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Theater Augsburg

12.01.2018

„Aber ich bin doch ich!“

Menschen im Ringen um ihre geschlechtliche Identität: Luis Eduardo Sayago und Isabelle Barth in einer Tanzszene des Stücks „Herculine“.
Bild: Christian Kleiner

Ein außergewöhnliches Stück lässt teilhaben am Seelenleben intersexueller Menschen.

Im Anfang ist jeder Mensch beides – weder Mann noch Frau. Wohin sich die Geschlechtsidentität des Embryo mit seiner individuellen genetischen Ausstattung entwickelt, geschieht im Zusammenspiel der Enzyme und Hormone. Viele Spielarten der Intersexualität sind möglich. Wer darf sich anmaßen zu bestimmen, was normal zu sein hat?

Welche Dramen, welche Tragödien spielten sich auf diesem Feld ab! „Ich, 25 Jahre alt – ich habe viel gelitten.“ Mit einer Klage beginnt das Spiel „Herculine“ im Hoffmannkeller. Wir sehen einen Menschen zwischen Himmel und Erde in der Luft hängen. Er windet sich und quält sich, findet nirgends Halt und Ruhe. „Ich gehe in einem entsetzlichen Todeskampf zugrunde“, sagt eine Stimme aus dem Off. Denn die Welt habe dieses Menschenkind am Ende seiner Kindheit verdammt.

Sie kriechen wie Verdurstende über die Bühne

Als Protagonisten tauchen der Tänzer Luis Eduardo Sayago und die Schauspielerin Isabelle Barth aus dem Publikum heraus auf. Sie legen ihre Kleidung ab bis auf ein Trikot, das sie nicht mehr eindeutig sexuell erkennbar macht. Sie kriechen wie Verdurstende über die Bühne, sie schlingen sich ineinander, suchen ihre Position zu bestimmen, wollen eins werden – und doch sind sie unterscheidbar. Ihre Performance greift den antiken Mythos vom Hermaphroditen auf, der hier allerdings ein Ringen mit sich selbst („Ich bin ein fehlgeschlagenes Experiment!“) bedeutet und zwischen männlichem und weiblichem Pol.

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Verstörung wird im Hoffmannkeller zum Programm: „Das Mädchen war von irritierender Schönheit“, doch fühlte sie sich stets, „als gäbe es unter dem sichtbaren Gesicht noch ein zweites, das sich seine eigenen Gedanken macht“, zitierte Isabelle Barth aus literarischen Niederschlägen intersexueller Existenz. Es ist dieses Unaussprechliche, dieses kaum Benennbare, das die Seele in solchen Körpern quält: „Was ist es? Ich weiß es nicht!“

Eilfertige Ärzte griffen zum Messer

Immerhin hat die Seele die Freiheit, sich selbst zu definieren. Die Medizin hat traditionell das unentschiedene Geschlecht nicht ausgehalten. Eilfertige Ärzte griffen zum Messer, um bei Neugeborenen alsbald zu „normalisieren“, was die Natur verbockt hat. Ob die Eltern immer davon wussten? Ob sie vor dem Eingriff ausreichend beraten wurden? Die Heidelberger Medizinethikerin Elsa Romfeld, die mit ihren „Lectures“ wissenschaftliche Expertise in die Aufführung einbringt, hat daran starke Zweifel. Die Korrektur wurde den Eltern als unbedingte Notwendigkeit suggeriert – und sie wurden zu Komplizen der erzwungenen Tat gemacht. „Aber Papa, ich bin doch ich!“, schreit die Schauspielerin in der Rolle des Kindes, das ständige Umformungen an sich erdulden muss. Es darf nicht so sein, wie es ist.

Derweil starren die Mediziner mit professionellem Erschauern auf die „Missgebildeten“. Der Tänzer begibt sich in die Rolle des unfreiwilligen Models, des Studienobjekts für durchdringende Blicke. Monströs oder exotisch erscheinen solche Wesen. Man müsse sie fürsorglich „vor Schlimmeren bewahren“, drohe ihnen doch das soziale Aus „bis hin zur Unberührbarkeit“. Die eingeschüchterten Eltern fragen dann, wenn ihr pubertierendes Kind aufbegehrt und ihnen Vorwürfe macht: „Ja hätten wir dich so lassen sollen?“

Werben für Einfühlung

Im Verlauf der fünfviertel Stunden der Aufführung breitet sich immer mehr Beklemmung aus. Texte und Interaktionen werben für Einfühlung in diese Menschen, denen erst jüngst in Deutschland höchstrichterlich zugebilligt wurde, als ein drittes Geschlecht anerkannt zu werden. „In anderen Bereichen wollen wir die Vielfalt. Warum nicht auch hier?“, fragt Elsa Romfeld. Es ist eine Frage der Wahrheit, die Differenz zu akzeptieren, anstelle im Entweder-oder zu verharren.

„Herculine“ wagt eine unkonventionelle theatralische Form, um eine verstörende menschliche Frage zu diskutieren. Nicole Schneiderbauer, die Augsburger Hausregisseurin, hat mit „Plan A“ im Kollektiv mit Isabelle Barth erwiesen, wozu Theater fähig sein kann: eine saubere intellektuelle Auseinandersetzung mit Emotion zu verbinden.

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