In Yve Everts Tauschbox warten ein Mini-Zauberwürfel, ein paddelnder Schlumpf und ein zusammengesteckter Plastik-Dino – Gattung Diplodocus –, dass jemand in ihnen einen Schatz sieht. Man könnte es Krimskrams nennen. Klimbim. Oder Kitsch. Everts, 39, Schmuckdesignerin aus dem Augsburger Stadtteil Pfersee, nennt es genauso. Sie hat die Worte an die Innenseite ihrer „Trinket Box“ geschrieben. Links daneben ein grüner Haken. Heißt: Schnick-Schnack ist hier nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht.
Die Trinket Box, der Horror jedes sortierten Haushaltes und der Traum jedes Sammlers, sie erobert seit einigen Wochen die Social-Media-Welt. Das Konzept: Die Boxen hängen an öffentlich zugänglichen Orten. Wer sich etwas nimmt, legt auch etwas hinein. Je kleiner, je kruschtiger der Gegenstand, desto besser.
Everts sieht auf Instagram ein Video einer Trinket Box aus Berlin und ist sofort „Feuer und Flamme“, sagt sie. Sie fährt in den Baumarkt, kauft Box und Farbe, und bastelt, klebt, bemalt, zwölf Stunden lang.
Trinket Box in Augsburg-Pfersee: Täglich tauschen hier Menschen kleine Schätze
Am nächsten Morgen hängt sie die Box am Gartenzaun auf. Sie postet einen Beitrag auf ihrem Instagram-Account, wartet. Nach zwei Stunden, sagt Everts, sei sie so neugierig gewesen, dass sie es nicht mehr ausgehalten habe. Sie sei nach draußen gelaufen, habe die Box geöffnet, den ersten getauschten Kruscht entdeckt.
Mittlerweile tauschen hier täglich Menschen kleine Schätze: Eine Mutter und ihr Kind spazieren jeden Abend vorbei. Ab und an fragen Senioren nach, was alle so interessant finden. Vor allem aber kommen Teenager, die auf Tiktok vom Trend mitbekommen haben. Manchmal ist an einem Tag der komplette Inhalt durchgetauscht.
Mit den Kleinigkeiten bekämpft Everts die großen Ängste in ihrem Kopf. Nach einer Corona-Infektion entwickelte sie Long Covid, darf nicht mehr als 500 Schritte pro Tag machen, sonst werden die Schmerzen in der Nacht unerträglich. Wenig später greifen Jugendliche sie auf dem Fahrrad an. Danach fühlt sich draußen für Everts bedrohlich an.
Allein vor die Haustüre gehen? Schwierig. Im Supermarkt mit anderen interagieren? Unmöglich. Vor der Haustür mit Besuchern sprechen? Geht.
Jeden Morgen und Abend sieht Everts nach der Box in der Max-Pechstein-Straße 1. Steht jemand davor, plaudert sie. „Oh, ist die von dir?“, fragen die dann, oder „Wie hast du die gemacht?“. Beim Bäcker winken manchmal Leute, weil sie ihre Box kennen. „Es hilft mir, rauszukommen.“ Einmal hat sich Everts selbst etwas genommen: einen pinken Dino. Der habe sie „einfach glücklich“ gemacht, weil er so winzig ist, gerade zwei Zentimeter groß.
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