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"Catcalling"-Petition

09.10.2020

"Beim Thema sexuelle Belästigung drehen viele am Rad"

Die 20-jährige Antonia Quell studiert in Würzburg Medienmanagement. Sie hat eine Petition gegen Catcalling gestartet, eine Form von sexueller Belästigung.
Bild: Antonia Quell

Übergriffige Kommentare sollen strafbar sein - eine Petition, die sich dafür einsetzt, haben fast 60.000 Menschen unterschrieben. Initiatorin Antonia Quell erzählt von dem Hass, den sie dafür erfährt.

Einer Frau hinterherpfeifen, Unbekannten "geiler Arsch" zurufen oder "Süße, komm mal rüber" durch die Straßenbahn brüllen: Wer so etwas tut, hat zumindest eine fragwürdige Vorstellung von Anstand. "Catcalling" nennt man diese Form von verbaler sexueller Belästigung. Frau Quell, Sie haben jetzt genug davon - und viele andere offenbar auch. Eine von Ihnen gestartete Petition fordert, dass diese Kommentare strafbar werden, inzwischen haben sie fast 60.000 Menschen unterzeichnet. Da haben Sie wohl einen Nerv getroffen?

Antonia Quell: Ja, es ist ein Thema, über das lange geschwiegen wurde. Ich glaube viele Frauen froh sind, dass es jetzt angesprochen wird und es deshalb auf viel Zuspruch stößt. Zudem lief etwa in Großbritannien vor kurzem ebenfalls eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung, in Frankreich und anderen Ländern sind solche Rufe schon strafbar.

Noch acht Wochen lang läuft die Petition. Gibt es auch Widerspruch oder gar Beleidigungen gegen Sie als Initiatorin im Internet oder in Ihrem Wohnort Würzburg?

Quell: In meinem persönlichen Umfeld fanden das alle total cool, auch viele andere junge Frauen schreiben mir, dass sie den Einsatz gut finden. Aber gerade im Internet gibt es auch Gegenwind, leider oft ganz weit am Thema vorbei. Es gibt viele Kommentare, die unter die Gürtellinie gehen. Ich erlebe extrem viel Hass von Leuten, die beim Thema sexueller Belästigung am Rad drehen. Von der Presse oder Menschen, die juristisch bewandert sind, gibt es teils Gegenargumente, die ich verstehen kann. Das hat seine Berechtigung - aber es sind Schwierigkeiten, keine Hindernisse.

Ein Gegenargument ist, dass es Grauzonen zwischen einem misslungenen Flirt und sexueller Belästigung geben könnte.

Quell: Diese Probleme in Sachen Nachvollziehbarkeit und Beweislage haben wir bei jeder Straftat. Hinzu kommt, dass man verbale sexuelle Belästigung sehr gut mit dem Straftatbestand Beleidigung vergleichen kann: Wenn mich jemand "Schlampe" nennt, dann ist das eine Beleidigung und ich könnte das anzeigen. Da ist es auch schwer, das zu beweisen - aber trotzdem ist es strafbar. Das hat auch einen symbolischen Gehalt und gibt einem die Sicherheit zu wissen, dass es von der Person falsch war, die die Tat begangen hat.

Das Problem ist vermutlich Jahrhunderte alt. Warum gibt es nicht schon lange ein Gesetz dagegen - und warum ist es Ihrer Meinung nach genau jetzt Zeit dafür?

Quell: Es ist einfach schwierig, über das Thema zu reden, das merke ich gerade. Ich bekomme viel Gegenwind, Leute sagen, ich solle mich nicht anstellen, würde mich in die Opferrolle begeben oder nach Aufmerksamkeit gieren. Das Thema wird zwar enttabuisiert und gewinnt an Relevanz, aber das geschieht viel zu langsam. Bei mir hat sich über die Jahre aus persönlichen Erfahrungen und Gesprächen mit Freundinnen etwas aufgebaut und eine Petition ist das einfachste Mittel für jemanden, der eigentlich keine politische Bühne hat. Das Wort Catcalling finde ich übrigens eigentlich euphemistisch, es klingt niedlich, stellt Frauen als Katzen dar. Wir haben für verbale sexuelle Belästigung nicht einmal ein passendes, eigenes Wort - viele kennen den Begriff gar nicht: Das zeigt, wie sehr Deutschland bei dem Thema hinterher hinkt.

Sie sprechen in erster Linie von Frauen. Wen betrifft denn letztlich das Problem?

Quell: Das ist schwierig zu sagen, ich bin mir aber sicher, dass es mehr Frauen betrifft als Männer und dass die Absender dieser Sprüche oft Männer sind. Letztlich kann ich nur aus meinen Erfahrungen sprechen. Als Frau hat man immer im Hinterkopf, dass man nicht auf die Straße gehen kann, ohne ungewollte Kommentare und Bewertungen zu bekommen. Das geht von Hinterherpfeifen bis zu "Mach mal die Beine breit, ich ficke dich jetzt". Ich möchte das nicht pauschalisieren. Oft wurde mir schon gesagt, dass das Problem auch in queeren Gemeinschaften ein Thema ist und auch Männer berichten von Belästigungen. Ein Gesetz würde sich ja aber ohnehin auf jede Bürgerin und jeden Bürger beziehen - das Geschlecht der Opfer ist deshalb eigentlich egal.

 

Noch gibt es aber das Gesetz nicht, das Sie fordern. Wie also damit umgehen, wenn man belästigt wird?

Quell: Das ist eine ganz gefährliche Frage, denn es ist falsch, den Betroffenen zu sagen, wie sie reagieren sollen. Wenn ich belästigt werde, reagiere ich ja auf eine Aktion, die von vorneherein falsch war. Meine Reaktion ist deshalb eigentlich egal, das ist nicht meine Baustelle. Wir müssen stattdessen denjenigen erklären, die so etwas machen, wie sie sich zu verhalten haben. Ich persönlich habe überhaupt kein Problem damit, Leute mit ihren Taten zu konfrontieren, ihnen den Spiegel vorzuhalten und einen Spruch zurückzugeben, solange mir dabei nichts passieren kann. Aber man kann niemandem vorschreiben, sich dagegen zu wehren. Es ist nicht unsere Aufgabe, sich in falschen Situationen richtig zu verhalten.

Und wann könnte es so weit sein, dass aus ihrer Petition ein Gesetz wird?

Quell: Über 50.000 Unterschriften ist für eine Petition wirklich eine beträchtliche Marke, sodass sie durchaus ernst genommen wird. Jetzt geht es darum, das Ganze auf eine politische Ebene zu bringen. Viele Politiker und Politikerinnen haben sich schon bei mir gemeldet, die Interesse an dem Thema haben. Die Chancen stehen auf jeden Fall gut - wenn aus dem Vorhaben nichts werden sollte, dann kann das eigentlich nur am politischen Willen scheitern.

Zur Person: Antonia Quell ist 20 Jahre alt und kommt aus Fulda. Sie studiert Medienmanagement in Würzburg, engagiert sich gegen Sexismus und für vegane Ernährung.

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