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Pandemie

21.08.2020

Bayerischer Hygiene-Inspektor: „Test-Panne wäre vermeidbar gewesen“

Schwächen in der Struktur der Gesundheitsämter hätten sich bei der Schweine- oder der Vogelgrippe angedeutet. Jetzt, in der Corona-Pandemie, würden sie offensichtlich, sagt Oskar Weinig.
Bild: otos: Marijan Murat, dpa

Plus Der langjährige Chef der bayerischen Hygiene-Inspektoren, Oskar Weinig, über Missstände im Gesundheitssystem und die Verschwendung von Personalmitteln.

Herr Weinig, Sie haben als ehemaliger Vorsitzender der bayerischen Hygiene-Inspektoren einen guten Einblick in das öffentliche Gesundheitswesen, haben schon Ende der 1990er eine Reorganisation der Gesundheitsämter gefordert. Aus Ihrer Sicht: Wäre das bayerische Debakel an den Corona-Teststationen vermeidbar gewesen?

Oskar Weinig: Ja, die Datenpanne wäre vermeidbar gewesen: mit einem entsprechend modernen Software-Programm. Beispielsweise hätte man die Ausweise von Reiserückkehrern an den Grenzen leicht per elektronischer Datenverarbeitung erfassen können. Das ist aber nicht passiert, die Daten wurden händisch aufgenommen – und das in unserer Zeit.

Hinken die Ämter im Gesundheitswesen mit ihrer Software dem Stand der Technik hinterher?

Bayerischer Hygiene-Inspektor: „Test-Panne wäre vermeidbar gewesen“

Weinig: Ja. Mit den Programmen, die derzeit in den örtlichen Gesundheitsämtern genutzt werden, kann man so komplexe Aufgaben wie die Aufnahme der Adressen und Daten nicht bewältigen. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) arbeitet zwar seit Jahren an Lösungen, aber nur an selbst gestrickten, die nicht dem heutigen Stand der Informationstechnik entsprechen.

Ist denn wenigstens die Software des LGL mit der Software der Gesundheitsämter kompatibel?

Weinig: Nein, jedes Gesundheitsamt hat seine eigene Lösung. Und auch die Schnittstelle zur Regierung ist sehr beschränkt. Meines Erachtens kann die Regierung deshalb aus diesen Daten auch nur wenig Konkretes herausfiltern.

 

Warum gibt es immer noch diese veralteten Systeme bei den Gesundheitsämtern?

Weinig: Derzeit finanziert jedes Landratsamt seine Software über Ausgleichsmittel vom Freistaat. Würde eine einheitliche Software angeschafft, nach Vorgaben aus dem Ministerium, müsste dieses auch dafür zahlen. Aus meiner Sicht ist das der wesentliche Grund, warum dieser Wildwuchs an Softwarelösungen überhaupt entstanden ist.

Hat das etwas mit der Struktur des öffentlichen Gesundheitswesens zu tun?

Weinig: Das hat ganz wesentlich damit zu tun. Die Gesundheitsämter werden von Ärzten geleitet – doch im Grunde bräuchte es einen Juristen oder Manager, der die Ressourcen, Prozesse und das Personal zeitgemäß steuern kann. Jemanden, der sich nicht bei jedem Problem beim Ministerium rückversichern muss.

Also fordern Sie eine komplette Reorganisation?

Weinig: Um die teils verkrusteten Strukturen aufzubrechen, müssten die Gesundheitsämter in Deutschland neu strukturiert werden. Etwa durch Schwerpunkt-Gesundheitsämter, die Regionen und nicht mehr einzelne Landkreise betreuen. So ließe sich zum Beispiel der Personaleinsatz besser steuern, gerade während einer Pandemie.

In Bayern wurden 4000 Mitarbeiter neu an die Gesundheitsämter beordert. Bringt das etwas?

Weinig: Das bringt aktuell natürlich etwas. Langfristig gesehen ist es jedoch eine Verschwendung von Personalmitteln. Denn was machen die Mitarbeiter, wenn die Pandemie vorbei ist? Ich muss doch eine Struktur schaffen, bei der ich ausreichend Personal für den Normalfall habe – aber im Bedarfsfall, etwa bei einer Pandemie, schnell zusätzliche Kräfte einsetzen kann.

 

Wäre Corona ein guter Anlass, diese Probleme grundlegend anzugehen?

Weinig: Ja. Die Schwächen des Systems waren auch schon bei der Schweinegrippe oder der Vogelgrippe sichtbar. Jetzt, in der Corona-Pandemie, sind sie offensichtlich.

Passiert in Bayern genug, um die Schwächen des Systems zu beseitigen?

Weinig: Nein. Die Struktur des öffentlichen Gesundheitsdienstes müsste sich radikal ändern. Durch mehr Personal allein werden die Gesundheitsämter nicht gestärkt. Das ist aber wichtig zum Schutz der Bevölkerung. Einen hundertprozentigen Schutz werden wir nie erreichen. Aber wir sollten in Deutschland einen relativ sicheren Gesundheitsschutz garantieren.

Zur Person: Oskar Weinig, 68, war 14 Jahre lang Vorsitzender des Berufsverbandes der Bayerischen Hygieneinspektoren.

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