörth, Langweid und dem Kleinwalsertal spielenden Sylvia Specht, Dora Cosic und Seoyoung Byun will sie dem Überflieger TTC Berlin eastside Paroli bieten.
Die Tischtennisspieler des Post SV werden ihr nach diesem hautnahen Erlebnis ganz besonders fest die Daumen drücken – in der Hoffnung, dass Dieter Voigts Prophezeiung zutrifft und es für Sabine Winter auch nach diesem Augsburg-Besuch weiter steil nach oben geht.
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