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Kreis Aichach-Friedberg

27.12.2020

Auf dem Paulihof finden Kinder und Tiere in Not ein Zuhause

Die Kinder, die auf dem Paulihof mit Gründerin und Heilpädagogin Ulrike Heigenmooser leben, haben alle einen schweren Rucksack dabei. Tiere helfen ihnen, sich zu stabilisieren.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Der Paulihof in Unterbernbach ist eine besondere Einrichtung: Kinder, die bei ihren Eltern nicht leben können, wachsen hier auf. Doch die Zukunft ist ungewiss.

Mit niemandem mehr hat das zehnjährige Mädchen gesprochen. Alles und alle hat sie abgelehnt. Sich komplett in sich zurückgezogen. Kontakt hat sie ganz langsam nur zu einem aufgebaut. Zu Pauli. Dem Hund von Ulrike Heigenmooser. Ihn begann sie zu streicheln. Zu ihm setzte sie sich. Ihm vertraute sie. Ihm erzählte sie Stück für Stück alles. Ihre ganze schmerzbeladene Kindheit. Für die Heilpädagogin Ulrike Heigenmooser war diese intensive Beziehung des Mädchens zu ihrem Hund vor vielen Jahren ein Schlüsselerlebnis. Sie, die immer Tiere liebte, wurde in etwas bestätigt, was sie stets ahnte: Tiere können mehr als treue Gefährten sein, sie können bei der Heilung einer verletzten Kinderseele helfen. Es war die Geburtsstunde des Paulihofs in Unterbernbach im Landkreis Aichach-Friedberg. Einer tiergestützten, stationären heilpädagogischen Einrichtung für Kinder und Jugendliche.

Auf dem Paulihof leben Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können

Stürmisch und ausgesprochen herzlich ist die Begrüßung: Gleich eine ganze Schar Buben macht die Tür gleichzeitig auf, wird aber augenblicklich von einem Schafpudel in den Hintergrund gedrängt. Auch ein freundliches Mädchen gesellt sich dazu. Und Heilpädagogin Sandra Sailer. Sofort wird man in den Hof geführt, wo Wildgänse, Pferde, Ponys und Hühner sowie Lamm Flocke warten. Und Ulrike Heigenmooser. Alle reden durcheinander. Eine große, lebhafte Familie – könnte man meinen. Doch wie das zehnjährige Mädchen damals sind die sieben Buben und das 14-jährige Mädchen nicht Heigenmoosers Kinder. Zumindest nicht ihre leiblichen. Wie ihre Kinder werden sie aber behandelt. Liebevoll. Respektvoll. Voller Fürsorge.

Heilpädagogin Sandra Sailer gehört zum Team des Paulihofs.
Bild: Ulrich Wagner

Was die Kinder verbindet, ist die Tatsache, dass sie in ihren Elternhäusern nicht leben können. Aus unterschiedlichen Gründen. Oft sind die Eltern krank, befinden sich in problematischen Lebenssituationen, kämpfen mit sich. „Meine Mama hat mich schon mit 15 Jahren bekommen“, erzählt ein aufgeweckter Junge und streichelt dabei Schafpudel Anton. „Mein Papa ist im Krieg gestorben“, erzählt er weiter. Er habe auch Brüder und eine Schwester. Und ja natürlich würde er gerne bei seiner Mama leben. Er macht eine Pause. Schaut zum Hund, sagt: „Aber es ist schwierig.“

Auf dem Paulihof helfen sich schwierige Kinder und schwierige Tiere gegenseitig

Eine schwierige Kindheit hatte auch das 14-jährige Mädchen. Schon früh kam sie zu Pflegeeltern. „Geduldige, liebe Menschen“, sagt Ulrike Heigenmooser. Doch das Mädchen rastete regelmäßig aus. Tobte. Schrie. Biss. „Ich war eine Furie“, sagt die 14-Jährige ehrlich und blickt zu den Pferden. Dann kam sie auf den Paulihof. Vor vier Jahren war das. Ihr Begleittier, wie das auf dem Paulihof genannt wird, wurde ein Pony. Momo. Ein schwieriges Tier. Wie fast alle Tiere auf dem Paulihof. Doch die 14-Jährige schaffte es, eine vertrauensvolle Beziehung zu Momo aufzubauen. „Bald kann ich mit ihm Kutsche fahren“, erzählt sie, strahlt übers ganze Gesicht und marschiert zu dem Pony. „Die meisten unserer Tiere sind ausgesetzt worden, übrig geblieben, bei uns abgegeben“, sagt Heigenmooser und krault dabei Lamm Flocke, das ständig den Kontakt zu Menschen sucht. „Die Tiere suchen sich die Kinder aus und die Kinder die Tiere“, erzählt die 62-Jährige. Profitieren würden dann beide – Kind und Tier.

Der Kinderschutz München war lange Jahre der Träger der Einrichtung, die in zwei Wohnhäusern bis zu 14 Kinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren aufnehmen kann – bleiben dürften die jungen Leute dann dort bis zu ihrem 21. Lebensjahr. Doch in diesem Jahr änderte sich etwas: Ulrike Heigenmooser und ihre Kollegin Sandra Sailer gründeten eine eigene Gesellschaft. Das Ziel bleibt das gleiche: Auf dem etwa drei Hektar großen Paulihof sollen Kinder und Jugendliche psychisch gestärkt und in ihrer ganzen Persönlichkeit gefördert werden. Die Auswahl treffe das Jugendamt.

Der Pachtvertrag für den Paulihof läuft Ende 2021 aus

Unklar sei allerdings nun, ob sie auf dem Hof bleiben können. Der Pachtvertrag laufe Ende des Jahres 2021 aus. „Es wäre eine Katastrophe für uns alle, wenn wir hier weg müssten“, sagt Heigenmooser und ihre Kollegin Sandra Sailer nickt. Sowohl die Kinder aber auch die Tiere und nicht zuletzt die 13 Mitarbeiter brauchen Platz. Sie brauchen Ställe. Wiesen. Einen Hof. „Wir können jetzt nur hoffen, dass es hier weiter geht“, sagt Heigenmooser, die den Paulihof 2005 gegründet hat. Der Kinderschutz München antwortet auf Anfrage unserer Redaktion, ob eine Änderung angedacht ist, so: „Der Paulihof war im Kinderschutz München lange Jahre eine wichtige und besondere Einrichtung der stationären heilpädagogisch-therapeutischen Kinder- und Jugendhilfe. Der Kinderschutz München ist dem Paulihof weiter eng verbunden und am langfristigen Erhalt des stationären Angebots interessiert.“

Ulrike Heigenmooser macht keinen Hehl daraus: Der Paulihof ist ihr Kind. Ihr Zuhause. Auch wenn sie dort nicht wohnt. Felix und Pascal wohnen auf dem Paulihof. Der 19-jährige Felix kam vor über drei Jahren auf den Paulihof. Er kam, wie er erzählt, weil er überall Probleme hatte: Zuhause. In der Schule. Nichts klappte mehr. Er wurde immer aggressiver. Schließlich wurde er in eine Therapiestation in eine Klinik eingewiesen. Doch erst auf dem Paulihof habe sich sein Zustand gebessert. Warum? Felix zuckt mit den Schultern. So genau könne er das gar nicht sagen. Er lächelt. „Es passte hier einfach. Die ganzen Strukturen. Das half mir.“ Heute macht er eine Lehre zum Schreiner. Und der 23-jährige Pascal schloss sogar als einer der besten im Landkreis seine Lehre als Kfz-Mechatroniker ab, arbeitet heute allerdings als Angestellter auf dem Paulihof, „weil ich lieber in der Natur bin als den ganzen Tag in der Werkstatt“. Ulrike Heigenmooser sieht man den Stolz an, wenn Pascal und Felix von ihren Erfolgen berichten, von ihrem Gefühl, auf einem guten Weg ins Erwachsenenleben zu sein.

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