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Augsburger Bombennacht

23.02.2019

Als vor 75 Jahren Bomben auf Bayern fielen

Augsburg nach dem Bombenangriff in der Nacht von 25. auf 26. Februar 1944. Im Hintergrund zu sehen das Rathaus und der Perlachturm.
Bild: Sammlung Häußler

Plus Der Luftangriff auf Augsburg jährt sich zum 75. Mal. Auch andere Städte wurden schwer zerstört. Ein Historiker und ein Zeitzeuge erzählen.

Hans Grimminger hat sich ein Leben lang mit den Angriffen von Bombenflugzeugen beschäftigt. Als Kind spielte er in den Ruinen zerstörter Häuser, später wollte er wissen, was passiert ist. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er zum Luftkrieg recherchiert. Er durchforstete Archive in Deutschland, London und Washington, sammelte Tagebucheinträge und Aufzeichnungen. Und all das, obwohl er den Krieg nie erlebt hat. Nichts von den Bomben, die die Flugzeuge abwarfen, nichts von der Zerstörung, die die Geschosse anrichteten.

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Heute gilt der 74-Jährige als Experte für den Luftkrieg. Er weiß genau, wie unterschiedlich die Amerikaner und Briten ihre Angriffe auf Bayern planten. Er kann aus dem Stegreif erklären, welcher Flugzeugtyp welche Bombe abwarf. Und er beschreibt bis ins Detail, wie schwer die Zerstörung in den bayerischen Städten war, wie es auch unsere Karte zeigt. „München und Regensburg, das waren strategische Ziele, weil es dort Industrie gab. Nürnberg dagegen war eher politisch interessant, weil es für Hitler von Bedeutung war. Deshalb waren in diesen Städten die Angriffe besonders schlimm.“

Sein Wissen aus über 40 Jahren Recherchearbeit macht Grimminger zu einem Ansprechpartner für Medien und Menschen, die nach Angehörigen suchen. Er interviewte Zeitzeugen und half dabei, vermisste Piloten und Soldaten zu finden. Und er traf Menschen, die den Schrecken des Krieges hautnah miterlebten.

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Hans Grimminger konstruierte das Leben eines abgestürzten englischen Piloten nach

Zum Beispiel Philip Jenkinson. Der Engländer besaß einen Bauernhof in Südwest-England mit Rindern und Schafen. Bis der Krieg kam. Der junge Mann ging zur Royal Air Force und war bei einem der großen Angriffe auf München dabei. Seine Maschine wurde abgeschossen, Philip Jenkinson sprang ab und landete in Leeder, einem Dorf zwischen Landsberg am Lech und Schongau. Elf Tage war er auf der Flucht, bis die Deutschen ihn bei Isny im Allgäu festnahmen. Drei Jahrzehnte später kam er wieder zurück und suchte den Ort, an dem er damals mit seinem Fallschirm landete. Während dieser Suche traf er Hans Grimminger.

Der Augsburger recherchierte für den Engländer in Archiven und konnte mithilfe von alten Aufzeichnungen das Schicksal von Philip Jenkinson nachvollziehen. „Aus dieser Begegnung ist eine nette Freundschaft entstanden, wir haben uns immer wieder besucht. Und ich habe durch ihn weitere Männer getroffen, die die Schrecken der Luftangriffe hautnah miterlebten“, sagt Grimminger.

"Täglich Fliegeralarm bei Nacht, Posten stehen rund um die Uhr"

Karl Kling aus Krumbach ist einer dieser Menschen. 1943 wurde er mit 15 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen. Das Grauen konnte er sein gesamtes Leben nicht vergessen. Heute erzählt der 90-Jährige: „Alles, was mir in so jungen Jahren widerfuhr, die rohe Gewalt, das Leiden, die Toten, hat mich geprägt. Deshalb sage ich meinen Kindern und Enkeln immer wieder: Tut alles dafür, dass ihr in Frieden in einem demokratisch geführten Land leben könnt.“

 

Als Karl Kling 1943 seine Heimat verlassen musste und mit Gasmaske und Uniform als Richtkanonier eingezogen wurde, führten ihn seine Einsätze quer durch Bayern. Von den Feld-Flughäfen in Bad-Tölz und Cadolzburg in Mittelfranken nach Unterschleißheim bei München. Kling erzählt: „Täglich Fliegeralarm bei Nacht, Posten stehen rund um die Uhr. Und immer die Frage: Wann wird dieses Grauen ein Ende haben?“ Mit jedem Angriff, den er als Luftwaffenhelfer erlebte, wurde die Härte des Krieges immer offenkundiger. Im Nachhinein erscheint es Karl Kling als Wunder, dass er während so vieler Angriffe unverwundet blieb – bis Juli 1944.

Karl Kling wurde an den Flughafen Memmingen versetzt. Am 18. Juli griffen dort die amerikanischen Bomberverbände an und warfen über dem Platz ihre Geschosse ab. „Der Angriff war das Schlimmste, was ich je erlebte. Er bleibt für immer unvergessen. Verwundete und Tote noch und nöcher.“

Karl Kling wurde von einem Bombensplitter an der Lippe getroffen. Einige Stunden später kam er ins Krankenhaus. „Ich begreife es bis heute nicht, was ich damals für ein Glück hatte. Wäre der Splitter in meinem Auge oder Gehirn gelandet, dann würde ich heute nicht hier sein und darüber sprechen. Friede ist das Wichtigste, was es gibt.“

Unsere große Multimedia-Reportage zur Augsburger Bombennacht finden Sie hier.

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