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Naturschutz

15.04.2019

Blumenwiesen und Bienenweiden: Reicht das für mehr Artenschutz?

So stellt man sich das im Idealfall vor: Eine Wiese, auf der Blumen blühen und Lebensraum für Insekten bieten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Seit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" wollen viele etwas für die Tiere tun. Aber geht es dabei immer um Naturschutz - oder vor allem um das eigene Gewissen?

Dieser Augenblick könnte kurioser und gleichzeitig passender nicht sein. Der Landschaftsarchitekt Hans Marz sitzt im Büro von Anton Gleich, Bürgermeister der Gemeinde Bonstetten im Landkreis Augsburg. Gerade als er anfangen will, über sein Artenschutz-Projekt zu sprechen, passiert es: Eine Wildbiene nach der anderen drängt aus seinem mitgebrachten Bienenhotel leise summend ins Freie. Marz ist kurz überrumpelt, geplant war die Aktion offenbar nicht. „Die muss ich wieder heimbringen, die kann ich Ihnen nicht dalassen, Herr Gleich“, sagt der Fachmann und beobachtet überrascht, wie das nächste Insekt das Nistholz verlässt. „Na, das haben Sie ja gut eingefädelt“, entgegnet Anton Gleich lachend. Wie man Insekten ein Zuhause gibt, das hatte er sich ein wenig anders vorgestellt.

Der Landschaftsarchitekt und der Rathauschef haben eine Mission: Sie wollen in der 1500-Einwohner-Gemeinde Bonstetten den Artenreichtum fördern. Dabei geht es nicht nur um die Wildbiene. Ungenutzte Grundstücke am Sportplatz, Dorfpark oder Ortseingang – Gleich nennt sie augenzwinkernd „Eh-da-Flächen“ – sollen in Blühareale umgewandelt, nicht mehr intensiv gemäht oder gemulcht werden. So will die Gemeinde Lebensraum bieten für Insekten und heimische Pflanzen. Hans Marz erarbeitet dazu gerade ein Konzept, das im Mai fertig sein soll. Die Idee dazu kam der Gemeinde übrigens schon im November – also noch vor dem erfolgreichen Volksbegehren „Rettet die Bienen!“. „Es geht nicht nur um Blühflächen, die sind eher das Schaufenster des Projekts“, sagt Bürgermeister Gleich. Das gelte auch für Marz’ Bienenhotel. „Es geht um ein Gesamtkonzept und viele andere Dinge, die man tun kann.“

Manchmal reicht es schon, die Flächen nicht mehr zu mähen

Mit ihrem Vorhaben sind Hans Marz und Anton Gleich nicht alleine. Seit dem Volksbegehren im Februar ist das Wort „Artenvielfalt“ in aller Munde. Erst recht, seit Ministerpräsident Markus Söder überraschend verkündet hat, dass CSU und Freie Wähler den Gesetzentwurf unverändert beschließen wollen. Im Freistaat möchten gerade viele etwas für die Natur und ihre Bewohner tun. Es gibt Aktionen von Verbänden, Landwirten und Privatpersonen. Doch hat sich das Engagement durch das Volksbegehren wirklich erhöht? Und geht es dabei immer allein um den Naturschutz – oder auch um das eigene Gewissen?

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Ein grauer Mittwochnachmittag. In einem Augsburger Gartencenter tummeln sich Menschen mit grünem Daumen, sie kaufen Blumenknollen oder Gemüsesamen. Nur für die direkt am Eingang angepriesenen Saatgutmischungen „Schmetterlingswiese“ und „Bienenweide“ interessiert sich auch nach einer halben Stunde niemand. Ein Momenteindruck? Oder sind doch weniger Menschen als gedacht daran interessiert, aus einem strukturierten Steingarten ein Wildblumenparadies zu machen? Bei der Gartencenter-Kette Dehner heißt es, die Nachfrage nach Blütenmischungen sei „sehr stark angestiegen“. Viele Kunden hätten sich erst durch das Volksbegehren mit dem Thema beschäftigt. So klingt das auch beim Agrarhandelskonzern Baywa. „Wir stellen seit einigen Monaten einen deutlichen Anstieg bei der Nachfrage nach Blühmischungen zur Förderung der Artenvielfalt fest“, sagt Sprecherin Antje Krieger. Sowohl Landwirte als auch Privatkunden fragten verstärkt nach. „Auch wenn wir die Kaufgründe unserer Kunden nicht erfassen, liegt im Privatkundenbereich die Vermutung nahe, dass das Volksbegehren zu einem stärkeren Bewusstsein und damit zu einer Nachfragesteigerung geführt hat.“ Vom privaten Engagement für Bienen und Co. wird noch die Rede sein.

Josef Weishaupt aus Augsburg hat nach dem Bienen-Volksbegehren reagiert und ein Beet angelegt, in dem sich Insekten wohlfühlen sollen.
Bild: Stefanie Dürr

Noch blühen auf der Wiese am Bonstetter „Dorfpark“ nur vereinzelte Blümchen. Das soll sich spätestens im nächsten Jahr ändern. Landschaftsarchitekt Marz will zunächst den ersten Blütenflor Anfang Juni abwarten. „Vielleicht müssen wir hier auch gar nichts einsäen, weil schon genug Pflanzen wachsen, die sonst aber abgemäht würden.“ An einem Wiesenstreifen am Ortseingang identifiziert Marz Löwenzahn, Sauerampfer und Klee. „Gar nicht mal so schlecht.“ Auch für das Wachstum der noch schmächtigen Obstbäume könne etwas getan werden. Weiter geht es über Feldwege zur Wiese an der Kompostieranlage. „Solche Flächen sollten erst nach dem Abblühen gemäht werden“, sagt Marz. So könnten mehr Pflanzen- und Insektenarten überleben. Die Schlehen-Hecke links davon sei bereits als Biotop kartiert. „Es wäre natürlich gut, das zu erweitern und ein biologisches Netz zu schaffen.“ Also eine Basis für einen langfristigen und effektiven Artenschutz.

Schwarz, beige und dunkelgrau sind die Samen, die Michael Wiedemann durch seine Hände rieseln lässt. Öffnet man die Zehn-Kilogramm-Papiertüte, steigt ein leicht würziger Duft in die Nase. Noch macht die Saat optisch wenig her, im Sommer soll sie jedoch für blühende Flächen sorgen, auf denen sich Insekten und Wildtiere wohlfühlen. Das Besondere ist: Bürger können diese Blühparzellen heuer erstmals bei dem Bio-Landwirt aus Krumbach im Landkreis Günzburg mieten. Bayernweit bieten etliche Landwirte solche Blühpatenschaften an. Die Mieter können wählen, ob die Felder für ein Jahr oder für fünf Jahre in Blühflächen umgewandelt werden sollen. Mehrjährige Parzellen kosten bei Wiedemann zwei Euro pro Quadratmeter, einjährige 50 Cent. Es müssen jedoch mindestens zehn Quadratmeter gemietet werden. Nach Ablauf der Zeit entscheidet der Landwirt, ob die Fläche weiter für den Artenschutz oder wieder landwirtschaftlich genutzt wird.

50 Cent kostet ein Quadratmeter Blumenwiese beim Landwirt

Die Blühpatenschaften sind nach Angaben des Bayerischen Bauernverbands eine Reaktion auf das erfolgreiche Volksbegehren. Manche Kreisverbände, einzelne Landwirte oder Jagdgenossenschaften hätten sich dazu entschlossen, Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich mit einer Blühpatenschaft für die Artenvielfalt zu engagieren, sagt Sprecher Markus Peters. Auf den Flächen wachsen sonst Weizen, Kartoffeln oder andere Kulturpflanzen. „Der Landwirt legt im Auftrag eine bestimmte Fläche an, sät eine geeignete Blühmischung an und pflegt diese dann im vereinbarten Zeitraum.“ Für diese Leistung und den Ertragsausfall bekomme er Geld vom Blühpaten. Landwirte, die bei der Aktion mitmachen, können sich zudem auf der Homepage des Verbands in eine Karte eintragen lassen. Insgesamt haben das schon über 220 Anbieter von Blühpatenschaften getan.

Michael Wiedemann steuert seinen Kombi über holprige Feldwege in der Krumbacher Flur. „Dort sollen die fünfjährigen Flächen für die Patenschaften entstehen“, sagt der 57-Jährige und deutet auf einen mehrere Meter breiten Streifen, der am Waldrand verläuft. Anfang Mai will Wiedemann dort Sonnenblumen, Buchweizen und 28 weitere Pflanzen ansäen. Neu ist das Thema Artenschutz für ihn übrigens nicht. Der Bio-Landwirt legt seit über zehn Jahren auf mittlerweile vier Hektar Blühflächen an. Ihm ist der Artenschutz wichtig; das spürt man, je länger er darüber spricht. Bei der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen müsse auch an die nachfolgenden Generationen gedacht werden, findet Wiedemann. „Nur, wenn man etwas für die Natur tut, können auch unsere Kinder noch davon leben.“

Landwirt Michael Wiedemann aus Krumbach vermietet heuer erstmals Blühflächen an Bürger, die etwas für den Artenschutz tun wollen.
Bild: Bernhard Weizenegger

In diesem Jahr kommen für die Patenschaften noch einmal mehrere tausend Quadratmeter Blühflächen hinzu. Für das Projekt hat sich der Mann mit den kurzen grauen Haaren und der runden Brille mit drei weiteren Bauern aus dem Ort zusammengetan. „30 Flächen haben wir bis jetzt vermietet, das entspricht rund 4000 Quadratmetern.“ Die Blühpaten zahlen zwischen fünf und 500 Euro, eine Unterstützerin kommt sogar aus Konstanz. Das klingt zunächst nicht schlecht, richtig zufrieden ist Wiedemann aber nicht. „In Anbetracht dessen, dass in Krumbach von 9500 Wahlberechtigten 1500 für das Volksbegehren unterschrieben haben, ist die Resonanz auf die Patenschaften relativ gering.“

30 Krumbacher haben eine Blühfläche gemietet. Gerade bei diesen Personen liegt die Vermutung nahe, dass sie auch das Volksbegehren unterstützt haben – doch dem ist nicht so. Zwölf von ihnen hätten nicht für das Volksbegehren gestimmt, erzählt Wiedemann. Dessen Ansatz und den Zeitpunkt hält der Landwirt für richtig, viele Inhalte darin gingen jedoch an der Realität vorbei. Zum Beispiel das Walzverbot nach dem 15. März.

Nicht alle Blühpaten haben das Volksbegehren unterschrieben

Wer sind die Menschen, die bis zu 500 Euro für eine Fläche zahlen, die sie aber selbst nicht nutzen können? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt Wiedemann. Zuerst hätte Krumbachs Bürgermeister Hubert Fischer als Privatperson eine Patenschaft übernommen. Auch der örtliche Jagdpächter beteilige sich. Hinzu kämen unter anderem drei Krumbacher Firmen und Freunde von Wiedemanns Kindern. „Die meisten sind einfach von der Idee begeistert.“ Oder davon, dass etwas in Richtung Artenschutz getan werde und sie sich beteiligen können.

Nun mag so mancher auf die Idee kommen, Landwirte würden nur deshalb an ihren Blühpatenschaften hängen, weil sie seit dem Volksbegehren am Pranger stehen und nun Imagepflege betreiben wollen. Tatsächlich gibt es Bauern, die schon seit Jahren im Rahmen staatlicher und nicht staatlicher Programme die Artenvielfalt fördern. Beispielsweise werden Landwirte, die ein- und mehrjährige Blühstreifen nach bestimmten Kriterien ansäen, seit 2015 im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms (Kulap) des bayerischen Landwirtschaftsministeriums unterstützt. 600 Euro gibt es pro Hektar für den Mehraufwand, die Landbearbeitung und das Saatgut – wenn alle Vorgaben erfüllt wurden. Laut Landwirtschaftsministerium haben derzeit knapp 11.000 Betriebe im Rahmen dieses Programms Blühflächen angelegt. Zu Beginn 2015 waren es 4700.

600 Euro Staatshilfe also für den Hektar Blühfläche. Hinzu kommen mindestens 5000 Euro Miete von privaten Blühpaten pro Hektar – klingt erst einmal gut. „Wenn ich Patenschaften verkaufe, bekomme ich für diese Flächen keine Förderung mehr“, stellt Landwirt Wiedemann klar. „Wegen Geld allein macht das sowieso keiner, davon muss man schon überzeugt sein.“ Schließlich entstehe dadurch ein nicht zu unterschätzender Mehraufwand. Und: „Die Saatgutkosten sind immens. Wir zahlen allein für das von uns genutzte Öko-Saatgut aus heimischen Pflanzen rund 1000 Euro pro Hektar.“ Trotzdem kann sich Wiedemann vorstellen, dass einige Bauern mit den Blühpatenschaften auch etwas Werbung für sich machen wollen: „Ich denke, viele Landwirte hatten es satt, durch das Volksbegehren in die böse Ecke geschoben zu werden, und bieten die Aktion deshalb an.“

Er hat sich von einem Imker beraten lassen, wie er den Garten gestalten soll

Noch sind Lungenkraut, Thymian und Goldquirl-Garbe winzige Pflänzchen. Erst vor einer Woche hat sie Josef Weishaupt in seinem Garten im Augsburger Stadtteil Kriegshaber in einem kleinen Beet angepflanzt. „Ich wollte schon immer was für Bienen machen“, sagt der 60-Jährige mit dem sympathischen Lächeln und dem grauen Kinnbart, der auch Vorsitzender des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins ist. Das Volksbegehren habe ihn jetzt endlich dazu gebracht. Zunächst ließ er sich von einem Imker beraten, danach ging es in den Gartenfachhandel. Auch ein Buch über die Insekten hat sich Weishaupt gekauft – Ehefrau Gabi sagt, das sei seine neue Lieblingslektüre.

Die Weishaupts haben einen kleinen Garten, der bereits grünt und blüht. Das war aber keine Ausrede für die Familie, nichts für den Artenschutz zu tun. „Mein Mann hat gezeigt, dass das auch auf kleinstem Raum geht“, sagt Gabi Weishaupt. Neben dem Beet hat der Mann einen ebenfalls „bienenfreundlichen“ Pflaumenbaum gepflanzt. Jetzt sagt das Ehepaar: „Wir freuen uns schon darauf, wenn es im Sommer bei uns summt und brummt.“

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