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24.04.2018

Bayerns letzter Henker

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Johann Reichhart hat 3166 Menschen hingerichtet. Zum Schluss auf Anweisung der amerikanischen Besatzer in Landsberg

Im Herbst seines Lebens züchtet Johann Reichhart Hunde und stellt Haarwasser sowie Parfüm her. Das harmlos-bürgerliche Ende einer erschreckend blutigen Karriere. Eine, über die Reichhart irgendwann sagt: „Ich hab keinem wehgetan.“

Johann Reichhart, gelernter Metzger, geboren 1893 unweit von Regensburg, ist Bayerns letzter Henker. Zwischen 1924 und 1946 sterben exakt 3166 Menschen durch seine Hand, die überwiegende Mehrheit in der Zeit des Nationalsozialismus. So vollstreckt er unter anderem die Todesurteile gegen die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl.

2014, vor vier Jahren also, können die wenigsten Menschen mit seinem Namen noch etwas anfangen. Bis zu dem Tag, als seine Guillotine plötzlich auftaucht. Sie galt als verschollen, stand in Wirklichkeit aber jahrzehntelang unbemerkt im Depot des Bayerischen Nationalmuseums in München. Seine Todesmaschine. Die gearbeitet und gearbeitet hat. Wenn es sein musste, im Dreiminutentakt. Reichhart brüstet sich später damit, das Fallbeil so perfektioniert zu haben, dass ein Akt nicht mehr fünf Minuten, sondern nur ein paar Sekunden dauerte.

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Reichhart übernimmt den Job 1924 von seinem Onkel Franz Xaver. Aus Existenznot, wie Biograf Johann Dachs herausfindet. Aber nicht nur. Hinzu komme „eine gehörige Portion Eitelkeit“. Und zu einem gewissen Grad auch der Reiz an der „Macht, einen Menschen vom Leben zum Tode zu befördern“. Man muss aber auch wissen, dass der Beruf des Scharfrichters, so der offizielle Name, über Jahrhunderte hinweg als unehrenhaft galt.

Sein Leben nimmt 1945 in unserer Region eine unerwartete Wendung. Ausgerechnet Hitlers Henker wird von den amerikanischen Besatzern dazu gezwungen, 153 NS-Kriegsverbrecher hinzurichten, und zwar in Landsberg. Allerdings nicht mit dem Fallbeil. Das ist den Amerikanern fremd. Sie bevorzugen den Strang. So zynisch es klingt: Reichhart muss umschulen. Mitte 1946 weigert er sich, weitere Todesurteile zu vollstrecken. Im Zuge der Entnazifizierung kommt er vor Gericht. Die Strafe, eineinhalb Jahre Arbeitslager, gilt als getilgt. Doch wieder ist er ein Geächteter. 1972 stirbt Johann Reichhart einsam in einem Pflegeheim in Dorfen bei Erding.

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