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Weltspartag

31.10.2014

Auf ein Bier zur Sparkasse - das Kommen und Gehen der Sparschränke

Die schlichte Eleganz einer Sportgaststätte, hier in Türkheim - natürlich mit dem obligatorischen Stammtisch-Aufsteller. Aber eben auch mit dem Sparschrank unter der Sparclub-Info.
Bild: Ulrich Wagner

Dorf-Wirtschaft statt New Economy - noch immer gehen Menschen jeden Monat einmal in die Kneipe, um dort Geld in einen Sparschrank zu werfen. Eine Geschichte von Wert und Wandel.

Da hängt das Ding, ganz schlicht und einfach an der Wand. Zwischen zwei Fenstern und zwei Vorhängen. Drin steckt viel Geschichte und viel Herzblut. Dabei ist es auf den ersten Blick nur ein silberfarbener, aufklappbarer Kasten mit 70 nummerierten, waagerechten Schlitzen und zwei Schlössern an der Seite. Unten rechts noch die Herstelleradresse mit Telefonnummer. Sonst kein Hinweis, weder auf Funktion noch Besitzer. Aber die, die in die Sportgaststätte Penalty in Türkheim kommen, wissen, was für eine Rarität dort hängt, und sogar, wer sie regelmäßig füttert.

„So geht das“, sagt Alfred Kaltenmayer, nimmt einen Fünf-Euro-Schein, faltet ihn zwei Mal und steckt ihn in den Schlitz mit der Nummer 40. Sein Fach. Der Schein klemmt etwas, also hilft Kaltenmayer mit dem kleinen Schieber nach, der oben am Kasten mit einer dünnen Kette befestigt ist. Und schon ist das Papier im Kasten verschwunden. Kaltenmayers Monatsmuss ist jetzt erfüllt – er muss also keine Strafe zahlen. Das ist die Regel. So steht’s in der Satzung.

Mitglieder zahlen einmal im Monat in den Sparschrank

Das Ding an der Türkheimer Gaststättenwand zwischen den Fenstern ist ein Sparschrank und er wirkt im Zeitalter von Facebook und Onlinebanking wie eine Art Dinosaurier. Er funktioniert ohne Strom, WLAN, Doppelklick oder „Gefällt mir“-Button. Menschen verlassen für dieses Ding ihr Haus, um Geld in kleine Schlitze zu werfen und hinterher noch mit einer Person aus Fleisch und Blut bei einem Bierchen oder zwei einen Ratsch zu halten. Kein Wunder, dass manch einer beim Anblick des Kastens sogar nostalgisch-verwundert dreinschaut. Ach, die gibt’s noch?

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Die Idee der Sparschränke geht auf die Zeit zurück, als Karl Marx „Das Kapital“ schrieb. Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, fanden in Norddeutschland die ersten Spargemeinschaften zusammen. Quasi eine Art Bank des kleinen Mannes, man schmiss zusammen und pumpte sich auch mal zinsfrei Geld. 1878 gründeten Seeleute und Hafenarbeiter in Hamburg Sparklubs, um sich durch diese Art Ur-Crowdfunding für Notfälle abzusichern. Man brachte das Geld an einem festgelegten Tag zum Kassier, der notierte die Summe und verwaltete es. So ähnlich läuft es zum Teil auch heute noch ab – im Sparverein „Einigkeit“ in Augsburg-Lechhausen zahlen die Mitglieder einmal im Monat ein, bekommen ein Vermerk in ihrem grauen Sparerheftchen, das noch aus D-Mark-Zeiten stammt – „wir sind ja ein Sparverein, wir sind sparsam, wir schmeißen nichts weg“, sagt eine lachende Vorsitzende Angelika John. Nach der Einzahlung kommen die Euros zur Bank.

Die Sparschränke, die Anfang des 20. Jahrhunderts aufkamen, machten das Vereinssparen leichter. Man konnte zum Beitrageinwerfen irgendwann in die Wirtschaft kommen und war nicht mehr auf die Anwesenheit der Kassiers angewiesen. Das Vereinssparen wurde immer beliebter und breitete sich bis nach Süddeutschland, Österreich und in die Schweiz aus. 1921 wurde bereits „Einigkeit“ Lechhausen gegründet, als das Vereinssparen nach dem Ersten Weltkrieg seine erste Blütezeit erlebte. Sie dauerte nicht lange. Während des Zweiten Weltkriegs kam das Vereinssparen zum Erliegen. Das änderte sich mit der Währungsreform und dem deutschen Wirtschaftswunder. Die Banken unterstützten das Erfolgsmodell, weil es den Sparsinn förderte, neue Kundenkontakte brachte und Wachstum garantierte. Die Rechnung ging auf: 1950 machten 143 Sparkassen mit dem Vereinssparen 14,08 Millionen Deutsche Mark Umsatz, 1952 verbuchten 333 Sparkassen 49,23 Millionen D-Mark.

Sparkschränke waren für Banken nicht mehr rentabel

Alois Rauh sitzt am Penalty-Stammtisch, den von der Sparkasse gesponserten Sparschrank zu seiner Rechten und erinnert sich: „Früher, in den 1950er Jahren, da hingen solche Kästen überall herum, sogar beim Bäcker und im Lebensmittelladen“, sagt das Gründungsmitglied des Sparklubs „Eissportverein Türkheim“. Ein Sparschrank war damals ein „stummer, aber unermüdlicher und kostenloser Werber“, wie es in dem Buch „Vereinssparen: Merkblatt für das Vereins- und Clubsparen“ heißt. Die Leute warfen ihr Restgeld in „ihr“ Fach und sparten so quasi beim Einkaufen. Manche Banken betreuten diese Sparkästen sogar ohne Sparverein. „Damals waren die auch noch an Kleingeld interessiert und man wurde mit ordentlichen Zinsen fürs Sparen belohnt“, sagt Rauh über die Bankenlandschaft, und sein Blick drückt aus: Lang ist’s her.

In den 1980er Jahren fing das Sparschranksterben an. Die Banken zogen sich aus dem Geschäft zurück. Genug Kunden gefunden. Nun: zu viel Arbeit, zu wenig Ertrag. Auf Bankendeutsch: nicht rentabel. Und mit den Zinsen ging’s auch langsam bergab. Rauh durchblättert sein Kassenbuch und verfolgt den „gewaltigen Zinsverlauf“ zurück. Dabei erzählt er von Festgeldkonten, Aktivsparen, Sparbuch – er kennt die ganze Palette an sicheren Anlagearten, hat sie 25 Jahre lang zusammen mit seinem Kassierkollegen Hans Hintner ausprobiert, damit am Ende möglichst viel Gewinn für den Verein herauskam. 25 000 Euro waren es in der Zeit. Rauh erinnert sich an zweistellige Zinssätze in den 1970er Jahren und dann sagt er mit fatalistischem Unterton: „0,05 Prozent.“ Pause. „So weit sind wir schon, bravo“, entgegnet Zweiter Vorsitzender Jörg Ulpinnis lachend. „Oh, doch so viel“, sagt Rauhs Nachfolgerin Claudia Schoder, „wir landen nur im 1000er-Bereich, nicht im Millionenbereich, das ist doch nicht mehr so interessant für die Bank.“ Rauh: „Millionenbereich interessiert die auch nicht mehr.“ Mit Sarkasmus lässt sich das niedrige Zinsniveau leichter ertragen. Ein Glück geht es im Sparklub nicht nur ums Sparen, sondern auch um die Geselligkeit und das Zusammensein. Zuverlässigkeit, Vertrauen und Herzblut sind wichtiger als Zinsen.

Viele Sparvereine haben Nachwuchsprobleme

Das stand auch bei der Gründung des Sparklubs im Vordergrund. Damals, 1985. „Wir wollten Leben in die Bude bringen“, erinnert sich Rauh. Die Idee: Durch den Sparschrank kommen regelmäßig Gäste in die Vereinsgaststätte und lassen nach dem Einzahlen auch beim Wirt ein bisschen Geld. Der damalige Vereinsvorsitzende, ein Harzer, kannte das Prinzip noch aus Norddeutschland und brachte es den Bayern näher: Jedes Sparklubmitglied bekommt ein Fach und muss einmal pro Monat fünf Euro einwerfen, mindestens. Wer’s vergisst, muss zwei Euro Strafe zahlen. Den Jahresbetrag im Voraus einzuwerfen, ist nicht möglich. Einmal im Monat öffnen die beiden Kassiers gemeinsam den Sparschrank, was nur mit zwei Schlüsseln möglich ist. Im Vier-Augen-Prinzip leeren sie die Fächer, notieren die einzelnen Beträge und bringen anschließend das Geld zur Sparkasse. Die Zinsen gehen an den Verein, der davon Aktivitäten oder Feiern finanziert. Am Ende des Jahres werden die Mitglieder über die Höhe ihrer Spareinlage informiert und manch einer lässt sich davon einen Teil auszahlen. Für viele der Sparer ist das wie ein Extra-Weihnachtsschwarzgeld.

Natürlich könnten sie ihr Geld einfach zuhause in die Spardose werfen, doch gemeinsam zu sparen ist geselliger und macht mehr Spaß. Manches Mitglied wird laut Rauh nur deshalb zum „Scheinwerfer“, um bei Veranstaltungen dabei zu sein. „Wir tun etwas gegen das Vereinsamen der älteren Leute, auch deswegen ist das wichtig“, sagt auch Gerald John vom Sparverein „Einigkeit“ in Augsburg-Lechhausen, der sich einmal im Monat im Gasthaus „Alte Schmiede“ trifft. Die Jungen allerdings lockt die ganze Geselligkeit heute nicht mehr hinter dem Ofen vor. Das Sparen in der Gruppe erst recht nicht. Viele Sparklubs und -vereine haben Nachwuchsprobleme. 50 Mitglieder hat „Einigkeit“ Lechhausen. Gut 60 der Sparklub, vor ein paar Jahren waren es noch fast 70. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 50 Jahren.

Einbrecher räumten den Sparschrank aus

Der Türkheimer Sparklub hatte zudem ganz andere Probleme: Ein paar Mal räumten Einbrecher den Sparschrank aus. „Die Einbrüche haben einige Sparer abgeschreckt“, sagt Erster Vorsitzender Alfred Kaltenmayer. Obwohl die Bankenversicherung einen Teil des gestohlenen Geldes ersetzte und seit der Videoüberwachung „a Ruh“ ist, steigen die Mitgliederzahlen nicht an. Das trifft den Sparklub härter als der niedrige Zinssatz. „Das Zinsniveau wird nicht immer so weit unten bleiben. Wir hoffen auf die Zukunft und dass wir alle Mitglieder halten können“, sagt Ulpinnis. „Und dass der Draghi irgendwann seinen Hut nimmt“, ergänzt Rauh. Ulpinnis setzt noch mal nach: „Die Zeit bringt die Zinsen, das glaube ich fest.“ Claudia Schoder: „Ich nicht.“

Wie viele der eckigen Volksspardosen heute noch in Deutschland hängen, weiß niemand genau. Die Sparvereine und -klubs, die solche Geldkästen in Kneipen und Vereinsheimen betreiben, sind nirgends registriert. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband führt nicht mehr extra Buch über solche Gruppeneinnahmen. Der größte Hersteller der Sparschränke möchte keine Auskunft geben. Vor über zehn Jahren schätzte er, dass noch rund 250 000 der 800 000 von ihm produzierten Sparschränke in Betrieb sind. Der zweite Hersteller ist die Firma Burg Services in Köln, die vor drei Jahren das Traditionsunternehmen Paul Siepermann übernahm, das einst auch das Türkheimer „Ding“ produziert hatte. „Wir verkaufen pro Jahr konstant etwa 400 Schränke, viele direkt an Gaststätten“, erklärt Geschäftsführer Marco Römisch, „die Schränke können noch immer als Magnet wirken“. In die Kneipe zum Sparen unter Freunden: Das ist eine sichere Bank – Geselligkeit mit Gewinn.

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