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Jubiläum

21.06.2013

Bund Naturschutz: 100 Jahre Einsatz für die Umwelt

Mertinger Höll
5 Bilder
Hubert Weiger inmitten einer Blumenwiese in der Mertinger Höll südlich von Donauwörth. 130 Hektar hat der Bund Naturschutz hier gekauft. Ein Teil davon waren Sperrgrundstücke gegen den Bau eines Atomkraftwerks.
Bild: Michael Hochgemuth

Der Bund Naturschutz wird 100. Seit mehr als 40 Jahren agiert der Schwabe Hubert Weiger von Franken aus. Ein Arbeitstag mit dem Umweltmanager.

Erst als der Arbeitstag sich dem Ende zuneigt, kommt Hubert Weiger auf Persönliches zu sprechen. Auf seinen Vater, der in Glöttweng (Kreis Günzburg) Förster war. Von ihm habe er gelernt, dass die Natur Respekt verdient. Er erzählt auch, was der Vater über den Bau des Atomkraftwerks Gundremmingen dachte. "Die Bauern sind die Einzigen, die recht haben", habe er einmal gesagt. Die Bauern waren gegen das Projekt. Und noch etwas hat tiefen Eindruck hinterlassen: eine Reise an die Mosel, die der Vater mit ihm und seinem Bruder unternommen hat. "Er wollte uns Kindern die unverbaute Mosel zeigen." Das Erlebnis habe seine Liebe zu den Flüssen geweckt.

Lange  hat es gedauert, bis Weiger  an  diesem  ausgefüllten  Tag ein wenig von sich selbst preisgegeben hat. Der Spitzenmanager von rund 460 000 Naturschützern in Deutschland, die im Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) organisiert sind, darunter 196 000 im Bund Naturschutz in Bayern (BN), ist seit dem frühen Morgen unterwegs. Er kam aus Hannover von einem Termin, bei dem es um Landwirtschaft mit ferngesteuerten Maschinen ging. Im Jubiläumsjahr ist Weiger besonders viel auf Achse, und überall, wo er Termine wahrnimmt, kann man ihn reden hören.

Wie auf Knopfdruck kommen ihm Statements über die Lippen - über Klimaschutz oder Moornaturierung, Energieeffizienz oder Bürgerbeteiligung. Im kleineren Kreis dagegen ist der 66-Jährige eher wortkarg und spricht oft sehr leise, wie einer, der nicht im Mittelpunkt stehen will. Vor Publikum spult er dann aus dem Stegreif Reden ab - über den Wert des Ehrenamtes für den Naturschutz zum Beispiel. "Unsere Basis", sagt er mehrfach an diesem Tag, "ist das Ehrenamt."

Die Mertinger Höll - ein Naturparadies in Schwaben

Ein Paradebeispiel präsentiert er in der Mertinger Höll, einem ausgedehnten Niedermoorgebiet südlich von Donauwörth. 130 Hektar Wiesen und Äcker hat der Bund Naturschutz dort angekauft. Schon seit vielen Jahren kümmert sich der Lehrer Alexander Helber in seiner Freizeit darum. Oft waren es winzige Parzellen, die er Stück für Stück von Landwirten übernehmen konnte und die jetzt als großes Ganzes unter seiner Regie von Landwirten gepflegt werden.

Es ist das größte Naturschutzprojekt des Bundes Naturschutz in Schwaben. Braunkehlchen, Bekassine, Großer Brachvogel und Kiebitz brüten jetzt wieder dort. Bei Weigers Besuch zeigt sich keine dieser selten gewordenen oder gar vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Das ist auch nicht wichtig. Die Naturschützer sind unter sich. Ihnen muss Weiger die Besonderheiten dieser blühenden Oase inmitten einer intensiv genutzten Agrarlandschaft nicht erklären. Man kennt sich seit Langem, man duzt sich. Nicht nur, weil Weiger in Schwaben aufgewachsen ist.

Die frühe Kindheit erlebte der gebürtige Kaufbeurer in Irsee, die Schulzeit in Mittelschwaben, das Abitur machte er am Humanistischen Gymnasium in Günzburg. Die Donau-Rieser Kreisgruppe aber kennt er aus seiner Zeit als BN-Beauftragter für Nordbayern, das nach der Gebietseinteilung des Verbandes bis zur Donau reicht. Gut 40 Jahre agiert der Schwabe nun schon von Franken aus. Man hört es an der Art, wie er "Fürth" ausspricht - sehr kurz, sehr fränkisch -, die Stadt, in der er mit seiner aus Burgau stammenden Frau lebt. Tochter und Sohn, 37 und 33 Jahre alt, sind längst aus dem Haus, und drei Enkel gibt es auch.

Er ist ein Rebell der unauffälligen Art und tritt seriös auf

Dass Weiger in Franken Wurzeln geschlagen hat, hängt mit einer Zeitungsnotiz zusammen. Der junge Diplomforstwirt entdeckte sie bei einem Lehrgang in Lohr am Main: "Bund Naturschutz sucht Zivildienstleistende". Weiger bewarb sich und blieb.

Es ist die Zeit der sprunghaften Mitglieder-Expansion unter dem dynamischen Vorsitzenden Hubert Weinzierl Anfang der 1970er Jahre. Der Nationalpark Bayerischer Wald, maßgeblich von Weinzierl mitinitiiert, ist gerade eröffnet, das bayerische Umweltministerium als Erstes seiner Art in Europa eingerichtet. Umweltschutz und Ökologie sind die großen gesellschaftlichen Themen - und die Bevölkerung fängt an, sich gegen naturgefährdende Planungen zu wehren.

Der BN, vormals ein staatsnaher Verband, der sogar mit dem Nazi-Regime kooperierte (siehe Infokasten), setzt sich an die Spitze der Bürgerbewegung. Weinzierl geht zur Staatsregierung auf Distanz. Weiger, schon als Student in München und Zürich von der 68er-Bewegung beeinflusst, ist sein Assistent.

Er ist ein Rebell der unauffälligen Art, tritt seriös auf, operiert lieber mit Argumenten als mit Polemik und wirkt rein äußerlich eher wie ein Beamter. Weiger hilft bei der Gründung zahlreicher Kreisgruppen mit und propagiert eine legale Form des zivilen Ungehorsams: den Kauf von Sperrgrundstücken - gegen den Flughafen im Erdinger Moos, gegen den Rangierbahnhof im Nürnberger Reichswald, gegen ein Kernkraftwerk im Donauried. Und da schließt sich in der Mertinger Höll ein Kreis.

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Weiger steht am Rande eines Rapsfelds, als er an eine große Kundgebung gegen das geplante Atomkraftwerk Pfaffenhofen an der Zusam (Kreis Dillingen) erinnert. Der BN ist zu dieser Zeit längst vom Kernkraftbefürworter zum strikten Gegner mutiert. Der Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf ist in vollem Gange - und führt schließlich zum Erfolg. Ebenso ist es im Donauried.

So groß sind die Projekte nicht mehr, gegen die der BN heute seine Kräfte mobilisiert. Aber es vergeht keine Woche, in der er nicht protestiert - gegen den Ausbau des Allgäu Airports, gegen Agrarindustrie und Flächenverbrauch, gegen Straßenbauorgien, gegen Sand- oder Kiesabbau. Der Radius der Betroffenheit ist kleiner als früher. Als Bollwerk funktioniert der BN nur durch die flächendeckende Präsenz seiner Mitstreiter.

Als "Träger öffentlicher Belange" wird der Verband bei Planungen angehört. Das heißt, es müssen viele sachkundige ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung stehen, die eine Unmenge Gutachten verfassen, neben der praktischen Arbeit etwa bei der Biotop-Pflege. Dass sich der Bundes- und Landesvorsitzende bei möglichst vielen lokal Aktiven persönlich sehen lassen will, sei "ein Zeichen der Anerkennungskultur", sagt Weiger. Deshalb der volle Terminkalender, deshalb die Jahresnetzkarte der Bahn, die sich schon nach vier Monaten amortisiert hat.

Die Erfolge sind in einem kleinen Taschenbuch dokumentiert

Wo immer es geht, reist Weiger auf Schienen. Jetzt sitzt er im ICE von Ingolstadt nach Nürnberg. Ausgerechnet auf der Strecke, die auch der Bund Naturschutz bekämpft hatte - als eines der "Natur zerstörendsten, teuersten und verkehrspolitisch fragwürdigsten Verkehrsprojekte Deutschlands". Weiger hat keine Wahl. Der Kampf für eine Streckenführung über Augsburg, die weniger teuer und naturverträglicher gewesen wäre, ist schon lange verloren.

Die Siege sind in einem Taschenbuch dokumentiert. "Gerettete Landschaften - 40 Wanderungen zu bayerischen Naturschutzerfolgen" (Bergverlag Rother, Preis: 14,90 ¤). Man erfährt darin, dass von Irschenberg über Murnau und Kempten bis Lindau einmal eine Queralpen-Autobahn geplant war und dass Immenstadt sich in einem Bürgerentscheid 2010 gegen eine Umgehungsstraße entschieden hat.

Weiger hat das Büchlein aus einer schweren Aktentasche gezogen, in der er auch Broschüren für seine Ringvorlesung an der Universität Erlangen herumschleppt, dem letzten Termin des promovierten Forstwissenschaftlers und Hochschullehrers. Thema: "Nachhaltigkeit aus der Sicht des BN/BUND". Auf der Fahrt dorthin ist zwischen Telefonaten und Gesprächen mit einem Vertreter der Heinz-Sielmann-Stiftung, die das Projekt Mertinger Höll mitfinanziert, endlich Zeit, persönliche Dinge anzusprechen.

Die heikle Frage nach seinem Verhältnis zu Hubert Weinzierl, dem Kopf des BN von 1969 bis 2002, bringt Weiger nicht in Verlegenheit. Die "sehr enge, freundschaftliche Zusammenarbeit" habe in einem massiven Streit über das Bildungswerk des BN geendet, erklärt er ohne Umschweife. "Aber ich schätze ihn bis heute. Er ist einer der ganz großen, visionären Denker im Naturschutz."

Positive Wirkung der Diskussion um das Waldsterben

Doch der Zwist wirkt nach: "Verletzungen lassen sich nicht einfach wegwischen", teilt der 77-jährige Weinzierl auf Anfrage mit. "Mittlerweile überwiegt bei mir jedoch die Freude darüber, dass das Umweltzentrum Schloss Wiesenfelden mit meiner Frau Beate Seitz-Weinzierl so erfolgreich fortgeführt wird." Der langjährige Vorsitzende ist Mitglied im BN geblieben und er hofft, dass die Mitgliederzahlen weiter steigen: "Ohne die Nichtregierungs-Organisationen wäre der Ausverkauf unserer Heimat noch dramatischer und der Verlust der Artenfülle noch gewaltiger." Auf das "Waldsterben" angesprochen - ein fast vergessener Begriff aus den 70er Jahren -, unterstreicht er diese Aussage noch: "Dadurch sind Instrumente der Luftreinhaltung entwickelt worden, die das Waldsterben gebremst haben. Das war ein großer Erfolg der staatlichen und privaten Naturschützer."

Warum er sich seit so langer Zeit engagiert, erklärt Weinzierl so: "Naturschutz ist eine Frage der Liebe, das heißt, ich schütze die Tiere und Pflanzen deshalb, weil ich sie gerne habe und nicht vermissen möchte." Womit er von Hubert Weiger, ungeachtet des Konflikts, gar nicht so weit entfernt ist.

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