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Weihnachten

07.12.2018

Bischof von Galiläa: Jesus war in meiner Pfarrgemeinde

Elias Chacour, emeritierter Erzbischof von Galiläa, war zu Besuch in Schwaben.
Bild: Michael Hochgemuth

Er war für den Nobelpreis nominiert und Bischof im biblischen Land. Hier verrät der Geistliche Elias Chacour seinen größten Weihnachtswunsch.

Herr Chacour, Sie waren gerade kreuz und quer durch Schwaben unterwegs. In allen Straßen ist schon Weihnachten, überall Musik, überall Glühwein. Sind Sie jetzt in Weihnachtsstimmung?

Elias Chacour: Ich mag Ihr Weihnachts-Ambiente. Manchmal ist es mir hier zu viel Dekoration, aber Christus selbst ist nicht da. Wenn schon Weihnachtsschmuck, dann sollte man der Dekoration auch das Christuskind hinzufügen.

Wie sehen die Straßen in Ihrer Heimat Israel kurz vor Weihnachten aus?

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Chacour: Das ist unterschiedlich. Israel ist kein christliches Land. In den jüdischen Siedlungen ist von Weihnachten natürlich nichts zu sehen – genauso wenig wie in den muslimischen Gebieten. In gemischt-religiösen Stadtvierteln sieht man sofort, in welchem Haus Christen wohnen. Vom Leben der Christen in Israel kann ich am besten mit einer Geschichte erzählen. Soll ich?

Erzählen Sie.

Chacour: Bevor ich meine Tätigkeit als Erzbischof aufgab, besuchte mich eine Woche vor Weihnachten der frühere israelische Präsident Schimon Peres in meiner Residenz in Haifa. Wir empfingen ihn herzlich, Kinder sangen Weihnachtslieder. Nach dem letzten Lied stand Peres auf, applaudierte, tanzte mit den Kindern und schüttelte jedem die Hand. Am Tag nach dem Besuch schrieben die Rabbis in Haifa einen Brief an Hotels und Läden. Sie forderten die Besitzer auf, Christbäume und alle Anzeichen von Weihnachten zu entfernen. Da rief ich den Bürgermeister an, Jona Jahaw. Ich bat ihn, mit den Rabbis zu reden. Er berief eine Notfall-Sitzung ein, bestellte alle 86 Rabbis ins Rathaus. Er sagte: „Erzbischof Chacour hat unseren Präsidenten mit so viel Wärme empfangen, dass selbst wir Juden ihn nicht herzlicher empfangen könnten. Ich will euch erinnern: 85 Prozent der Touristen in Israel sind christliche Pilger. Sie besuchen unser Land, geben uns ihr Geld. Wenn ihr euren Brief nicht binnen einer Stunde widerruft, bekommt ihr ihr ab morgen keine städtische Förderung mehr.“

Chacour ist Mittler zwischen Juden, Muslimen und Christen

Wie haben die Rabbis reagiert?

Chacour: Die Rabbis haben den Geschäftsbesitzern daraufhin noch einen Brief geschrieben: „Ihr müsst die Weihnachtsdekoration nicht abnehmen. Wir wollten euch nur daran erinnern, dass ihr Juden seid.“

Ihre eigene Identität ist dreigeteilt: Sie stammen aus Israel, sind Palästinenser und Christ – im Grunde ein Verbindungsglied zwischen Judentum, Christentum und Islam. Zerreißt es Ihnen nicht das Herz zu sehen, in welchem Aufruhr Ihr Land seit Jahrzehnten ist?

Chacour: Nicht das Land ist in Aufruhr, sondern die Menschen. Das Land gehört weder den Juden noch den Palästinensern. Das Land war vor ihnen da. Jeder von ihnen wir einmal verschwinden, aber das Land bleibt.

Wie sollten Israelis und Palästinenser mit diesem Wissen umgehen?

Chacour: Wenn ich auf die israelischen Soldaten in den Straßen schaue, die das Haus meines Vaters zerstört haben, denke ich mir: „Was haben wir uns angetan? Wir sind zu Mördern, zu Hasserfüllten, zu Ausbeutern der jeweils anderen geworden – dabei sind wir alle als Babys geboren.“ Um daran zu erinnern, braucht es mutige Leute, die ihre Stimmen für Frieden und Gleichheit erheben. Das versuche ich.

Was nützt uns die Erkenntnis, dass jeder von uns denselben Ursprung hat?

Chacour: Man sollte auf den eigenen Feind schauen und sich erinnern: „Auch er wurde als Baby geboren wie ich. Als Baby mit Würde, als Kind Gottes.“ Das ist der einzige Weg zur Versöhnung.

Und es ist die Botschaft von Weihnachten. „Heute ist uns der Heiland geboren“, singen wir in der Christmette. Ist Weihnachten eine Aufforderung zum Neuanfang?

Chacour: Die Botschaft von Weihnachten ist, Grenzen einzureißen. Christus ist Mensch geworden, er hat uns nicht von oben herab angesehen, sondern als einer von uns. Weihnachten gibt uns die Gelegenheit der Begegnung. Es ist die Zeit, in der man seinem Feind nicht mehr mit Argwohn begegnen sollte, sondern mit der Erwartung, einen Freund in ihm zu entdecken.

Der Bischof sagt: "Man spürt die Präsenz Jesu"

Sie waren bis vor einiger Zeit Erzbischof von Galiläa – dem biblischen Land, in dem Jesus nach Überzeugung der Christen Frieden predigte. Fühlen Sie sich als ein besonders Auserwählter unter allen Bischöfen?

Chacour: Das Spezielle als Erzbischof von Galiläa ist, dass man zwei besondere Menschen in seiner Pfarrgemeinde hat: Der eine heißt Jesus Christus. Die zweite heißt Maria. Das sind sehr nette Leute, aber es ist auch sehr schwierig, mit ihnen klarzukommen (lacht). Wo immer man hingeht, zeugt das Land von Jesus Christus, von der Gegenwart des Herrn. Ich hatte deshalb nie einen Fahrplan für mein Leben. Ich frage mich vielmehr in jeder Situation: „Was würde Jesus tun?“

Können Christen Jesus an den biblischen Orten, Nazareth etwa oder dem See Genezareth, tatsächlich heute noch wahrnehmen? Israel ist schließlich völlig überlaufen von Pilgern...

Chacour: Ja, diese Orte sind das wahre Heilige Land. Man sieht dort, was Christus gesehen hat. Es stimmt, Millionen Pilger möchten das sehen. Aber ich weiß: Man spürt die Präsenz Jesu.

Die Gründung des Staates Israel machte Sie als Palästinenser heimatlos. Sie wurden im Dezember 1947 als Kind von israelischen Soldaten aus Ihrem Heimatdorf Biram vertrieben. Hatten Sie je die Hoffnung, noch einmal in Biram Weihnachten feiern zu können?

Chacour: Die Militärs haben uns damals das Versprechen gegeben, dass wir nach zwei Wochen, zu Weihnachten, in unser Dorf zurückkehren dürfen. Aus den zwei Wochen sind jetzt 70 Jahre geworden.

Was ist ihr innigster Weihnachtswunsch?

Chacour: Ich habe entschieden, mein Leben der jungen Generation zu widmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein gutes Verhältnis von Palästinensern und Juden von deren Bildung abhängt. Im Ulmer Münster habe ich zu 1500 Schülern gesprochen. Ich habe ihnen gesagt, dass sie zusammen stärker sind als jeder Sturm. Sie sollten jeden Mitschüler als potenziellen Freund sehen. Dann finden sie das Glück.

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