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Tierschutz

09.09.2019

156 Hunde auf einem Hof gehalten - wenn Tierliebe zur Sucht wird

Immer wieder müssen Tiere aus völlig verwahrlosten Wohnungen gerettet werden – wie diese Hunde, die auf einen Gnadenhof gebracht wurden. Das sogenannte Animal Hoarding wird zu einem immer größeren Problem.
Bild: Klaus Spielbuchler, Gut Aiderbichl, dpa

Plus "Animal Hoarding" stellt Tierschützer vor große Probleme. Und es gibt immer mehr Fälle, vor allem in Bayern. Warum machen Menschen so etwas?

156 Hunde. Auf einem einzigen Bauernhof. Die Tiere sind verletzt, haben kaputte Zähne, sind verstört. Und weil sie nicht genug Futter bekommen, fressen sie den Kot, der überall herumliegt. Sie bellen, jaulen, winseln. Irgendwann merken die Nachbarn, dass auf dem Anwesen im niederbayerischen Landkreis Dingolfing-Landau irgendetwas nicht stimmt und rufen beim Tierschutzbund an. Ilona Wojahn nimmt sich der Sache an, fährt zu dem Anwesen – und ist entsetzt.

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Der Fall ist mittlerweile drei Jahre her. Aber Wojahn, Vizepräsidentin des bayerischen Tierschutzbundes und selbst Leiterin eines Tierheims in Niederbayern, sagt noch heute: „Das war das Schlimmste, das ich je erlebt habe. Es war einfach grauenvoll.“

Für das, was die Tierschützerin auf dem Bauernhof sehen musste, gibt es einen Begriff: Animal Hoarding. Auf Deutsch: Tierhortung. Oder auch: Tiersammelsucht. Eine vor Kurzem veröffentlichte Auswertung des Deutschen Tierschutzbundes zeigt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Vorfälle bekannt wurden. Und auch Wojahn sagt: „Die Fälle treten vermehrt auf.“

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Die meisten Fälle von "Animal Hoarding" gab es in Bayern

Animal Hoarding ist ein bundesweites Problem. Seit Beginn des Jahres 2012 waren mehr als 17.000 Tiere in Deutschland betroffen. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 waren es rund 2100 Tiere – mehr als je zuvor. Die meisten Fälle gab es in den vergangenen Jahren in Bayern. Gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Auch in der Region gibt es einige Beispiele: In Mindelheim im Unterallgäu hatte eine Frau 80 Meerschweinchen in ihrem Garten gehalten. Die Tiere wurden so sehr vernachlässigt, dass ein Großteil starb, die meisten waren verhungert oder erfroren. In Breitenbronn im Landkreis Augsburg wurden in der Wohnung eines Mannes ein Hund, fünf Katzen, rund 50 Schlangen, Geckos, Schildkröten, Mäuse, Ratten und Siebenschläfer entdeckt. Weil der Hund ständig bellte, hatten Nachbarn die Polizei gerufen, die die Tiere in der verwahrlosten Wohnung fand.

Und dann ist da natürlich noch der Fall aus Königsmoos im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, der Tierfreunde im ganzen Land bewegt hat. Mehr als 100 verwahrloste Hunde, teils bis auf die Knochen abgemagert, mit Geschwüren übersät oder auf verkrümmten Beinen torkelnd, wurden im November 2018 auf einem Anwesen im Königsmooser Ortsteil Obermaxfeld gefunden. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen – und warf einmal mehr die Frage auf: Warum machen Menschen so etwas?

Gründe dafür gebe es viele, sagt Ilona Wojahn vom Tierschutzbund. „Manche Menschen nehmen die Tiere in bester Absicht auf, schaffen es dann aber nicht, sich um sie zu kümmern“, sagt sie. Viele seien der Meinung, dass es den Tieren nur bei ihnen gut gehen könne. Wojahn erzählt von einer Frau, die in einer kleinen Wohnung 65 Katzen hielt. Die Frau hatte die Tiere von der Straße eingesammelt, weil sie Angst hatte, dass sie sonst überfahren würden. Und dann, fährt Wojahn fort, gebe es natürlich noch die, die mit den Tieren Geld verdienen wollten. „Ich nenne sie aber nicht Züchter, das sind Vermehrer.“ 

Psychologin: Verlustängste spielen bei Tiersammlern eine Rolle

Auch die Erlanger Psychologin Andrea Beetz hat sich mit der Frage befasst, warum Menschen Tiere horten. Mancher „Hoarder“ habe als normaler Tierhalter angefangen, immer mehr Tierschutztiere dazubekommen und in einer Lebenskrise dann die Fähigkeit verloren, sich adäquat um sie zu kümmern oder sie wieder abzugeben. „Verlustängste, Angst vor dem Tod und auch die Vermeidung der Euthanasie schwerst leidender Tiere mögen eine Rolle spielen“, sagt Beetz. Allen gemein sei eine fehlende Einsicht in die eigene Störung und in den schlechten Zustand der Tiere.

Beetz zufolge hat Animal Hoarding einen Krankheitswert. Davon loszukommen, sei nicht eifnach. Die Rückfallquoten seien hoch. Mithilfe einer längerfristigen Psychotherapie könne aber eine Besserung erzielt werden, meint die Psychologin. Möglicherweise müssten in einigen Fällen auch dahinterstehende andere Erkrankungen – etwa Demenz, Alkoholmissbrauch oder Depressionen – behandelt werden.

Nicht nur die Tiere und deren Halter leiden – sondern auch die Tierheime. Wenn die Behörden Hunde, Katzen oder Vögel beschlagnahmen, müssen innerhalb weniger Stunden Hunderte – oft kranke und unterernährte – Tiere versorgt werden. Viele Heime kommen da an ihre Grenzen. „Wir müssen die Tiere auf mehrere Einrichtungen aufteilen, anders funktioniert es nicht“, sagt Tierschützerin Wojahn.

Es geht bei der Sache auch ums Geld

Bei der ganzen Sache geht es natürlich auch ums Geld. Weil die Tiere medizinisch versorgt werden müssen, entstehen hohe Kosten. Die Ämter, erklärt Wojahn, seien dazu angehalten, die Verursacher zur Kasse zu bitten. Aber oft sei bei den Haltern nichts zu holen. Manchmal bleibe sogar das Tierheim auf den Kosten sitzen, nämlich, wenn keine Behörden involviert sind. Das ist dann der Fall, wenn sich die Tierhalter selbst an die Tierschützer wenden.

Erst vor Kurzem hat Wojahn so einen Fall erlebt. Eine Frau hielt in ihrem Haus 30 Pekinesen, 25 davon hausten in einem völlig verkoteten Keller. Die Halterin, deren Mann kurz zuvor gestorben war, merkte selbst, dass sie mit den vielen Hunden völlig überfordert war und suchte Hilfe beim Tierschutzbund. Wojahn erinnert sich an die desaströsen Zustände. „Da geht man nur noch mit Schutzmaske rein“, sagt sie.

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