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Kreis Donau-Ries

25.01.2021

Beinahe-Kandidat der CSU: "Der ist Muslim, der passt nicht zu uns"

Sener Sahin, 45, ist ein türkischstämmiger Unternehmer aus Wallerstein im Landkreis Donau-Ries. Er sollte vor einem Jahr Bürgermeisterkandidat für die CSU werden.
Foto: Robert Milde (Archivbild)

Plus Sener Sahin sollte der erste muslimische Bürgermeister der CSU werden. Doch nach massiven Protesten zog er zurück. Was der türkischstämmige Unternehmer heute sagt und warum er sogar Post von AfD-Wählern bekam.

Herr Sahin, sind Sie eigentlich noch in der CSU?

Sener Sahin: Ich war nie Mitglied in der CSU. Es war vereinbart, dass ich in die Partei eintrete, wenn ich als Bürgermeisterkandidat nominiert bin. Aber das hat sich ja dann erledigt.

Es hat sich erledigt, weil der Widerstand an der Basis der Christlich Sozialen Union gegen einen muslimischen Kandidaten zu groß war. Waren Sie eigentlich sauer angesichts dieser Intoleranz?

Sener Sahin: Ich war verletzt, aber sauer war ich nicht. Ich bin kein nachtragender Mensch.

Aber viele Menschen, die Sie vor einem Jahr als Bürgermeisterkandidaten abgelehnt haben, treffen Sie heute ständig in Wallerstein...

Sener Sahin: Ja, das stimmt schon. Aber das ist kein Problem für mich. Ich grüße immer freundlich, obwohl das manche nicht verstehen können. Groll empfinde ich gegen die Menschen, die gegen mich waren, nicht. Groll ist das Schädlichste, was wir uns antun können.

Ein Muslim als Bürgermeisterkandidat: "Viele sind noch nicht so weit"

Haben die Menschen im Landkreis Donau-Ries ein Problem mit Toleranz?

Sener Sahin: Ich bin sehr für Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Wir brauchen mehr Wir-Gefühl in Deutschland, wir sind zu stark gespalten, und das ausgerechnet in so einer schwierigen Zeit.

Sener Sahin, 45, ist ein türkischstämmiger Unternehmer aus Wallerstein im Landkreis Donau-Ries. Er sollte vor einem Jahr Bürgermeisterkandidat für die CSU werden.
Foto: Sener Sahin

Einverstanden. Aber Sie weichen meiner Frage aus...

Sener Sahin: Im Gegenteil. Hier sind die Menschen grundsätzlich tolerant und weltoffen. Aber auf dem Land ist es eben so, dass vor allem ältere Menschen konservativ denken. Tradition und Feste spielen noch eine große Rolle. Da wird ja sogar darüber diskutiert, ob ein Bürgermeisterkandidat evangelisch oder katholisch ist. Und dann kommt auf einmal ein Muslim und will Gemeindeoberhaupt werden. Viele sind eben noch nicht so weit. Das wird noch viele Jahre dauern.

Entschuldigen Sie, aber das hätte man ahnen können...

Sener Sahin: Und ich habe es geahnt. Als ich von der örtlichen CSU gefragt worden bin, ob ich Bürgermeisterkandidat werden will, hatte ich von Anfang an ein komisches Gefühl.

Sener Sahin sagt heute: Die Leute hätten mich vorher kennenlernen sollen

War der Plan, Sie nominieren zu wollen, dann ein Fehler?

Sener Sahin: Vielleicht hätte man vorher mit den Leuten an der Basis reden sollen. Die Menschen hätten mich kennengelernt, wie ich bin, welche Ansichten ich habe. Ich bin in Deutschland geboren, bin Unternehmer, bin liberal, habe eine italienisch-deutsche Frau und bin Amateur-Fußballtrainer. So haben sie nur gesehen: Der ist Muslim, der passt nicht zu uns.

Und dennoch verteidigen Sie Ihre Gegner heute beinahe...

Sener Sahin: Konservatives Denken und Werte sind ja zunächst nichts Schlechtes. Nur in dieser negativen Ausprägung tut das weh. Einer unserer Parteivorstände, die mich nominieren wollten, wurde nach der Sonntagsmesse angesprochen: „Ein Muslim – was habt ihr euch dabei nur gedacht?“ Das hat aber mit christlichem Denken nichts zu tun. Da hat jemand in der Kirche zuvor nicht aufgepasst, was der Pfarrer gepredigt hat. Man muss doch Werte wie Toleranz, Nächstenliebe und Gerechtigkeit leben, nur so kommen wir in Deutschland voran. Hautfarbe, Geschlecht, Glaube und Sexualität müssen doch egal sein.

Warum die CSU-Spitze Sener Sahin nicht umstimmen konnte

Die CSU-Spitze hat sich dann noch kräftig bemüht, Sie umzustimmen. Generalsekretär Markus Blume persönlich hat bei Ihnen angerufen, richtig?

Sener Sahin: Ja, das stimmt. Es war auch ein sehr angenehmes Gespräch. Er bot sogar an, selbst zur Nominierungsversammlung zu kommen und für mich zu werben. Doch mein Entschluss stand fest.

Aber mit dem CSU-Generalsekretär als Fürsprecher hätten Sie es doch sogar noch schaffen können. Warum blieben Sie hart?

Sener Sahin: Man kann so etwas nicht erzwingen. Ich vergleiche das immer mit einer Ehe. Wenn ich zum Eheberater gehe, um meine Ehe zu retten, aber meine Frau nicht wirklich liebe, kann das nicht funktionieren.

Hatten Sie eigentlich das Gefühl, dass die CSU-Landesleitung es ernst meinte mit ihrem Engagement?

Sener Sahin: Ja, absolut. Das war sehr ernst gemeint, die wollten mich auch überreden. Die in München haben verstanden, dass sich was ändern muss. In Deutschland leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Die brauchen ein Angebot bei Wahlen.

Was ein AfD-Wähler dem Muslim Sener Sahin schrieb

Die CSU hat dann in Wallerstein nicht nur solch ein Angebot nicht gehabt. Sie hatte gar keinen Kandidaten. Was ist über Sie in dieser Zeit alles hereingebrochen?

Sener Sahin: Es war alles sehr aufregend. Medien aus ganz Deutschland, aus der Türkei und sogar aus Russland haben bei mir angefragt. Und ich habe massenweise Briefe und Mails bekommen, übrigens alle mit positiven Rückmeldungen. Bundestagsabgeordnete haben mir geschrieben und sogar zwei, drei AfD-Wähler. Einer schrieb, er habe zwar etwas gegen Muslime, aber er fände mich sympathisch. Und ein Auftritt bei Markus Lanz im ZDF war schon fest vereinbart. Ich habe aber kurzfristig abgesagt.

Warum?

Sener Sahin: Es war gerade etwas Ruhe eingekehrt und ich wollte der Gemeinde und der CSU nicht schaden.

Sie sind sehr auf Harmonie bedacht. Woher kommt das?

Sener Sahin: Es lebt sich einfach besser miteinander als gegeneinander. Ich rede gerne mit Menschen, um sie zu verstehen. Und ich bin ein positiver Typ. Für mich ist das Glas immer halb voll.

Sie wollen diese Botschaft auch anderen Menschen näherbringen, Sie haben ein Buch geschrieben. Worum geht es?

Sener Sahin: Das Buch war schon fertig, als die Sache mit der Kandidatur losging. Es heißt „Beginne jetzt - Ohne Gesundheit ist alles nichts“ und es geht darin Ernährung, Sport, Darmgesundheit und die Psyche. Und wie das alles zusammenhängt. Mit diesen Themen habe ich mich als Trainer und Sportler lange beschäftigt. Das Wissen will ich jetzt weitergeben und anderen Menschen helfen.

Zur Person: Sener Sahin, 45, ist ein türkischstämmiger Unternehmer aus Wallerstein im Landkreis Donau-Ries. Er ist in Deutschland geboren und ist begeisterter Fußballtrainer. Bekannt wurde der Muslim vor einem Jahr schlagartig in ganz Deutschland, als ihn die CSU zum Bürgermeister-Kandidaten machen wollte, sich dagegen an der Parteibasis aber massiver Protest regte. Sahin zog seine Kandidatur schließlich zurück und ließ sich auch von der Parteispitze nicht mehr umstimmen.

In einer früheren Version dieses Artikel hatten wir Sahin als Türken bezeichnet. Das ist nicht korrekt, Sahin ist deutscher Staatsbürger. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

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Die Diskussion ist geschlossen.

02.02.2021

da sieht man wieder einmal das im rechten ? Bayern kein Demokrat was werden kann !! lieber ein demokratischer Moslem wie ein linker aufputschet oder ein ach so demokratisch von sich glaubender reitbarer mit vielen schlechten Gedanken im Keller !!

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26.01.2021

Das war doch zu erwarten. Wenn man - auf dem Land dazu - für eine Partei auftreten will , die in ihrem Namen christlich stehen hat , dann ist mit Widerstand zu rechnen.
Er hätte doch eine andere Partei nutzen können. Auf dem Land will doch sowieso niemand mehr Bürgermeister werden.

Und dass die CSU Basis engstirnig ist, das kann man nicht unbedingt behaupten. Hätte ein Christ etwa mehr Unterstützung durch die Basis, wenn er sich als Vorsitzender für einen muslimischen Verein bewerben würde? Ich denke nicht .

Der Kandidat hat einfach die falsche Partei ausgesucht.

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25.01.2021

Christ ist, wer SEINE Gebote befolgt. So gesehen ist mancher Muslim näher dran als die mit dem großen C.

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25.01.2021

>>Was der Türke heute sagt <<

Herr Sahin ist vor 45 Jahren in Deutschland geboren ...

Raimund Kamm

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25.01.2021

Es wiederholt sich ja sogar leider...

>> Zur Person: Sener Sahin, 45, ist ein türkischer Unternehmer aus Wallerstein ... <<

Woher kommt das?

Vielleicht weil es mehr Özils als Sahins gibt?
Und diese Özils lauter als die Sahins sind?

https://www.swr.de/report/parallelgesellschaft-warum-sich-in-deutschland-geborene-tuerkeistaemmige-immer-haeufiger-zurueckziehen/-/id=233454/did=25013134/nid=233454/8vrxjy/index.html

>> Ihre Heimat ist die Türkei, das geben fast alle von uns befragten Türkeistämmigen der zweiten und dritten Generation an. Und der Partner fürs Leben stammt ebenfalls aus diesem Land: 90 Prozent der in Deutschland geborenen Türkeistämmigen heiraten wieder einen Türken. In unserer Reportage fällt uns auf: Im Privatleben bleiben viele Türkeistämmige lieber unter sich. Auch in ihrer Freizeit ziehen sie sich zunehmend in Migrantenvereine zurück – spielen Fußball in einem der 500 türkischen Fußballvereine, die es in Deutschland gibt. Und es kommen immer neue Vereine hinzu: Viele Ditib-Moscheen gründen gerade neue Fußballvereine – und die sind dann dem türkischen Präsidialamt, also Staatspräsident Erdogan unterstellt. Auch auf diese Weise kann er seinen Einfluss auf die türkische Community in Deutschland ausweiten. Sein Ziel: Die Türken in Deutschland sollen türkisch bleiben. <<

Deutschland scheitert als Einwanderungsland auch, weil es solche Entwicklungen kritiklos als "Vielfalt" hinnimmt.

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