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Wissenschaft

14.09.2020

Aasforscher im Bayerischen Wald: Dem Tod auf der Spur

Christian von Hoermann untersucht Verwesungsprozesse von Tieren. Dafür spielen bestimmte Larven und Käfer eine Rolle.
Bild: Maria Heinrich

Plus Im Bayerischen Wald untersuchen Aasforscher Tiere, die sie in der Natur auslegen und verwesen lassen. Ihre Ergebnisse helfen Kriminalisten dabei, Gewaltverbrechen aufzuklären.

Der Gestank steigt beißend in die Nase. Als der Wind dreht, schwappt er wie eine Welle entgegen. Der Verwesungsgeruch erinnert ein bisschen an Fell, an Wild, an Stall, an Tierkot. Unappetitlich. Dabei steht man noch einige Meter entfernt von dem toten Reh, das zwischen umgefallenen Bäumen und Sträuchern auf einer Lichtung liegt. Umschwirrt von unzähligen Fliegen, Käfern und Larven. Christian von Hoermann machen der Geruch und der Anblick des verwesenden Tieres nichts mehr aus. Im Gegenteil. Ganz nah geht er ran, beugt sich neugierig über den Kadaver und untersucht, wie weit der Zersetzungsprozess fortgeschritten ist.

Die Aasforscher arbeiten mit Forensikern vom Landeskriminalamt zusammen

Christian von Hoermann ist Aasforscher im Nationalpark Bayerischer Wald im niederbayerischen Grafenau. Seine Arbeit erinnert an die Krimis des britischen Autors Simon Beckett über den Forensiker David Hunter. Der Biologe – der in Bobingen im Landkreis Augsburg geboren wurde und in Ulm promovierte – untersucht die Verwesungsprozesse von toten Tieren. „Ich schaue mir an, was mit den Kadavern in ihrem natürlichen Sterbeumfeld passiert und welche Auswirkungen das auf die Umgebung hat.“ Der Zersetzungsprozess sei wichtig für das ganze Ökosystem: für große Aasfresser, für Insekten, den Boden, Pilze und für Bakterien.

Für seine Studien legt er immer wieder Tiere im Bayerischen Wald aus und lässt sie verwesen. 119 Stück waren es seit 2017, vor allem Rehwild. Auf der Waldlichtung entdeckt man immer wieder Überreste von Tieren, ein bisschen Fell hier, ein paar Knochen dort. Es ist weniger eklig, als man es sich vorstellt. „Meistens nutzen wir Rehe, die vom Auto überfahren werden. Alle Tiere sind bereits tot, keines wird extra für unsere Forschung getötet.“

Diese Galerie enthält sensibles Bildmaterial: Aasforscher untersuchen die Verwesung von Tieren. Dabei spielen Insekten eine wichtige Rolle. Oft ziehen die Kadaver andere Tiere an, zum Beispiel Luchse und Wölfe.
19 Bilder
Aasforscher im Bayerischen Wald
Bild: Maria Heinrich; Nationalpark Bayerischer Wald

So auch das Reh, das er an diesem Tag untersucht. Der Vorderlauf steht in einem seltsamen Winkel ab, er wurde bei einem Unfall gebrochen. Seit etwa einer Woche liegt das Tier jetzt im Wald. „Es sieht noch ganz harmlos aus“, sagt von Hoermann. Der beißende Geruch, den der Kadaver verströmt, hat auch seinen Grund, erklärt der Biologe. „Für den Menschen ist er ein Warnsignal, für Insekten und Aasfresser dagegen eine Nahrungsquelle. Sie werden von den Gerüchen angezogen.“ Doch welchen Sinn hat dieses Forschungsprojekt an toten Tieren überhaupt?

Zum einen wollen der Biologe und seine Kollegen ergründen, welchen Einfluss das verwesende Tier auf die Umwelt hat. Wie verändert sich zum Beispiel der Nährstoffhaushalt und die Bakterien im Boden, welchen Einfluss haben die Körperflüssigkeiten auf die Pflanzen. Zudem schaut sich von Hoermann an, welche Insekten auf die Kadaver gehen. Bis zu 139 verschiedene Arten hat er schon gezählt. Sie brauchen alle verschiedene Zersetzungsstadien, um angelockt zu werden. „Es ist eine sehr komplexe Kettenreaktion, bei der jedes Glied, also jede Art, einen ganz genauen Zweck erfüllt.“

Die Ergebnisse sind wichtig, um Gewaltverbrechen aufzuklären

Zum anderen sind seine Untersuchungen wichtig für Kriminologen, zum Beispiel beim Bayerischen Landeskriminalamt ( LKA). „Wir arbeiten mit Forensikern zusammen, die immer interessiert an der Datenlage sind, also welche Tiere wir hier finden“, sagt von Hoermann. Er nennt zwei Beispiele: So gibt es etwa eine Schmeißfliegengattung, die die Entwicklungsgeschwindigkeit der anderen Maden verändert. „Das ist für Forensiker interessant, wenn diese anhand der Insekten und deren Stadien den Todeszeitpunkt von Leichen bestimmen müssen.“ Oder ein Käfer, die sogenannte Rothalsige Silphe. Er lebt ausschließlich im Wald. Wird er an einer Leiche entdeckt, die aber beispielsweise in der Stadt gefunden wurde, ist das ein Anzeichen dafür, dass der Mensch im Wald ermordet wurde und die Leiche danach verschleppt wurde.

Die dort beobachtbaren Verwesungsprozesse sind allerdings nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar, erklärt ein Sprecher des Landeskriminalamtes. „Allerdings sind die grundlegenden Verwesungsprozesse, die Einfluss auf die Besiedelung durch Insekten haben, ähnlich genug, dass sich zum Beispiel die an Schweinen gewonnenen Erkenntnisse in einem gewissen Rahmen auch auf den Menschen übertragen lassen.“

Ähnliche Forschungen mit toten Menschen gebe es in Deutschland derzeit nicht, erklärt der LKA-Sprecher. Die nächste Einrichtung gebe es in den Niederlanden und in den USA. „Man nennt das body farms, also Leichenfarms“, sagt von Hoermann. „Das ist bei uns ethisch aber sehr umstritten. Dabei ist das ja eigentlich etwas vollkommen Natürliches.“

Die Amerikaner sind bei der Aasforschung sehr aktiv

Christian von Hoermann stellt fest, dass die Tierkadaverforschung immer mehr Interesse auf sich zieht. Früher sei das eher stiefmütterlich behandelt worden, wegen „des gewissen Ekelfaktors“, vermutet er. „Aber die Amerikaner sind schon sehr aktiv, und auch bei den Studenten wird die Nachfrage immer größer.“

Der Biologe erinnert sich selbst noch gut daran, wann sein Interesse für dieses Thema geweckt wurde: „Ich war bei der Freiwilligen Feuerwehr und habe eine Wohnungsleiche gesehen. Im ersten Moment erschrickt man da natürlich und viele Kollegen sind richtig traumatisiert. Aber ich habe das wissenschaftlich gesehen und mich gefragt, warum der Mensch jetzt so aussieht.“

Wer mehr über die Arbeit der Aasforscher sehen will, der kann sich am Montag, 14. September, und am Sonntag, 20. September, im Bayerischen Rundfunk „Das Festmahl der Tiere“ ansehen.

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