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Interview

29.03.2019

Bischof Hanke zur Kirchensteuer: „Müssen auf Privilegien verzichten“

Gregor Maria Hanke: Der Mittelfranke wurde 1993 zum Abt der Benediktinerabtei Plankstetten in der Oberpfalz gewählt. Mit 39 Jahren war er jüngster Abt Bayerns. Ende 2006 wurde er als Nachfolger von Walter Mixa Bischof von Eichstätt.
Bild: Szilvia Izsó

Plus Der Eichstätter Bischof fordert, neue Wege in der Kirchenfinanzierung zu gehen. Sein Bistum wird vom Finanzskandal erschüttert. Was er Kritikern sagt.

Herr Bischof, Sie haben Anfang des Jahres gesagt, man müsse „eine bescheidenere, ja eine ärmere Kirche“ wagen – „das schlösse wohl auch ein, über die Zukunft der Kirchensteuer nachzudenken“.

Bischof Gregor Maria Hanke: Wir können sicher nicht von heute auf morgen aus dem Kirchensteuer-System aussteigen...

Aber?

Hanke: Wir, die deutschen Bischöfe, müssen uns dringend damit befassen, wie es mit der Kirchensteuer weitergehen kann und soll. Diese Diskussion vermisse ich. Denn die katholische, aber auch die evangelische Kirche sieht sich jedes Jahr mit einer großen Zahl von Kirchenaustritten konfrontiert. Zudem kommen wir wegen der demografischen Entwicklung, dem Bevölkerungsrückgang an Grenzen. Spätestens in zehn Jahren werden die Kirchensteuereinnahmen einbrechen.

Das heißt?

Hanke: Wir müssen uns fragen: Trägt diese Form der Kirchenfinanzierung auf Dauer, oder können wir nicht andere Wege gehen? Gerade auch mit Blick auf den Auftrag, den uns Papst Franziskus immer wieder gibt – eine ärmere Kirche zu sein. Ich spreche diese Worte aber von einem gut gepolsterten Sitz aus. Auch mir kommen die Vorteile und Privilegien, die uns das momentane Kirchensteuer-System bietet, zugute. Das weiß ich sehr wohl.

Bild: Patrick Seeger, dpa (Symbol)

Sind Sie nun für die Abschaffung der Kirchensteuer?

Hanke: Ich möchte nicht einer sofortigen Abschaffung der Kirchensteuer das Wort reden. Weil man sich da in einem größeren Horizont Gedanken machen müsste, da das auch die evangelische Kirche betrifft und zumal die Folgen brutal wären.

Brutal?

Hanke: Wir tragen ja große Verantwortung für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dank der Kirchensteuer können wir viel Positives bewirken und sichere Arbeitsplätze garantieren. Dennoch müssen wir jetzt anfangen, über andere Möglichkeiten der Finanzierung nachzudenken, und müssen dabei kreativer werden. Und wir müssen die Bereitschaft aufbringen, auf Privilegien zu verzichten. Denn letztlich geht es natürlich um das Evangelium. Wenn es glaubwürdig gelebt wird, dann strahlt das aus, dann entsteht vielleicht auch wieder größeres Vertrauen in uns. Die Kirche braucht nicht eine Fülle an materiellen Mitteln.

Sie sprachen von anderen Wegen der Kirchenfinanzierung.

Hanke: Ich habe keine Patentrezepte. In Österreich zum Beispiel erhebt die Kirche selbst Beiträge. In anderen Ländern erbitten Pfarreien bei Hausbesuchen einen Beitrag.

Hanke: Mehrheit der Deutschen wird nicht mehr einsehen, für die Kirchen zu zahlen

Welcher Weg würde Ihnen gefallen?

Hanke: Freiwilligkeit ist immer ein guter Weg. Denn in der Freiwilligkeit sind Überzeugung und persönliches Engagement gebündelt. Das ist übrigens das Modell des Evangeliums: Diejenigen, die Dienst tun in der Gemeinde, motivieren die Gläubigen, für die Kirche Sorge zu tragen. Dazu ist auch jeder Getaufte und Gefirmte verpflichtet.

Wie denken Ihre Mitbrüder in der Deutschen Bischofskonferenz darüber?

Hanke: Das war dort bislang eher kein Thema.

Und welche Privilegien meinen Sie?

Hanke: Ein guter Freund von mir, Hans van den Hende, ist Bischof von Rotterdam. Er hat mir erzählt, dass in seinem Bistum jeder Geweihte 1000 Euro pro Monat erhält, der Bischof genauso wie der Kaplan. Nur die bereitgestellte Infrastruktur ist unterschiedlich. Das Geld stammt aus Beiträgen, die Gläubige spenden. Mir hat das sehr zu denken gegeben. Würde ich nur 1000 Euro bekommen, müsste ich meinen gewohnten Lebensstil natürlich stark ändern. Aber als Mönch sollte ich das hinbekommen, ohne darin ein großes Opfer zu sehen.

Über Parteigrenzen hinweg besteht die Forderung nach einem Ende der „Staatsleistungen“, die – neben den Kirchensteuer-Milliarden – an katholische und evangelische Kirche fließen. Als Ausgleich für Enteignungen im 19. Jahrhundert. Wie stehen Sie dazu?

Hanke: In Deutschland gibt es immer weniger Kirchenmitglieder, sodass es die Mehrheit der Deutschen irgendwann einmal nicht mehr einsehen wird, für die Kirchen zu zahlen – und eben selbst Nichtchristen den Bischof von Eichstätt indirekt über Steuern mitfinanzieren. Hier kommt auf die Kirche ein Rechtfertigungsdruck zu, wenn sie weiter auf ihrem historisch verbrieften Recht beharrt.

Wie könnte eine Einigung zwischen Staat und Kirche aussehen?

Hanke: Eine Lösung wäre, dass die Kirche auf die Gelder aus den Staatsleistungen verzichtet. Die andere Lösung, über die ich immer wieder nachdenke, ist: Wir als Kirche könnten zumindest die personengebundenen Staatsleistungen...

Etwa Ihr Bischofsgehalt...

Hanke:...in kirchliche Einrichtungen, die der Allgemeinheit dienen, einspeisen – anstatt in unseren Personalhaushalt. Unsere Kindergärten oder Schulen besuchen ja auch Nichtgetaufte oder Muslime. Damit hätte auch der nicht kirchlich gebundene Steuerzahler die Gewähr, dass sein Geld zu allgemeinem Nutzen verwendet wird. Das wäre zudem interessant für Zeiten, in denen die Kirchensteuermittel nicht mehr in dem Maße fließen wie in den vergangenen Jahren, in denen die Wirtschaft florierte. Ich würde die bislang personengebundenen Staatsleistungen bevorzugt in Bildungseinrichtungen geben. Vielleicht wäre der Staat zu dem Deal bereit.

Sie sind nicht nur Eichstätter Bischof, sondern gelten auch als Finanzminister der deutschen Bischöfe. Es herrscht der Eindruck, diese können sich nicht auf tief greifende Finanzreformen einigen.

Hanke: Wir müssen uns einigen. Wir werden unsere Dienste in der Seelsorge nur weiterbetreiben können, wenn wir uns vertrauen und gemeinsam Dinge tun. Davor können wir die Augen nicht verschließen.

Und wann gibt es endlich einheitliche und damit vergleichbare Bilanzen in allen 27 deutschen Bistümern?

Hanke: Noch in diesem Jahr, das ist die Vorgabe, sollen alle Haushalte im rechtlichen Zuständigkeitsbereich der Diözesen nach den Regeln des Handelsgesetzbuches bilanziert beziehungsweise offengelegt sein.

Zwei Bistümer, Münster und Rottenburg-Stuttgart, bilanzieren nach wie vor nicht danach.

Hanke: Sie bilanzieren nach anderen Kriterien, zum Beispiel nach kommunalen Standards, und sind noch nicht so weit, das stimmt. Für echte Vergleichbarkeit bedarf es gewisser Maßstäbe. Auch diese müssen wir noch entwickeln. Wichtig ist vor allem Transparenz und Nachvollziehbarkeit bei Finanzentscheidungen. Als Vorsitzender des Verbandsausschusses der Diözesen Deutschlands habe ich den Vorschlag gemacht, dass man diesen Zusammenschluss mit der Kompetenz ausstatten muss, den Umgang mit Finanzen in den Diözesen regelmäßig zu prüfen oder von extern prüfen zu lassen. Ich komme ja aus dem Kloster, dort kennt man Wirtschaftsvisitationen. Warum sollte es so etwas nicht auch in den Bistümern geben?

In Ihrem Bistum gab es einen der größten Finanzskandale in der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche. Es geht um dubiose US-Immobiliendeals über 60 Millionen US-Dollar.

Hanke: Er hat massiv Vertrauen gekostet – und es ist eine ganz große Herausforderung, dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Ich versuche das durch viele Gespräche. Mit Kirchenpflegern, mit Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hauptabteilungen. Manche haben den Eindruck, ich stelle hier alles auf den Kopf, weil sie noch nicht sehen, wohin genau die nötigen Umstrukturierungsmaßnahmen führen.

Hanke: Kritiker sollen nicht „im Schmollwinkel“ verharren

Kürzlich wurde berichtet, es herrsche eine miese Stimmung im Bistum – und der Prüfbericht zum Finanzskandal, den Sie in Auftrag gaben, verkläre Sie zum Märtyrer. Was sagen Sie dazu?

Hanke: Zitiert wurden anonyme Stimmen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich an die Anwälte gewendet hätten, die den Prüfbericht erstellt haben. Es hat doch keinen Sinn, im Schmollwinkel zu verharren. Das bringt uns nicht weiter. Wer wirklich glaubt, dass der Prüfbericht Mängel hat, sollte sich auf eine Diskussion einlassen.

Prälat Klaus Schimmöller, lange Jahre Mitglied des Domkapitels, nannte ihn eine „Unverschämtheit“.

Hanke: Einige Mitglieder des Domkapitels sind stark irritiert. Früher hatte es anders gelagerte Kompetenzen – auch im operativen Bereich...

...die Sie ihm genommen haben. Im Prüfbericht wird dem Domkapitel eine erhebliche Mitverantwortung am Finanzskandal gegeben. Von einer „Machtclique“ ist da die Rede.

Hanke: Sicher fühlen sich einige meiner Mitbrüder verletzt. Aber schon bevor sich 2016 die Hinweise auf den Finanzskandal verdichteten, hatte ich sie auf Veränderungen eingestimmt. Wir sind doch nicht geweiht worden, um operativ über Finanzgeschäfte zu entscheiden! Es wäre auch ohne den Skandal nicht so weitergegangen. Was hinzukommt, und da würde ich manchem Mitbruder mehr Einsicht wünschen: Wir brauchen die Laien an Bord. Mehr externen Sachverstand, mehr Frauen in der Leitungsebene – wir sind doch alle gemeinsam Kirche. Vor allem brauchen wir die Trennung von operativem Geschäft und Kontrolle. In puncto Kontrolle hat das Domkapitel jetzt eine tragende Rolle und bestimmt die pastorale Ausrichtung der Diözese maßgeblich mit.

Fühlen Sie sich von manchem Mitbruder, der Ihr Vorgehen intern kritisierte, persönlich verletzt?

Hanke: Manchmal ärgere ich mich schon. Ich versuche aber, immer wieder in die Zukunft zu schauen.

Sie treten also nicht zurück, wie das etwa der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller forderte?

Hanke: So ist es.

Ändern Sie Ihre Meinung, wenn die Staatsanwaltschaft München II gegen Sie ermitteln würde? Nach einer Strafanzeige gegen Sie prüft diese noch, ob ein Anfangsverdacht besteht.

Hanke: Ich werde mich allem stellen.

Ihnen wird im Prüfbericht der Vorwurf gemacht, Sie hätten zu spät eingegriffen.

Hanke: Ich frage mich das auch immer wieder: Warum ist mir so spät ein Licht aufgegangen?

Warum?

Hanke: Über manches dachte ich, das sei eben so, das sei gottgegeben. Das war ja mein großer Fehler.

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