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Religion

26.10.2020

Benedikt XVI. wendet sich von umstrittener Gemeinschaft ab

Ein historisches Bild: Der damalige Papst Benedikt XVI. – mit bürgerlichem Namen Joseph Ratzinger – nach seiner letzten Generalaudienz im Jahr 2013. Der frühere Erzbischof von München und Freising lebt nach seinem Amtsverzicht weitgehend zurückgezogen in einem Kloster in den vatikanischen Gärten.
Bild: Michael Kappeler

Die „Katholische Integrierte Gemeinde“ galt einmal als hoffnungsvolle Bewegung innerhalb der Kirche. Nun geht der emeritierte Papst enttäuscht auf Distanz.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat sich von der „Katholischen Integrierten Gemeinde“, kurz KIG, distanziert. Der Zeitschrift Herder Korrespondenz sagte er, er sei offensichtlich „über manches im Innenleben“ der Gemeinde „nicht informiert oder gar getäuscht“ worden.

Die KIG ist eine „Apostolische Gemeinschaft“ katholischer Laien – darunter Familien und Ehepaare – sowie Priestern, die Benedikt als Joseph Ratzinger zu seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising 1978 kirchlich anerkannte. Wie auch sein damaliger Paderborner Mitbruder Kardinal Johannes Joachim Degenhardt.

Ratzinger war – wie viele hochrangige Kirchenmänner – der KIG über Jahrzehnte hinweg eng verbunden. Ein Publizist schrieb gar einmal und nicht ohne Grund, für den „deutschen Papst“ verkörpere die Integrierte Gemeinde die Idealform von Kirche. Nicht nur für Ratzinger stellte sie einen Aufbruch innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche dar, sondern auch für namhafte Theologen.

KIG-Mitglieder wohnten, ähnlich Klostergemeinschaften, in „Integrationshäusern“ – brachten sich aber in die Gesellschaft ein, indem sie unter anderem Schulen führten. So lebten sie eine Glaubenspraxis vor, die Außenstehende für den Glauben begeistern sollte. Erst vor einem Jahr traf sich der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer mit ihren Vertretern. Kurz darauf wurden schwere Vorwürfe gegen die Münchner Integrierte Gemeinde öffentlich.

Joseph Ratzinger hatte enge Verbindungen zur KIG

Das Erzbistum München und Freising hatte eine Visitation, eine Erhebung über den Zustand einer Gemeinde, begonnen. Ein Zwischenbericht legte sektenähnliche Strukturen und „geistlichen Missbrauch“ offen: „Beziehungen und Ehen wurden gestiftet und getrennt, je nachdem, ob dies der Gemeindeversammlung für das Gemeindeleben förderlich erschien.“

Sie soll zudem entschieden haben, „ob und wann ein Ehepaar Kinder bekommen durfte“. Ehemalige Mitglieder berichteten zudem von finanzieller Abhängigkeit. Nach Angaben eines Sprechers des Erzbistums vom Montagabend sind nach Mitteilung der KIG inzwischen alle Mitglieder im Erzbistum ausgetreten. „Dadurch entzog sich das Gegenüber der Visitation“, sagte er. „Es liegt ein Bericht der Visitatoren vor. Mögliche Konsequenzen werden geprüft.“

Benedikt XVI. hatte der Herder Korrespondenz weiterhin gesagt: „Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, dabei auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren, ist mir zunächst nicht bewusst geworden“. Er bedaure zutiefst, „dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt“. KIG-Vertreter waren für unsere Redaktion nicht zu erreichen, auch die Herder Korrespondenz konnte nur den Theologen Achim Buckenmaier mit dem Satz zitieren: Da die Gemeinde ihre Aktivitäten eingestellt habe, könne er sich „zu diesen Vorwürfen nicht mehr äußern“.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. sagte der Zeitschrift Herder Korrespondenz, er sei „über manches im Innenleben“ der Gemeinde „nicht informiert oder gar getäuscht“ .
Bild: Sven Hoppe, dpa

Ehemalige Mitglieder sprechen von sektenähnlichen Strukturen

Im November 2019 sprach Buckenmaier, Mitglied der „Gemeinschaft der Priester im Dienst an der Katholischen Integrierten Gemeinde“, in radio horeb von absurden und falschen Vorwürfen. Die Distanzierung Benedikts dürfte ihn schwer treffen, ist er etwa Stiftungsratsmitglied der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung.

Auch war er Pfarrer in Walchensee, das zum Bistum Augsburg gehört. Dort, in Oberbayern, spielt ein Teil der Geschichte der KIG. Gleichwohl sei nicht das Bistum Augsburg, sondern das Erzbistum München und Freising kirchenrechtlich für die KIG zuständig, erklärte ein Sprecher.

Schon in den 80ern hatte es, wie auf der Internetseite des Bistums Augsburg nachzulesen ist, angeblich „Verleumdungskampagnen“ gegen die Integrierte Gemeinde gegeben. Der damalige Augsburger Bischof Josef Stimpfle schrieb daraufhin 1988 unter anderem an die Pfarrei Walchensee: „Lassen Sie sich nicht verwirren von Leuten, die Misstrauen gegen die Priester der Integrierten Gemeinde säen!“

Später, Ende 2007, habe dann der damalige Augsburger Bischof Walter Mixa die KIG in Urfeld besucht und „dadurch seine Verbundenheit“ zum Ausdruck gebracht. Wenige Jahre danach zog sich die Priestergemeinschaft der KIG aus der Seelsorge am Walchensee zurück. „Seit Sommer 2020 ist die KIG im gesamten Bistum Augsburg nicht mehr präsent“, sagte ein Bistumssprecher.

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