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Penzing, Donauwörth und Kaufbeuren

28.10.2011

Bundeswehrreform in der Region: Der Tag danach

Bundeswehr in Kempten.
Bild: Ralf Lienert

An den Standorten werden die Wunden geleckt. Jetzt geht es darum, wie es für Soldaten und zivile Mitarbeiter weitergeht und was aus den Flächen wird. Vier Beispiele aus der Region.

Der Tag danach. An den bayerischen Bundeswehr-Standorten lecken sie die Wunden. Zwar gibt es Ausnahmen wie beispielsweise das oberpfälzische Weiden, wo nicht Dienststellen gestrichen werden, sondern 640 neue entstehen und der Handel sich schon auf ein Umsatz-Plus freut. Aber in Schwaben und im angrenzenden Oberbayern kann man davon nur träumen. Rasche Hilfen seien jetzt nötig, fordert der CSU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Georg Schmid, dessen Heimatstandort Donauwörth selbst massiv von Streichungen betroffen ist und wo die dortige Kaserne de facto vor der Auflösung steht. „Wir dürfen die Kommunen jetzt nicht alleine lassen“, sagt Schmid.

Die große Frage ist nun: Wie kann es an den Standorten weitergehen? Gibt es schon Pläne für eine alternative Verwendung der teils riesigen Flächen? Und: Was bedeutet dies alles für die betroffenen Soldaten und zivilen Beschäftigten? Eindrücke von vier Standorten aus der Region.

Kaufbeuren: Zivile Mitarbeiter sollen Job-Angebot erhalten

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Der Abzug der Bundeswehr aus Kaufbeuren wird nach Einschätzung von Kommandeur Oberst Richard Drexl Jahre dauern. Denn an den neuen Ausbildungsorten müssten die nötigen Einrichtungen erst aufgebaut werden. Die Fluglotsen sollen künftig in Erndtebrück (Nordrhein-Westfalen) und die Techniker für Tornados und Eurofighter auf dem Lechfeld ihre Lehrgänge absolvieren. Die zivilen Mitarbeiter des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums können zunächst in Kaufbeuren bleiben. Für die Zukunft sollen ihnen neue Arbeitsplätze an den verbleibenden Bundeswehrstandorten in der Region angeboten werden, sofern sie nicht von Vorruhestands- oder Altersteilzeitregelungen profitieren können.

Oberbürgermeister Stefan Bosse (CSU) hat unterdessen eine Arbeitsgruppe wegen der Standortschließung einberufen – unter anderem, um eine Folgenutzung für die frei werdenden Liegenschaften zu koordinieren. Mehr als fünf Prozent der Kaufbeurer Flur sind bislang Fliegerhorstfläche. Bosse will das Areal schnell unter „ kommunale Hoheit“ bringen. Bereits für gestern waren Gespräche mit einem Großinvestor anberaumt, der aus der Photovoltaik-Branche kommen soll.

Der OB sieht den Fliegerhorst künftig unter anderem als Standort für Industrie wie auch von Gewerbe- und Wohnflächen. Aktuell hat er deshalb alle anderen städtischen Grunderwerbsprojekte auf Eis gelegt. Renate Meier/Markus Bär 

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Bundeswehrstandorte in der Region
Bild: Fred Schöllhorn

Donauwörth: Völlig überrumpelt von der neuen Situation

Der Schock sitzt auch am Tag danach noch tief. Denn die von Verteidigungsminister Thomas de Maizière am Mittwoch verkündete „ signifikante Reduzierung“ der Personalstärke in der Alfred-Delp-Kaserne in Donauwörth kommt „einer faktischen Auflösung des Standortes gleich“, wie dies Oberbürgermeister Armin Neudert realistisch wertet. Im Zuge der Strukturreform verschwinden das EloKa-Bataillon 922 und die dort mit ansässige Sanitätsstaffel – rund 1000 Soldaten und zivile Angestellte. Von den verbleibenden 130 Dienstposten sind bereits heute 64 beim Hubschrauberhersteller Eurocopter angesiedelt.

Daher wird das fast 30 Hektar große Kasernengelände mit den rund 40 meist sanierungsbedürftigen Gebäuden auf dem Schellenberg nicht mehr gebraucht. Völlig offen ist derzeit ebenso, was mit dem Standortübungsplatz geschieht, ein knapp 150 Hektar großes Gelände nördlich der Donauwörther Parkstadt. Dazu kommt die Schießanlage, deren Schießstände sich auf einem 11,4 Hektar großen Areal an der Lederstätter Straße befinden.

Die Situation trifft die nordschwäbische Kreisstadt letztlich ziemlich unvermittelt – obwohl Donauwörth seit dem Fall der Berliner Mauer bei jeder Veränderung in der Struktur der Bundeswehr betroffen war – von der Auflösung des Panzerartilleriebataillons 305 (1993) bis zur Wegnahme des Kreiswehrersatzamts (1992), des Verteidigungsbezirkskommandos (2000) und der Standortverwaltung (2003).

Oberbürgermeister Neudert will heute Abgeordnete und Vertreter der Kommunalpolitik sowie der Bundeswehr zu einer „Lagebeurteilung“ ins Rathaus laden. Neudert: „Wir haben schon damit gerechnet, dass wir vielleicht wieder Federn lassen müssen. Aber nicht mit einer Komplettschließung.“ Ob bei dieser heutigen Runde gangbare Ansätze gefunden werden, um die Folgen abzumildern, sei völlig offen. „Wir wissen heute ja auch nicht, was die Bundeswehr von dem Gelände selbst noch brauchen wird.“

Die Feinplanung soll laut Verteidigungsminister Thomas de Maizière bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Insider schätzen, dass spätestens in zwei Jahren kein Soldat mehr auf dem Schellenberg präsent sein wird. Paul Soldner

Kempten: Es gab immer wieder Interesse am Gelände

Der Tag danach ist in Kempten vor allem der Tag der Spekulationen: Wann wird das Gebirgssanitätsregiment 42 genau aufgelöst, das seit 52 Jahren in der Stadt besteht? Werden die Soldaten schon in einigen Monaten an einen anderen Standort (Dornstadt bei Ulm) versetzt oder erst in den nächsten Jahren? All das sind Fragen, die bislang niemand beantworten kann. Das gilt auch für einen weiteren Punkt: Was geschieht nach dem Abzug mit dem Kasernengelände in verkehrsgünstiger Lage direkt neben Autobahn, Bundesstraße und bestehenden Gewerbegebieten?

Immerhin ist es in Kempten ein offenes Geheimnis, dass das Grundstück der Artillerie-Kaserne schon in der Vergangenheit immer wieder Interessenten angelockt hat. So führte vor einigen Jahren beispielsweise ein großes Möbelhaus Verhandlungen mit der Bundeswehr über einen Teil des Geländes. Letztlich allerdings kam ein Verkauf nicht zustande.

In puncto Verwertung von Bundeswehrflächen hat Kempten Erfahrung: Vor 18 Jahren endete die militärische Nutzung der Prinz-Franz-Kaserne mitten in der Innenstadt. Heute befinden sich dort Behörden und ein attraktives neues Wohngebiet. Weshalb Kemptens Oberbürgermeister Ulrich Netzer für den neuerlichen Truppenabzug aus der Stadt bereits Hilfe anmahnt – „insbesondere durch eine unbürokratische Überlassung der Grundstücke“. Stefanie Heckel

Penzing und Landsberg: Schon seit 2004 vorbereitet

Für die beiden Nachbarstandorte Landsberg und Penzing ist der Abzug von Soldaten keine große Neuigkeit mehr. Bereits 2004 entschied der damalige Verteidigungsminister Peter Struck, dass die Soldaten mit ihren Transall-Lufttransportern vor dem Aus stehen. Der damalige Kommodore Oberst Rolf Fahrenholz sprach von einem Zeitfenster „zehn Jahre plus“. Inzwischen wird in Luftfahrts- und Politikkreisen offen von 2020 als Zeitpunkt der Außerdienststellung des Geschwaders gesprochen. „Daran hat sich meines Wissens nach nichts geändert“, sagt CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Er sieht sogar Chancen für eine weitere Nutzung des Fliegerhorstes, auch wenn aktuell der Standort im Zuge der Reform als aufzulösen gilt: „Auch für eine militärische Nutzung.“

Die Reaktionen in der Stadt Landsberg – einstmals eine der größten Garnisonsstädte in Bayern – zu der nun offiziell bestätigten Auflösung des Nachbarstandortes sind auch am Tag nach der Verkündung sehr zurückhaltend. So ist man am Lech an den Abschied von Soldaten gewöhnt. Bislang zogen seit den 1990er Jahren Gebirgsartillerie, Panzer-, Logistik- und Raketenabwehrverbände aus der oberbayerischen Kreisstadt ab. Heute sind die Areale von Saarburg- und Ritter-von-Leeb-Kaserne gut nachgefragt, weil sie attraktive Wohngebiete sind. Die ehemalige Lechrainkaserne (Panzerverband) im Süden der Stadt ist inzwischen Industriegebiet für Firmen aus der Hightech-Branche. Dieter Schöndorfer

 


Infos zu den Bundeswehr-Standorten in der Region.
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