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Kreis Dillingen

02.08.2019

Bei ausgesetzten Babys zählt jede Minute

Immer wieder werden Kinder ausgesetzt. Dieser Säugling wurde im Jahr 2013 in den Niederlanden gefunden.
Bild: Politie Noord Limburg, dpa (Archiv)

Die Geschichte des Babys, das auf einer Wiese im Kreis Dillingen gefunden wurde, bewegt ganz Bayern. Wie es ihm geht und wie häufig Säuglinge ausgesetzt werden.

Die Wiese ist schon länger nicht mehr gemäht worden. Bis zu den Knien reichen die Halme der Gräser und Blumen, durch die der Fußgängerweg in 50 Meter Entfernung nur zu erahnen ist. Nebenan grast ein Pferd hinter einem Zaun. Hier, an diesem verlassenen Fleckchen Erde am Rande des 600-Seelen-Dorfes Unterglauheim im Landkreis Dillingen kommen für gewöhnlich nur wenige Menschen vorbei. Einer ist Wolfgang Heilmann. Der 62-Jährige geht dort ab und zu mit seinen beiden Pudeln Gassi. Auch an jenem Montag vor einer Woche. Es sollte ein schicksalhafter Spaziergang werden.

Heilmann stößt durch Zufall auf ein Neugeborenes, das nackt zwischen Gras und Löwenzahn auf der Erde liegt. Vom Bauch hängt noch ein Stückchen Nabelschnur weg, über den winzigen Körper krabbeln Ameisen. Den Anblick, wie der Kleine hilflos und verlassen im Gras liegt, wird Heilmann so schnell nicht vergessen. „Die Bilder holen mich immer wieder ein“, sagt er tags darauf.

An jenem Montag ruft Heilmann sofort den Rettungsdienst – und rettet dem Buben das Leben. Er kommt mit einem Hubschrauber in die Augsburger Kinderklinik. Tagelang kämpft er um sein Leben. Nun ist klar: Er schafft es. Der Säugling ist nach Angaben der Polizei außer Lebensgefahr. Die Mutter, deren geistige Leistungsfähigkeit offenbar eingeschränkt ist und die von der Lebenshilfe begleitet wird, sitzt in Untersuchungshaft. Der 31-Jährigen wird versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Aussetzung vorgeworfen.

Angelika und Wolfgang Heilmann fanden das Baby auf einer Wiese in Unterglauheim.
Bild: Andreas Schopf

Säugling im Kreis Dillingen ausgesetzt: Es drohen Langzeitfolgen

Der Fall aus dem Landkreis Dillingen bewegt auch den Neugeborenenfacharzt Dr. Christian Voigt, der eine Praxis in Stadtbergen in der Nähe von Augsburg hat. „Das ist eine extreme Gefährdung des Kindeswohls“, sagt Voigt, der auch der Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Augsburg und Nordschwaben ist. Ganz generell sei es bei Babys so, dass sie sehr schnell auskühlen, erklärt der Mediziner. Hinzu komme, dass sie unter der unterbrochenen Nährstoffzufuhr leiden.

„Babys sind sehr auf einen normalen Blutzucker angewiesen“, sagt Voigt. Nach der Geburt werde das Kind für gewöhnlich an die Brust der Mutter gelegt, damit es die erste Milch trinken kann, die den Blutzucker reguliert. Bekommt ein Kind über einen längeren Zeitraum zu wenig Nährstoffe, drohen im schlimmsten Fall Langzeitfolgen, etwa eine verzögerte Entwicklung, weil das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Immer wieder kommt es vor, dass Babys einfach ausgesetzt werden – die Fälle sind aber dennoch – glücklicherweise – selten. Nach Angaben des bayerischen Landeskriminalamtes gab es im Jahr 2018 im Freistaat drei Aussetzungen von Kindern unter drei Jahren. Allerdings hat die Statistik ihre Tücken. Denn: Liegt ein sogenanntes höherwertiges Delikt vor – also etwa Totschlag oder Mord – dann wird der Fall in der Statistik nicht mehr als Aussetzung gelistet.

Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes hat durch Medienrecherchen eine jährliche Mindestfallzahl von Aussetzungen in Deutschland erhoben. 2017 wurden demnach mindestens 19 tote und vier lebende Säuglinge entdeckt, 2018 waren es elf tote und vier lebende Neugeborene.

Nur noch 26 Grad Körpertemperatur

Ein Fall, der in letzter Zeit für Aufsehen sorgte, ist der aus dem Münchner Stadtteil Neuperlach. Dort war im vergangenen Sommer ein Bub im Gebüsch entdeckt worden, nackt, mit nur noch knapp 26 Grad Körpertemperatur. Die Mutter hatte nach der Geburt die Nabelschnur durchgebissen und den Buben liegen lassen. Eine Passantin fand das Neugeborene – und rettet ihm so das Leben. Die Mutter, die im August 2018 hochschwanger nach München gekommen war, um eine Internetbekanntschaft zu treffen, wurde vor wenigen Wochen verurteilt. Die 27-Jährige muss wegen versuchten Totschlags und Misshandlung von Schutzbefohlenen siebeneinhalb Jahre in Haft.

Zu Tränen rührte die Menschen auch das Schicksal von Franziska. Das Mädchen kam im Juli 2015 auf der Toilette eines Parkhauses am Münchner Flughafen zur Welt. Und Franziskas Leben wäre fast schon wieder zu Ende gewesen, bevor es richtig begonnen hat. Denn die Mutter ließ die Kleine nach der Geburt einfach in der Kloschüssel liegen – und machte sich aus dem Staub. Ein Frau entdeckte damals das völlig unterkühlte und leblose Baby. Es wurde vor Ort wiederbelebt und in ein Krankenhaus geflogen. Das Kind überlebte. Seine Mutter, die aus dem baden-württembergischen Heidenheim stammt, wurde zu fünf Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

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