Das ganze Haus gebaut in einer Woche, davon träumen wohl viele Bauherren. Denn in der Realität sorgt der Bau des eigenen Heims eher für einen monate- oder gar jahrelangen Ausnahmezustand im Leben. Aushub, Rohbau, Richtfest seien nur als ein paar Stichworte genannt. Doch damit geht es ja erst los. Fenstereinbau, Wasser- und Elektroinstallation, Verputzen…
Da muss es mächtig Eindruck machen, wenn am Nachbarbauplatz ein Kran und ein paar Laster vorfahren und in drei bis vier Tagen steht auf der Bodenplatte ein Haus, das schon fast einzugsfertig aussieht. Fertighäuser erleben einen mächtigen Aufschwung. Gut 22 Prozent aller genehmigten Ein- und Zweifamilienhäuser im ersten Halbjahr 2021 waren Fertighäuser. Um die Jahrtausendwende lag der Anteil nach Angaben des Bundesverband Deutscher Fertigbau (BDF) noch bei 13,5 Prozent. Besonders hoch ist die Quote in Baden-Württemberg, wo sich der Fertigbauanteil im Jahr 2020 bereits auf mehr als 38 Prozent belief. Aber auch in Bayern waren es über 25 Prozent und in absoluten Zahlen sogar die meisten bundesweit. Die Branche arbeitet unter Vollauslastung, die Wartezeit auf ein neues Haus beträgt im Schnitt eineinhalb Jahre. Das relativiert zumindest die kurze Aufbauzeit.
Alle Häuser werden streng auf Schadstoffe geprüft
Dabei vergeht in den Betrieben, wie etwa bei der Firma Baufritz in Erkheim im Landkreis Mindelheim, vom Zuschnitt der ersten Holzteile bis zum Verladen der fertigen Wand- und Dachteile auf den Laster meist gerade einmal eine Woche. Wer mit Firmenchefin Dagmar Fritz-Kramer durch die Produktion läuft, muss Schritt halten können. Die Unternehmerin hat den Betrieb im Jahr 2004 von ihrem Vater übernommen und seitdem enorm erweitert. 100 Millionen Euro Umsatz will sie dieses Jahr erwirtschaften – und wer sie eine Weile reden hört, hat keine Zweifel, dass ihr das mit ihren rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelingt.
Nachhaltigkeit und besonderes Augenmerk auf die Gesundheit gehören für Fritz-Kramer zu den Kernmerkmalen aller Baufritz-Häuser. Ihre Mutter sei nach dem Umbau des Familienhauses schwer krank geworden und schließlich verstorben. Fritz-Kramer macht die damals verwendeten Materialien für die Erkrankung verantwortlich. „Sie hat auf diese Stoffe reagiert“, sagt die Unternehmerin. Die tragische Familiengeschichte leitete über Umwege die Neuorientierung des Unternehmens ein, wie Fritz-Kramer, die nun in vierter Generation in Verantwortung steht, erklärt. Als man im eigenen Betrieb zum Fertigbau fand, wollte man anders arbeiten. Alle Baustoffe werden streng geprüft. 50 Baubiologinnen und -biologen beraten Bauherren in Sachen Wohnraumgesundheit. 40 Patente und Schutzrechte hält die Firma an entsprechenden Produkten. Alle Häuser werden ohne Kleber und Schäume gebaut und gedämmt.
Bayern geht beim Holzbau voran
„Wir galten früher als die Hardcore-Ökos im Dorf“, sagt die jüngst 50 Jahre alt gewordene Unternehmerin. Dass sich die Welt seitdem gewandelt hat, muss sie nicht mehr hinzufügen. Wer heute baut, will nicht nur ein energieeffizientes Haus. Auch der Ressourcenverbrauch ist plötzlich ein Thema oder die Frage, wie gut die eingesetzten Materialien sich später einmal recyceln lassen. Inzwischen hat auch die Politik das Potenzial beim Holzbau erfasst. Bayerns Forstministerin Michaela Kaniber hat ein eigenes Aktionsprogramm gestartet. Der Holzbau soll zum Regelfall werden, wenn der Staat selbst neu baut. Außerdem gibt es eine Cluster-Initiative Forst und Holz und in Regensburg haben die Staatsforsten ein aufsehenerregendes Wohnhaus in Holzbauweise errichtet, in dem 33 Wohnungen untergebracht sind. Alles gut also für die Branche?
Nicht ganz. Denn die Verwerfungen auf dem Holzmarkt haben ihre Spuren hinterlassen. Ortswechsel. Vom Unterallgäu nach Franken, genauer gesagt nach Georgensgmünd, südlich von Nürnberg. Dort hat die Firma Luxhaus ihren Sitz. Inhaber Alexander Lux bereitet gerade die Übergabe des mittelständischen Betriebs mit rund 320 Beschäftigten an seine Tochter Maria vor. Nicht ganz 250 Häuser hat der Betrieb im Jahr 2020 gebaut. Corona konnte dem Geschäft nichts anhaben. Doch dann kam der Preisschock beim Holz.
Die Festpreisgarantie macht den Unternehmen Probleme
„In einem Jahr ist der Preis für einen Kubikmeter Konstruktionsvollholz von 320 Euro auf über 800 Euro gestiegen“, sagt Alexander Lux. Kurzzeitig war es ein massives Problem, überhaupt Holz zu bekommen. Die Versorgung habe sich mittlerweile entspannt, die Preise seien weiter hoch, aber nicht mehr so extrem. Doch die Betriebe haben nun ein anderes Problem: „Wir bauen Häuser zu Preisen, die wir nicht kalkuliert haben“, erklärt Lux. In der Branche sei es üblich, Kunden eine Festpreisgarantie zu geben. Davon wolle auch niemand abrücken. Aber die Folge des Preisschocks war unter diesen Bedingungen, dass viele Betriebe trotz Vollauslastung kaum Geld verdienten oder sogar draufzahlten.
Preiserhöhungen waren die logische Folge dieser Entwicklung. „Wir mussten in drei Schritten um insgesamt zwölf Prozent anheben“, erklärt Lux. Ob das Jahr 2021 insgesamt mit einem Plus ende, hänge nun von der weiteren Entwicklung des Holzpreises ab. Der Nachschub scheint auf jeden Fall gesichert. Den Weg durch die Produktion säumen rechts in sechs Lagen übereinander gestapelte Blöcke mit Schnittholz. Links wächst ein Berg Faserplatten der Hallendecke entgegen. Es riecht nach Sägespänen und im Hintergrund ist das Knallen einer Pressluftnagelmaschine zu hören.
Preisschocks erschweren die Kalkulation
Die Preisschocks machen aber nicht nur Firmeninhabern die Kalkulation schwer. Sie verteuern auch das Bauen. 2500 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche koste ein Luxhaus im Durchschnitt. „Familien, die sich das vor fünf Jahren noch leisten konnten, können es heute nicht mehr“, sagt Lux. Allerdings sieht er auch andere Verschiebungen in der Gesellschaft: „Heute will keiner mehr auf den Urlaub verzichten, nur weil er ein Haus baut. Früher gab es noch Nachbarn und Freunde, die auf der Baustelle mithalfen. Heute hat dafür keiner mehr Zeit, die Bauherren sind häufig beide berufstätig“, beschreibt Lux seine Beobachtungen.
Noch ein Ortswechsel, noch ein Familienbetrieb. In Oberrot-Scheuerhalden im Landkreis Schwäbisch Hall liegt idyllisch auf einer Anhöhe gelegen das Betriebsgelände der Fertighaus Weiss GmbH. Christel Noller und Hans Volker Noller führen das Unternehmen mit rund 400 Beschäftigten zusammen mit Sohn Michael. Senior Noller rechnet zwar nicht damit, dass der derzeitige Bauboom „unendlich weitergeht“, für den eigenen Betrieb ist er ab zuversichtlich gestimmt. „Das Einfamilienhaus wird es immer geben“, sagt Noller, selbst wenn die Preise stiegen und der Platz knapp werde. Zudem werde künftig mehr nachverdichtet und aufgestockt.
Künftig dürften die Häuser noch größer werden
Die Familie Noller jedenfalls will erneut erweitern. Eine Produktionshalle mit Schulungszentrum ist geplant. Doch erst einmal fährt hier noch ein roter Roboter im Tiefflug über ein liegendes Wandelement und nagelt einen Deckel darauf. Darin sind nun fertig verlegte Elektro- und Sanitärleitungen. Gedämmt ist natürlich auch alles und wenn die fertige Wand einige Arbeitsschritte später die Montage verlässt, sind auch noch Fenster oder Türen eingebaut und der Putz aufgetragen.
Das macht das industrielle Bauen so interessant. Komplexere Technik und neue Regeln können relativ einfach in die Serienproduktion integriert werden. Daher geben der Branche immer strengere Auflagen in Bezug auf Energiesparen und Recycling eher Rückenwind. In Zukunft könnte der Vorfertigungsgrad noch steigen. Denn auch die Projekte werden größer. Aktuell plant Nollers Betrieb zwei Mehrfamilienhäuser mit je neun Wohnungen. Da dauert das Aufstellen dann etwas länger. Staunende Blicke dürften dennoch garantiert sein, wenn klar wird, dass alles aus Holz gebaut ist.