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Corona-Krise

18.03.2020

Bayern zu Zeiten von Covid-19: Tschüss, Alltag!

Gähnende Leere auch im Einkaufszentrum Westpark in Ingolstadt. Die Maßnahmen, die die Regierung den Bürgern zumutet, sind massiv.
Bild: Fabian Huber

Plus Bayern verschärft den Krisenmodus. Unser Reporter reiste durch den Freistaat - und erlebte ein Land, das wegen Corona herunterfährt.

Bereits nach wenigen Metern auf der Autobahn fühlt sich Bayern an wie ein Roland-Emmerich-Film. Die A7 ist leer, der Horizont weit, die Sonne steht tief. Dann warnt eine digitale Tafel: "Sie kommen aus A, CH und I." Sie schaltet um: "Bleiben Sie 2 Wochen zu Hause." Dahinter patrouilliert ein Dutzend Bundespolizisten, die meisten mit Mundschutz. Sie fragen: "Wo kommen Sie her? Was haben Sie in Österreich gemacht? Wo soll’s noch hingehen?"

Der Grenztunnel nach Österreich auf der A7: leer.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Es ist Dienstag, Grenzübergang Füssen/Reutte. Vor 51 Tagen wurde bekannt, dass sich ein 33-Jähriger im Landkreis Starnberg mit Sars-CoV-2, dem Coronavirus, infiziert hat. Am Montag schließlich trat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Staatskanzlei in München vor die Kameras. Seitdem ist Bayern, seitdem ist Deutschland ein anderes Land. Eines im Krisenmodus. Eines, das sich abschottet.

Corona-Krise: Die Parkplätze bei Schloss Neuschwanstein sind leer

Es war eine Pressekonferenz ohne Presse. Journalisten konnten online Fragen stellen. Söder schwitzte leicht, gab sich aber staatsmännisch, als er die einschneidendsten gesellschaftlichen Einschränkungen seit dem Zweiten Weltkrieg verkündete: Restaurants bleiben nur noch unter strengen Auflagen geöffnet – ab Mittwoch. Freizeiteinrichtungen wie Kinos, Bars, Sporthallen, Bibliotheken und Zoos müssen schließen – ab Dienstag. Grenzkontrollen und Einreiseverbot für alle Nicht-Deutschen, Nicht-Pendler und Nicht-Kraftfahrer – ab sofort, erklärte er am Montag. Keine Veranstaltungen mehr bis Ostern.

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Die Bayerische Staatsregierung mit Markus Söder an der Spitze rief wegen der Corona-Pandemie den Katastrophenfall aus und der Rest der Republik zog nach. Einigkeit und Recht und Enthaltsamkeit. Ein Staat wird heruntergefahren wie ein Computer.

Unweit der Polizeikontrollen am Grenzübergang Füssen/Reutte ist dort, wo sich sonst jährlich 1,4 Millionen Touristen tummeln, am Dienstag eine mystische Ruhe eingekehrt. Neuschwanstein ist jetzt ein Geisterschloss. Die großen Parkplätze sind abgesperrt, der Alpsee glitzert friedlich. Keine Selfiestick-Brigaden, keine Reisebus-Kolonnen. Nur vereinzelt klackern ein paar Spaziergänger mit ihren Walking-Stöcken den kurvigen Weg nach oben. Viermal im Jahr hat Neuschwanstein geschlossen, um Weihnachten und um Silvester. Ende vergangener Woche machte die Bayerische Schlösserverwaltung alle ihre Sehenswürdigkeiten bis mindestens Mitte April dicht. "Nichts los, Gott sei Dank", sagt eine Anwohnerin.

Bayerns Touristenattraktion schlechthin, Schloss Neuschwanstein, ist ein „Geisterschloss“.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Es ist nur die halbe, die etwas egoistische Wahrheit. Denn wie sagte Markus Söder? "Es wird noch manches auf uns zukommen, und es kann auch noch sehr schlimm werden." Er sagte es, ohne besonderen Wert darauf zu legen, ob Teile seiner Antwort die Bevölkerung verunsichern könnten. Er sprach auch von "massiven Umsatzeinbußen", von "Betrieben vor dem Aus".

Coronavirus in Bayern - selbst das Bordell macht dicht

Seit Mittwoch dürfen Hotels nur noch Geschäftsreisende übernachten lassen – im Ortsteil Hohenschwangau der Gemeinde Schwangau mit seinen beiden Königsschlössern die Ausnahme. Flixbus hat seine Reisen eingestellt, Lieferketten drohen abzureißen, der Ölpreis ist niedrig wie lange nicht, Börsen befinden sich im Tiefflug, Sparer ziehen hohe Summen von ihren Konten ab. Es droht eine globale Rezession. Bayern schnürte bereits einen Schutzschirm von zehn Milliarden Euro für notleidende Betriebe, Rettungspakete von Bund und EU werden folgen.

Derweil genießen die Kaufbeurer einen sonnigen Tag. Auf dem Rad. Oder vor der Bahnhofskneipe mit dem, wie ein Gast sagt, "weltbesten" Bier. Um dem Shutdown – dem großen Stillstand – zumindest in den Städten nachzuspüren, muss man ein wenig suchen. Noch.

"Mama Rosi" ist schon etwas in die Jahre gekommen. Von der schinkenwurstfarbenen Fassade des Bordells blättert der Putz. Die Vorhänge sind zugezogen, die Fenster gekippt. Drinnen dröhnt ein Fernsehgerät. Doch der Nachtklub wird seine Holzpforte mindestens für zwei Wochen nicht mehr öffnen, auch nicht, wo doch ein Schild "Open End" verspricht.

Eine Mutter versteht die Corona-Maßnahmen nicht so recht

Im nahen Schwimmbad krault niemand durchs Becken. Keiner kickt auf dem Fußballfeld nebenan. Und um den Spielplatz im Jordan-Park weht rot-weißes Flatterband. Eine Dreijährige steht trotzdem auf der Rutsche und kreischt freudig. Ihre Mutter Katja – mehr als ihren Vornamen müsse man nicht wissen, sagt sie – ist verwundert, dass die Geräte gesperrt sind. Sie nennt Corona einen "Riesenhype" und meint zugleich: "Die Menschen werden gezwungen, langsamer zu machen." Da könne man mal längere Gespräche führen. Da werde die Leistungsgesellschaft auch mal gebremst.

Das Ziel dieser Notbremse – der Verbote, der Schließungen, der Kontrollen – soll allerdings nicht ein entschleunigtes Leben von Mittvierzigern wie Katja sein, sondern die Gesundheitsvorsorge für die gesamte Gesellschaft. Deutschland will, wortwörtlich, die Kurve kriegen. Die Infizierten-Zahlen aber steigen exponentiell und Infektionsketten können nicht mehr nachvollzogen werden. Und das dürfte inzwischen den meisten klar sein: Besonders stark trifft es die Alten und Vorbelasteten. Und auch das: Es gibt noch kein Mittel gegen die vom Coronavirus ausgelöste neuartige Lungenkrankheit Covid-19.

lso mahnten Virologen und Politiker, dass sich ihre Mitbürger "sozial distanzieren" sollten, um den Seuchenverlauf zu strecken und das Gesundheitssystem zu entlasten. Sie sollen auf Spielplatz-, Schwimmbad- und Kinobesuche verzichten.

Auf diesem Spielplatz in Kaufbeuren dürfen sich Kinder vorerst nicht mehr austoben.
Bild: Fabian Huber

Söders Corona-Katastrophenplan: Supermärkten länger geöffnet

Vor dem "Corona KinoPlex" – es heißt wirklich so – in einem Kaufbeurer Industriepark sind die Aushänge für Filmplakate halb leer. "Keine Zeit zu sterben", heißt der neue James-Bond-Streifen. Makaber irgendwie, aber mit einer Pandemie hatte die Filmindustrie nicht gerechnet. Der Filmstart wurde auf November verschoben. Über Bond-Darsteller Daniel Craig klebt ein Zettel: "Nach ‚Corona’ im Corona. Bis bald…"

Nichts geht mehr, zum Beispiel im „Corona KinoPlex“ in Kaufbeuren. Gegen das Coronavirus kann nicht einmal James Bond etwas ausrichten.
Bild: Mathias Wild

Über fehlende Kundschaft können sich Supermärkte nicht beschweren. Im Gegenteil: Söders Katastrophenplan hat ihnen längere Öffnungszeiten gebracht, es ist dringend nötig. Filialleiter verweisen bei Fragen nach Hamsterkäufen nervös auf die Pressestellen ihrer Ketten. Einer sagt am Telefon: "Im Moment läuft es ganz schlecht." Ein Kontrollbesuch. Fusilli: weg. Tiefgefrorene Bio-Himbeeren: aus. Tortilla-Chips mit Chiligeschmack: heute nicht. Das Zewa-Regal: leer.

Es sind außergewöhnliche Zeiten. Die Kanzlerin verordnet Augengruß und Ellbogencheck als Alternative zum Händeschütteln. Minister regieren per Videoschalte. Der neun Jahre alte Seuchenfilm "Contagion" klettert in den Streaming-Charts nach oben. Und die Italiener versammeln sich auf ihren Balkonen, um ihre hinreißende wie martialische Nationalhymne zu singen: Stringiàmci a coòrte, siam pronti alla morte,…L’Italia chiamò! Lasst uns die Reihen schließen, wir sind bereit zum Tod, Italien hat gerufen!

Alles wie immer in Jengen? Eher nicht in Zeiten von Corona.

Die Nachrichtenlage verändert sich stündlich. Während dieser Reise durch Bayern wird VW einen Produktionsstopp ankündigen, Außenminister Heiko Maas eine Rückholaktion für Deutsche im Ausland auf den Weg bringen, Kanzlerkandidat in spe, Friedrich Merz, aus der Quarantäne heraus über seine Corona-Infektion twittern und die Uefa ihre Fußball-EM auf 2021 verschieben. Das alles wirkt weit weg vom Dorfleben in Jengen. "Alles wie gehabt", sagt der Tankwart dort an der Ortseinfahrt. Die Luft riecht nach Land, die Pferde neben dem Pfarrheim kauen Gras, die Menschen sind etwas reserviert. Alles so wie immer? "Die Leute gehen weniger raus", sagt einer. "Ich schirme mich ab", ein anderer. Der Durchreiseverkehr habe abgenommen.

Vor seinem kleinen Bauernhaus jätet ein 82-jähriger Dorfbewohner sein Beet. "Damit die Sonnenblumen blühen können", sagt er. Zum Gespräch über den Gartenzaun kommt er ein wenig näher. Die Ohren wollen nicht mehr so, ein Schlaganfall tut sein Übriges. Der Mann gehört zur Hochrisikogruppe. "Die haben viel zu spät angefangen", sagt er über die Corona-Schutzmaßnahmen. Raus gehe er nicht mehr, nur noch in seinen Garten. Auch der Wirt der "Brauereistub’n Rössle" im Nachbarort Ummenhofen macht seinen Hof sommerbereit. Er hämmert Steinblöcke in die Erde und grüßt mit dem Fuß. "Die Chefin", sagt er, werde heute, Dienstag, noch einmal um 15 Uhr aufsperren. Dann ist erst mal Schluss, denn genau bis 15 Uhr dürfen Gastronomiebetriebe nach dem Willen Söders von Mittwoch an noch geöffnet haben. "Wir sehen das alle ein. Was willst du machen? Ist halt so", sagt der Wirt. Wie lange er durchhält? "Keine Ahnung!" Wird er Hilfe beantragen? "Mit Sicherheit!"

80 Kilometer nordöstlich, in Aichach, gehen viele Dinge noch ihren gewohnten Gang. Menschen rauchen vor der Sparkasse, sitzen im Restaurant "central". Ein junges Pärchen diskutiert die Unterschiede zwischen einer Grippe und Corona. An der Bar – zwei Männer, ein Thema – wird über eine Dame, die die beiden mit Mundschutz und Handschuhen gesehen haben, gesprochen wie über eine neue Wolfssichtung. Es geht auch um einen Bekannten in Quarantäne und um die "neue Währung Klopapier". Beide lachen laut.

"Am Montag waren viele da, die gesagt haben: Wir nutzen jetzt nochmal aus, dass wir zu euch kommen können, bevor alles vorbei ist", erzählt Bedienung Sabine Finkenzeller, 32. Trotzdem habe es einen Umsatzeinbruch gegeben. Am Mittwoch wird sie jeden zweiten Holztisch herausnehmen. Es gilt: Mindestabstand anderthalb Meter, maximal 30 Gäste. Sie wird nach 15 Uhr den Eingang absperren, und ihre Kollegen werden danach Hüftsteaks und Scampi-Salate ausliefern. Ein Test ist gut verlaufen.

Corona-Krise in Ingolstadt: Vor der Apotheke wartet eine Türsteherin

Mittwochmorgen. Im Westpark, einem Einkaufszentrum in Ingolstadt, sind ganze Bereiche mit Rolltoren abgeriegelt. Rolltreppen stehen still. Wer hier nach Luxushemden, Halsketten oder dem neuen Sachbuch von Thomas Piketty sucht, geht mit leeren Händen nach Hause. Von 146 Läden haben 14 geöffnet: Drei Supermärkte, drei Bäckereien, eine Metzgerei, eine Apotheke, zwei Drogerien, drei Optiker und ein Reinigungsgeschäft.

"Edeka – warum zum Einkaufen überhaupt woanders hinfahren", dröhnt es aus den Lautsprechern des Lebensmittelladens. Ein Rentnerpaar schimpft auf "Hamsterkäufer": "Die kaufen doch Scheißpapier für die nächsten zehn Jahre." Der Supermarkt hat reagiert: pro Person und Einkauf nur eine Packung Klopapier. Aber das entsprechende Regal ist ohnehin leer.

Im Shop einer Klosterbäckerei darf bloß ein Gast pro Tisch sitzen. Es riecht nach frischen Rahmfleckerln. "Fühlt sich komisch an", sagt die Verkäuferin. "Geisterstadt." Und die Apotheke hat eine Türsteherin, eine Mitarbeiterin. Mit Mundschutz bekleidet kontrolliert sie die Kunden. Sie müssen einen Meter Abstand zueinander einhalten. "Nur ein Kunde pro Kasse", sagt die Türsteherin. Schutzmasken, Handschuhe, Desinfektionsmittel? "Alles aus."

Zwei Tage unterwegs in Bayern zu Corona-Zeiten. In Zeiten des Katastrophenfalls und des Shutdowns. Alleine seit Söders Pressekonferenz haben sich 357 Menschen im Freistaat mit Corona infiziert, 3360 in Deutschland, 36.985 weltweit. Laut Robert-Koch-Institut und Weltgesundheitsorganisation. Die Zahlen werden, wenn dieser Text online und in den Druck gegangen ist, weiter steigen. Ohnehin dürfte die Dunkelziffer höher liegen. Experten sagen, dass sich die Maßnahmen erst nach Tagen auf die Infizierten-Zahlen auswirken. Die Menschen werden damit leben müssen.

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