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Interview

17.11.2018

„Angst vor dem Tod hatte ich nicht“

„Manager mit Mönchsherz“ oder „Seelenflüsterer und Glückspater“ – der Benediktinermönch Anselm Grün hat schon viele Etiketten erhalten. Vor vier Jahren ist er an Krebs erkrankt. Wie er mit der Krankheit umgeht, erzählt er nun.
Bild: Thomas Obermeier

Millionen Menschen hat Pater Anselm Grün in Krisen Mut gemacht. Dann erkrankte er selbst. Ein Gespräch über die Endlichkeit und darüber, was er heute nicht mehr schreiben würde

Sie haben mit Ihren Büchern und Vorträgen Millionen von Menschen in Krisensituationen Trost gespendet, Mut gemacht. Vor vier Jahren erkrankten Sie an Nierenkrebs und brauchten plötzlich selbst Zuspruch. Wie war das?

Die Diagnose hat mich damals schon sehr verunsichert. Ich wusste nicht, ob und wie es weitergeht. Mit einer Niere leben zu müssen, ist auch ein Risiko. Und natürlich ging mir durch den Kopf: Ich arbeite gerne, halte gerne Vorträge und schreibe gerne. All das könnte nun zu Ende gehen. Zuversicht hat mir unter anderem das Gebet „Herr, dein Wille geschehe!“ gegeben. Das ist nichts Angstmachendes, sondern drückt aus: Wenn Gott mir die Kraft gibt, dann kann ich weitermachen. Wenn nicht, muss ich auch damit einverstanden sein.

Viele Menschen, die eine solche Diagnose bekommen, berichten, dass sie regelrecht in eine Schockstarre verfallen. Wie war das bei Ihnen?

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So war es bei mir nicht. Ich wollte es am Anfang gar nicht so ernst nehmen. Doch der Arzt sagte, man müsse sofort operieren. Meine erste Aufgabe war dann, erst mal alle Termine der kommenden vier Wochen abzusagen. Das ist mir nicht leichtgefallen.

Was haben Sie seinerzeit als größte Herausforderung empfunden?

Einfach mich meiner Endlichkeit zu stellen. Außerdem musste ich mich mit meiner Vorstellung auseinandersetzen, dass ich dachte, wenn man spirituell und gesund lebt, dann wird sich das auch positiv auf den Körper auswirken. Ich musste aber erkennen, dass es keine Garantie gibt, Krankheit zu verhindern – auch wenn man spirituell und psychologisch richtig lebt. Natürlich fragt man bei einer schweren Krankheit auch immer sofort nach dem Warum.

Haben Sie mit einer Antwort gerechnet?

Das habe ich schnell sein lassen, denn die Frage nach dem Warum bringt nichts. Die Krankheit ist mir widerfahren. Dafür kann es viele Gründe geben. Aber das ist nicht wichtig. Vor allem hat es keinen Zweck, nach Schuld zu fragen. Dann schwächt man sich nur. Es ist jetzt so – dies zu akzeptieren, ist eine Herausforderung. Denn es zerbricht mein Bild, ich könnte durch gesundes Leben und Meditation vielleicht Krankheit vermeiden. Diese Hoffnung ist erst einmal zerbrochen. Und ich musste in aller Demut anerkennen: Ja, ich bin krank, warum auch immer, und ich muss mich dem jetzt stellen.

Haben Sie in manchen Momenten mit Gott gehadert?

Hadern war es nicht, aber eine Infragestellung: Was heißt das jetzt für mein geistiges Leben? Natürlich habe ich das, was mich bewegte, auch vor Gott getragen. Es war immer die Hoffnung dabei, dass Gott mir hilft und dass es gut gehen wird.

Haben Sie Todesangst verspürt?

Ich habe gerade erst wieder einen Kurs gehalten zum Thema „Was erwartet uns nach dem Tod?“. Nein, Angst habe ich davor nicht. Aber natürlich lebe ich gerne, und der Tod signalisiert mir, dass es zu Ende geht und ich vieles nicht mehr machen kann. Da spüre ich schon eine gewisse Angst, mich damit auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass ich in Gottes Liebe hineinsterbe. Aber ich weiß auch genau, dass ich das nicht bestimmen kann. Was dann wirklich im Sterbeprozess sein wird, weiß keiner. Ich habe viele Menschen auf ihrem Weg in den Tod begleitet. Sie hatten weniger Angst vor dem, was anschließend kommt, sondern mehr vor dem Kontrollverlust. In so einer Situation können wir unser Leben nicht mehr selber bestimmen. Auch wenn ich keine Angst vor dem Tod habe, bleibt irgendwo ein großes Unbehagen.

Wie schafft man es, mit diesem Unbehagen und der Angst umzugehen?

Für mich ist immer wichtig zu sagen: Ja, ich habe Angst. Ja, es kann sein, dass die Krankheit nicht geheilt wird und ich sterbe. Was heißt das dann für mich? Es ist eine Herausforderung, mich ganz in Gottes Hand fallen zu lassen. Aber in der Angst steckt zugleich auch immer die Hoffnung, dass es gut gehen wird. Diese Hoffnung hatte ich. Die Angst und das Unbehagen waren für mich zugleich eine Einladung, auch damit zu rechnen, dass es schiefgehen kann. Dann stellt sich die Frage: Wie will ich jetzt leben, was ist mir wichtig? So gesehen war die Krankheit für mich auch der Impuls, manches abzuschneiden. Auch manche Verpflichtungen und Bindungen. Ich vertraue jetzt mehr meinem Gefühl, was mir guttut und was nicht.

Sie haben in einem Ihrer Bücher geschrieben: Die Krankheit ist ein Appell, neue Akzente im Leben zu setzen. Wie sehen Ihre neuen Akzente aus?

Entscheidend ist die Frage: Was ist mir wichtig in meinem Leben. Mein Leben hat sich durch die Krankheit nicht total geändert. Ich gebe weiterhin Kurse, halte Vorträge und schreibe Bücher. Ich bin auch dankbar, dass das alles noch geht. Aber ich höre jetzt mehr auf meine Impulse. Wenn ich müde werde, versuche ich nicht, die Müdigkeit zu überspringen. Ich habe mich auch ganz grundsätzlich gefragt: Worüber sollte ich eigentlich künftig schreiben? Was möchte ich den Leuten noch sagen? Sollte ich nur die Wünsche der Lektoren erfüllen oder viel mehr darauf achten, was mir wichtig ist?

Zu welchem Ergebnis kamen Sie?

Einfach weniger zu schreiben und sich mehr auf das einzulassen, was den Menschen wirklich hilft. Außerdem halte ich mehr Kurse zu den Themen Trauer und Umgang mit Krankheit. Einfach, um mich auch der Not dieser Menschen zu stellen.

Würden Sie mit Ihrer Krankheitserfahrung alles wieder so schreiben?

Ich würde es so ähnlich schreiben, aber vorsichtiger. Weil ich durch meine Krankheit gemerkt habe, dass zu fromme Sprüche oder zu schnelle Erklärungen eher verletzen. Man muss es erst einmal aushalten, dass man noch keine Antwort weiß. Dass man noch nicht sofort alles einordnen kann in sein Weltbild oder in seinen Glauben. Da wird etwas infrage gestellt. Das länger auszuhalten, ist wichtig. Ich habe vielleicht zu schnell versucht, beim Schreiben immer gleich eine Hilfe anzubieten, wie man damit umgehen kann. Und diesen Akzent, erst mal warten, ich hab noch keine Antwort, ich muss das selber erst noch für mich klären, das würde ich heute anders schreiben. Interview: Michael Reinhard

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