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Fall Ursula Herrmann

21.02.2015

Bruder von Ursula Herrmann verklagt den Verurteilten

Porträt der 1981 entführten und getöteten zehnjährigen Ursula Herrmann.
Bild: dpa

1981 wird die Ursula Herrmann (10) am Ammersee entführt. Sie erstickt in einer Kiste. Es dauert fast 30 Jahre, bis ein Täter verurteilt ist. Doch Ursulas Bruder findet keine Ruhe.

Es war kurz vor 12 Uhr mittags an jenem Donnerstag, dem 19. Februar 2009, als der bärtige Hüne Werner Mazurek die Augsburger Staatsanwaltschaft zum Duell forderte. Er sagte: „Ich weiß, ich war sicherlich kein braver Bürger, war manchmal grob und wir werden viele Versuche in diesem Verfahren erleben, mich als schlechten Menschen darzustellen. Aber mit dieser Tat habe ich nichts zu tun.“

Es war der Auftakt zu einem der spektakulärsten und aufwendigsten Indizienprozesse der bayerischen Kriminalgeschichte: der Prozess um die Entführung und den Tod der zehnjährigen Ursula Herrmann vom Ammersee. Das Mädchen war im September 1981 in einer Kiste im Wald vergraben worden. Es erstickte. 13 Monate nach dem Prozessbeginn, am 25. März 2010, wurde Werner Mazurek wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ursula Herrmanns Vater starb ein halbes Jahr nach Urteil

Nun wäre Mazureks Verurteilung für Ursulas Familie eine gute Gelegenheit gewesen, um den tiefen Schmerz über den überraschenden und so sinnlosen Tod der Tochter zu überwinden. Doch die Familie Herrmann hat es nicht geschafft. Die grausame Entführung und der Tod ihrer Tochter haben die Eltern krank gemacht. Vater Michael starb ein halbes Jahr nach dem Urteil. Eine unglückliche Fügung des Schicksals wollte es so, dass er am 15. September ging, jenem Tag, an dem seine Tochter entführt worden war. Die Familie war in dem Verfahren Nebenkläger. Das Urteil hat sie nicht überzeugt. Zweifel blieben. „Es wurde Recht gesprochen, aber Gerechtigkeit kann es in einem Indizienprozess wohl nicht geben“, sagte Ursulas Bruder Michael Herrmann, „es gibt jetzt einen Verurteilten, aber wir haben keinen Täter.“

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Unter diesen Umständen ist es überraschend, dass der Bruder jetzt, fast fünf Jahre nach dem abgeschlossenen Strafprozess, den Verurteilten Werner Mazurek verklagt. 20.000 Euro Schmerzensgeld für den Tod seiner kleinen Schwester fordert Herrmann. Er will einen Zivilprozess am Landgericht Augsburg. Die Frage ist, warum?

Fall Ursula Herrmann: Warum verklagt der Bruder den Verurteilten?

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder Michael Herrmann hat sich damit abgefunden, dass Mazurek der Mann ist, der seine Schwester entführt und getötet hat. Und nun will er ihn für die erlittenen seelischen Schmerzen zur Verantwortung ziehen.

Oder er zweifelt immer noch daran, dass Mazurek der Täter ist und will auf diesem Umweg eine neue Beweisaufnahme über den Tod der kleinen Ursula erzwingen.

Juristisch ist das möglich. Um festzustellen, ob Mazurek Herrmann ein Schmerzensgeld schuldet, könnte es das Gericht für notwendig halten, zunächst einmal zu klären, ob Mazurek überhaupt für den Tod des Mädchens verantwortlich ist.

Es gibt vergleichbare Fälle, in denen Rechtsanwälte mit dieser Strategie erfolgreich waren. Der Mord an der Münchner Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer ist so ein Beispiel. Ihr Neffe Benedikt Toth soll die reiche Frau aus Habgier erschlagen haben. Er wurde 2008 zu lebenslanger Haft verurteilt. Toth hat immer seine Schuld bestritten. Auch seine Freunde halten ihn für unschuldig. Einen Monat nach dem Urteil reichte Toths Bruder eine Klage beim Landgericht München ein, mit dem Ziel, Benedikt auf Erbunwürdigkeit zu verklagen.

Tatsächlich kam es zu einem Zivilprozess und zu einer neuen Beweisaufnahme. Und tatsächlich stellte das Zivilgericht Abweichungen zum Strafurteil fest. Der Antrag, das Strafverfahren neu zu führen, wurde später freilich abgelehnt.

Wie auch immer es im Fall Ursula Herrmann ist: Der Bruder war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Aber Werner Mazureks Verteidiger Walter Rubach sieht die Gelegenheit gekommen, den Fall neu aufzurollen – wenn es zu einem Prozess kommt. „Für uns bietet diese Klage, die wir so nicht erwartet hätten, die Chance, in einer möglichen Beweisaufnahme die Unschuld Werner Mazureks zu beweisen“, sagt der renommierte Augsburger Strafverteidiger. Sein Mandant ist bereit. „Herrn Mazurek geht es gut. Er will die Sache durchziehen“, berichtet Rubach.

Mazurek wird als jähzornig und grausam beschrieben

Mazurek ist heute 64 Jahre alt und sitzt in Lübeck im Gefängnis. Der hochgewachsene Mann gilt als eiskalter Zyniker. Von seiner Ex-Frau und seiner Tochter wurde er als jähzornig und grausam beschrieben. Von den beiden Frauen stammt auch die Geschichte des kleinen Mischlingshundes „Susi“. Als das Tier einmal den Abfalleimer in der Küche umgeworfen hatte, steckte Werner Mazurek Susi in die Gefriertruhe und fuhr in aller Ruhe zum Oktoberfest. Die Frau entdeckte ihren Hund, als sie Fleisch holen wollte. Das Tier war qualvoll verendet. Mazurek sagte, er habe den Hund „zu Sibirien verurteilt“.

Ob der Verurteilte in einem Zivilprozess in Augsburg persönlich erscheinen müsste, hängt vom Gericht ab. In Zivilverfahren ist es nicht zwingend erforderlich, dass Kläger und Beklagte persönlich anwesend sind. Sie können sich von Anwälten vertreten lassen. Michael Herrmann hat den Landsberger Strafrechtler Joachim Feller beauftragt. Doch vorerst steht noch nicht fest, wie es weitergeht. Einen Prozesstermin hat die 1. Zivilkammer noch nicht anberaumt. Und ob es eine Beweisaufnahme gibt, ist auch noch unklar.

Die Richter könnten auch die Urteilsbegründung ihrer Kollegen des Strafgerichts als Grundlage hernehmen. Und die waren nach intensiver Beweisaufnahme mit fast 200 Zeugen, elf Sachverständigen und 35 Gutachten überzeugt, dass sie in Mazurek den Entführer Ursula Herrmanns vor sich hatten.

Der damalige Schwurgerichtsvorsitzende Wolfgang Rothermel schilderte das Geschehen so: Es war der 15. September 1981, der erste Schultag nach den großen Ferien. Die zehn Jahre alte Ursula ging nun aufs Gymnasium. Am späten Nachmittag besuchte sie die Turnstunde und aß dann bei ihrer Tante in Schondorf zu Abend. Als es zu dämmern begann, gegen 19.15 Uhr, machte sich das aufgeweckte Mädchen mit seinem roten Fahrrad auf den Heimweg. Durch das Waldgebiet „Weingarten“ sind es nur zwei Kilometer bis zum Elternhaus. Doch Ursula kam nie dort an.

Mazurek und seine Mittäter hatten mit einem Fernglas den Seeweg beobachtet und Ursula aufgelauert. Sie rissen das Mädchen vom Rad, betäubten es wahrscheinlich mit Lachgas und brachten es zu einer Lichtung im dichten Fichtenwald.

Eine eigens gebaute Gefängniskiste

Dort steckten sie Ursula in eine eigens dafür gebaute Gefängniskiste mit den Maßen 136 mal 60 mal 72 Zentimeter und vergruben die Kiste im Boden. Die Ausstattung in dem Verlies lässt vermuten, dass die Entführer Ursulas Tod nicht wollten. Kekse, Schokolade, Mineralwasser und Apfelschorle waren darin, zwei Wolldecken, ein Toiletteneimer, ein Jogginganzug, Größe 176. Ein Transistorradio und eine Glühbirne waren an eine Autobatterie angeschlossen. Die Entführer hatten auch Lesestoff in die Kiste gepackt: Comic-Hefte wie „Clever & Smart“ und Groschenromane wie „Am Marterpfahl der Irokesen“.

Mazurek, der nur 200 Meter von der Familie Herrmann entfernt wohnte, hatte mit Plastik-Abflussrohren versucht, eine Lüftungsanlage einzubauen. Doch nasses Laub verstopfte die Öffnung. Zudem konnte der Luftaustausch ohnehin nicht funktionieren – das erklärte ein Sachverständiger.

Die Kiste wurde Ursulas Grab. Nach Einschätzung des bekannten früheren Münchner Rechtsmediziners Wolfgang Eisenmenger überlebte die Zehnjährige in der Kiste höchstens eine Stunde. Doch der Experte hatte für die Familie Herrmann eine tröstliche Nachricht: Ursula hatte keinen qualvollen Todeskampf. Bei einer Erstickung durch Sauerstoffmangel schläft das Opfer langsam ein.

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Der Mordfall Ursula Herrmann

Gruselige Anrufe gingen bei der Familie Herrmann ein

Von Ursulas Tod wusste die Entführerbande um Mazurek noch nicht, als sie von den Eltern per Erpresserbrief zwei Millionen Mark forderte. Auch gruselige Anrufe gingen bei den Herrmanns ein. Der Anrufer meldete sich nicht, er spielte nur das Verkehrssignal des Radiosenders Bayern 3 ab. Nach wenigen Tagen endeten die Anrufe. Die Entführer hatten bemerkt, dass Ursula in ihrem unterirdischen Gefängnis gestorben war, war sich das Gericht sicher. Erst 19 Tage später, am 4. Oktober 1981, wurde das Opfer bei einer großen Suchaktion gefunden. Polizisten weinten, als sie die Kiste öffneten und das kleine Mädchen tot darin fanden.

Es begannen beispiellose Ermittlungen, die 27 Jahre dauern sollten. In den ersten drei Monaten sammelten die 34 Beamten der „Soko Herrmann“ fast 2500 Überstunden an. Im Januar 1982 wurden drei Männer festgenommen – darunter Werner Mazurek –, aber 24 Stunden später wieder freigelassen. Die Ermittler kamen nicht voran. Hinzu kamen Streitigkeiten in der Sonderkommission, die einen Fahndungserfolg zusätzlich erschwerten. Es gab massive Pannen. Der Fall Ursula Herrmann hinterließ tiefe Narben im bayerischen Polizeiapparat.

Im Oktober 2007 starteten die Ermittler einen neuen Versuch. Sie durchsuchten das Haus von Werner Mazurek, der inzwischen in Kappeln in Schleswig-Holstein wohnte, und überwachten danach sein Telefon. Am 28. Mai 2008 klingelte die Augsburger Oberstaatsanwältin Brigitta Baur bei Mazurek an der Tür und verhaftete ihn.

Welcher Mensch kann einem Kind so etwas antun? Das hat sich die strenggläubige Familie von Ursula Herrmann oft gefragt. Und immer hatten die Herrmanns gehofft, eine endgültige Antwort auf ihre Frage zu erhalten. Wie es scheint, haben sie diese Antwort immer noch nicht für sich gefunden.

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