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„Was macht eigentlich...?“(Serie/14)

12.06.2018

„...und dann war ich Olympiasiegerin“

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1960 gewann Heidi Grundmann-Schmid in Rom Florett-Gold. Warum sie den Erfolg quasi im Sitzen errang, wer ihr damals die Show stahl und wo die Medaille inzwischen ihren Platz gefunden hat

Frau Grundmann-Schmid, Sie werden im Winter 80, wie geht es Ihnen?

Man hat natürlich seine Zipperlein. Ich habe mir vergangenen Oktober die Schulter operieren lassen, weil ich wieder Geige spielen wollte. Das geht jetzt, auch wenn es ewig gedauert hat. Das ist eine Alterserscheinung, Verschleiß. Noch dazu bin ich im Urlaub gestürzt – allerdings nicht aus Altersschwäche. Da wird man in meinem Alter ja schnell verdächtigt (lacht). Trotzdem bin ich zum Glück insgesamt bei guter Gesundheit.

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Naja, im Alter lassen die Muskeln unheimlich nach, wenn man nichts macht. Da kann man fast schon zuschauen. Sie dann wieder herzubekommen ist ein weiter Weg. Und man ist nicht immer motiviert. Ich gehe momentan zweimal pro Woche zur Physiotherapie und zweimal zum Gerätetraining.

Und was machen Sie, wenn Sie gerade nicht im Training sind?

Glücklicherweise kann ich mit meiner Schulter wieder Geige spielen. Die Musik ist meine Leidenschaft. Außerdem verbringe ich viel Zeit mit meinen beiden Kindern. Mein Sohn lebt in Augsburg, meine Tochter in Reutte. Wer denkt, dass eine Rentnerin viel Zeit hat, der irrt.

Welchen Bezug haben Sie noch zum Fechten?

Eigentlich nur noch über meine Tochter, die da stark involviert ist. Meine ehemaligen Fechtkameraden treffe ich nur noch ab und zu. Wenn in der Nähe ein Turnier ist, schaue ich manchmal zu. Vor allem, wenn meine Tochter da ist. Die kennt dann alle.

Sie fechten also nicht mehr aktiv?

Nein. Es gibt zwar Senioren-Turniere bis hin zu Weltmeisterschaften. Aber das ist nichts für mich. Das, was ich mal konnte, kann ich nicht mehr abrufen. Mir würde es keinen Spaß machen. Ich hatte in meiner aktiven Zeit unheimlich viel Spaß am Fechten, aber ich konnte leicht loslassen.

Sie haben Ihre Karriere von einem Tag auf den anderen beendet?

Ja. Die haben mich zwar noch mal reaktiviert für die Sommerspiele 1972 in München und ich hätte tatsächlich fast die Qualifikation geschafft. Ich hatte damals aber schon ein Kind und war innerlich nicht mehr richtig dabei.

Viele Sportler sagen nach dem Ende ihrer Karriere, das Leben danach sei deutlich langweiliger, weil diese extremen Emotionen fehlen. Vermissen Sie die Zeit als Sportlerin?

Überhaupt nicht. Ich habe mit meinem Mann die ganze Welt bereist, mir war nie langweilig.

Wie sind Sie damals mit dem Druck umgegangen? Es gibt vermutlich Entspannteres als ein olympisches Finale?

Ich hatte immer nur das nächste Gefecht im Auge. Zu sagen, ich werde Olympiasiegerin wäre ja viel zu hoch gegriffen gewesen. Kein Mensch hat an so etwas gedacht. Natürlich will man jedes Gefecht gewinnen, klar. Ich hatte aber auch unheimliches Glück, dass ich nicht gleich am Anfang eine Angstgegnerin bekommen habe. Ich hatte in Italien immer schöne Erfolge, keine Ahnung warum.

Sie haben das olympische Turnier also nicht als Druck empfunden?

Nein. Niemand hat etwas von mir erwartet. Ich nicht und sonst auch niemand. Als ich dann Olympiasiegerin war, waren alle überrascht – ich eingeschlossen.

Wie war der Moment, als Ihnen Gold sicher war?

Ich bin quasi im Sitzen Olympiasiegerin geworden. Damals gab es noch eine Endrunde. Ich hatte mein letztes Gefecht schon hinter mir und musste noch ein anderes Gefecht abwarten. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es war. Auf jeden Fall hatte ich es nicht selbst in der Hand. Ich saß also da und dann war ich Olympiasiegerin.

Klingt ja eher unspektakulär.

Fast. Bei der Weltmeisterschaft ein Jahr später war es anders. Da gab es ein Gefecht um Gold. Das war schöner.

Am gleichen Tag gewann damals in Rom Armin Hary Olympia-Gold über 100 Meter. Das hat Ihren Erfolg vermutlich etwas in den Schatten gestellt.

Das kann man so sagen. Es waren auch keine Italiener mehr im Endkampf, weswegen es in der Halle eher ruhig war. Leider gibt es keine Fernsehbilder von dem Finale. Das ist wirklich schade. Ich hätte gerne mal gesehen, wie wir damals eigentlich gefochten haben.

In Augsburg wurden Sie nach dem Olympiasieg von zehntausenden Menschen begeistert empfangen. Hatten Sie davon gewusst?

Ich hatte keine Ahnung. Wir sind mit dem Nachtzug heimgefahren. Und meine Mutter hat gesagt, dass ich mich wenigstens ordentlich frisieren soll – man wisse ja nie, was passiert. Und dann war da eine ganze Abordnung am Bahnhof. Auf dem Weg in die Stadt standen tausende Menschen an der Straße. Ich saß neben Oberbürgermeister Klaus Müller in einem offenen Auto und der OB hat mir immer gesagt: „Jetzt winken Sie hier – und jetzt winken Sie da.“ Ich glaube, er hat mir sogar ein Taschentuch in die Hand gedrückt. Das Auto haben sie damals extra aus Stuttgart geholt. Es soll sogar Heidi-Plätzchen gegeben haben. Verrückt.

War es Ihnen unangenehm, so im Mittelpunkt zu stehen?

Ich war so überrumpelt, dass ich mich gefühlt habe, als würde ich mir selbst zuschauen. Das kann man alles gar nicht begreifen. Ich stand regelrecht neben mir. Es hat mich natürlich gefreut, aber ich habe schon auch gefragt, was denn da jetzt alles auf mich zukommt. In der Öffentlichkeit zu stehen war nie so mein Ding.

Werden Sie heute noch auf den Olympiasieg angesprochen?

Interessanterweise kommen jetzt im Alter einige aus dem Versteck. Neulich bin ich beim Metzger gestanden, als mich eine Frau gefragt hat, ob ich die Fechterin von Rom bin. So ein Olympiasieg bleibt einem für immer, obwohl der Weltmeistertitel damals viel schwieriger zu gewinnen war, die Konkurrenz war stärker.

Schauen Sie heutzutage Olympische Spiele im Fernsehen an?

Die Begeisterung wird weniger. Die olympische Idee ist nach wie vor toll. In Rom war alles klein und familiär. Da gab es im olympischen Dorf einen Pavillon, an dem man sich getroffen hat. Da hatten Sportler Instrumente dabei und haben Musik gemacht. Seitdem wurde es immer größer. Heute ist das eine andere Welt. Der ganze Sport ist eine andere Welt.

Gilt das auch für das Fechten?

Das muss man ein bisschen ausklammern. Fechten ist kein populärer Sport, da verdienen die Leute bis auf ein paar Ausnahmen auch kein Geld. Wenn man sich dagegen den Fußball anschaut – die sollen ja gerne viel verdienen. Aber so viel? Wir waren damals noch reine Amateure. Es gab keine Prämie für den Olympiasieg. Es gab die Medaille und die war auch nur vergoldet, da schaut inzwischen schon das Material darunter raus.

Hat die Medaille dann wenigstens einen Ehrenplatz bekommen?

Nein. Eine Zeit lang habe ich sie nicht mehr gefunden. Dann habe ich sie in einen Banksafe getan und zu meinem 75. Geburtstag wollte sie ein Pressefotograf sehen. Seitdem hängt sie hinter der Türe bei einem Faschingsorden – sie ist mir aber natürlich sehr viel mehr wert. Ich wollte sie nur irgendwie nie zur Schau stellen oder präsentieren. Interview: Andreas Kornes

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