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Interview

24.07.2020

Camilla Rothe machte die Corona-Gefahr öffentlich – und wurde ignoriert

Die Ärztin Camilla Rothe war eine der Ersten, die vor Corona warnte – und erntete Hass.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Plus Corona kann von Menschen übertragen werden, die keine Symptome zeigen. Heute wirkt diese Wahrheit trivial. Die Ärztin Camilla Rothe war eine der Ersten, die warnte – und erntete Hass.

Camilla Rothe machte eine simple Beobachtung. Die Tropenmedizinerin des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität untersuchte den ersten Covid-19-Fall in Deutschland. Ein Mitarbeiter der Firma Webasto aus München hatte sich bei seiner chinesischen Kollegin angesteckt – obwohl sie keine Symptome hatte. Sie war im Januar eine der ersten stillen Überträgerinnen des Virus in Deutschland. Rothe machte den Fall öffentlich.

Doch die Gesundheitsbehörden hörten weg. Statt weitreichende Maßnahmen einzuführen, wie Abstandsregelungen und Maskenpflicht, wurde Rothes Beobachtung angegriffen. Die Experten verloren sich in einer akademischen Debatte, die um die Frage kreiste: Was ein Symptom ist und was nicht? Etwa 20 Tage später begann in Norditalien das Sterben.

Frau Rothe, wären weniger Menschen gestorben, wenn Sie im Januar mit Ihrer Botschaft durchgedrungen wären?

Camilla Rothe: Vielleicht. Aber ich weiß nicht, ob die Menschen zu diesem Zeitpunkt schon bereit gewesen wären für all die Maßnahmen, die wir heute haben. Schließlich heißt symptomlose Übertragung, dass wir die gesamte Bevölkerung als potenzielle Überträger hätten sehen müssen. Mit der Maskenpflicht und den Abstandsregeln machen wir das heute. Vielleicht brauchte es erst die grausamen Bilder aus Italien, damit die Menschen bereit für Einschränkungen waren. Aber ja, zur Wahrheit gehört auch: Man hätte die richtigen Schlüsse ziehen können. Stattdessen bekam meine wissenschaftliche Beobachtung Gegenwind. Teile der Fachwelt nannten meine Beobachtung fehlerhaft. Ich habe Hass-Tweets bekommen. Und wenn sich dann auch noch die Weltgesundheitsorganisation gegen dich ausspricht, dann schüchtert das schon ein.

Gehen wir zurück zu dem Zeitpunkt, an dem Ihre Geschichte ihren Anfang nahm. Wie landete der Fall auf Ihrem Tisch?

Rothe: Das war am Montag, 27. Januar. Mein Telefon hat geklingelt und es meldete sich ein Mitarbeiter einer Firma, Webasto. Ich leite die Ambulanz des Tropeninstituts in München. Der Mitarbeiter erzählte, dass vor Kurzem eine Kollegin aus der China-Dependence der Firma in München war. Sie ist nach einigen Tagen wieder nach China geflogen. Dort hatte sie Symptome entwickelt. Der Corona-Test am Wochenende nach ihrer Rückkehr war positiv. Der Mitarbeiter am Telefon erzählte, er habe am Wochenende grippale Symptome gehabt.

Der hat Sie kontaktiert?

Rothe: Ja, den hatten wir gleich am Telefon. Der hat berichtet, dass er mit der Chinesin zwei Tage zusammengearbeitet hatte. Er hatte einige Tage danach Halsschmerzen, dann auch Fieber und Husten. Als ich mit ihm sprach, fühlte er sich bereits wieder gesund. Aber er wollte natürlich wissen, ob er sich angesteckt haben könnte.

Was passierte dann?

Rothe: Der Mann ist zu uns gekommen. Ich hatte zum Glück die richtige Schutzkleidung an, habe den Abstrich gemacht und dann bis abends gewartet. Der Mann war klinisch so unauffällig, in einer normalen Arztpraxis wären wohl gar keine Untersuchungen durchgeführt worden. Ich habe den Abstrich gemacht und dann bis abends gewartet. Dann kam um 19 Uhr der Anruf von der Mikrobiologie. Der Test war positiv. Im Tropeninstitut haben wir erst einmal geschluckt.

Der erste Fall in Deutschland.

Rothe: Ja, der erste Fall. Das war alles bizarr. Wir kannten die schrecklichen Bilder aus China - von zum großen Teil beatmeten Patienten. Aber der Webasto-Mitarbeiter war eher unauffällig, wenn man bedenkt, dass jeder Zweite im Januar einen Atemwegsinfekt hat.

Sie haben ihn nach der Chinesin gefragt?

Rothe: Klar, ich war neugierig. Ich wollte wissen: Hatte sie Erkältungssymptome? Hatte sie einen Schnupfen oder Husten? War sie heiser? Hatte sie glasige Augen? Die Antwort des Mannes war klar und lautete immer: Nein!

Die Chinesin war unauffällig, symptomlos?

Rothe: Ich will jetzt noch einmal klar sagen, was meine Botschaft sein sollte: Es ging damals gar nicht darum, was die Chinesin subjektiv gefühlt hat. Mir hat es gereicht, zu sehen, was sie trotz der Infektion noch konnte. Und zwar einen Langstreckenflug machen, von morgens bis abends Business-Meetings abhalten, augenscheinlich unbeeinträchtigt und insbesondere ohne Anzeichen einer Atemwegsinfektion, die die Kollegen gewarnt haben könnte.

Wann spricht man von einem Symptom?

Rothe: Ein Symptom ist ein Krankheitszeichen, das entweder der Patient und/oder der behandelnde Arzt als relevant einstuft. Wenn sich eine an Covid-19 erkrankte Person nicht krank fühlt, geht sie nicht zum Arzt. Die Diagnose wird nicht gestellt. Die Krankheit kann aber dennoch weiterverbreitet werden. Punkt. Wie im Fall der Chinesin. Das war meine Beobachtung.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Alarm zu schlagen?

Rothe: Dienstag, am Abend. Einen Tag, nachdem der erste Webasto-Mitarbeiter und dann drei weitere aus der Firma positiv getestet wurden. Ich habe eine Mail an meine Kollegen aus der Fachwelt geschrieben. Die mussten gewarnt werden. Denn für das medizinische Personal ist es wichtig, zu wissen, wo die Gefahren lauern. Ich habe das Paper geschrieben, es war recht banal. Keine Raketenwissenschaft. Es war eine reine klinische Beobachtung.

Heute wird das Paper als erstes wichtiges Puzzleteil betrachtet, welches das Ansteckungspotenzial beschrieben hat. Waren Ihnen die Dimensionen klar?

Rothe: Ich wusste damals, dass es eine unbequeme Neuigkeit war. Für alle, die für den Schutz der Bevölkerung zuständig waren. Denn wenn Covid-19 ohne Symptome ansteckend sein kann, dann kann ich keine Falldefinition machen und davon ableiten, welche Maßnahmen ich umsetze. Zum Beispiel kann ich nicht nur die Leute testen, die husten. Wenn alle scheinbar Gesunden auch krank sein können, dann muss ich radikalere Maßnahmen auflegen. Dann sortiere ich nicht alle Kranken mit Thermofühlern am Flughafengate heraus. Im Fall Covid-19 sind solche Maßnahmen nur ein Teil der Lösung.

Die Münchner Ärztin Camilla Rothe untersuchte den ersten Covid-19-Fall in Deutschland. Ein Mitarbeiter der Firma Webasto hatte sich bei einer Kollegin angesteckt.
Bild: Lino Mirgeler

Wie waren die ersten Reaktionen auf die Veröffentlichung?

Rothe: Kollegen haben sich gemeldet. Es waren zunächst die normalen Reaktionen. Manche berichteten sogar von ähnlichen Fällen.

Wann kam der Wendepunkt?

Rothe: Wir hatten das Paper am Mittwoch geschrieben und am Donnerstag publiziert. Und am nächsten Dienstag hatten wir einen deutschen Wissenschaftsjournalisten am Telefon. Der hat uns relativ aggressiv in die Enge getrieben und sagte, andere hätten mit der Chinesin gesprochen, die Frau habe Symptome in München gehabt. Dieser Journalist hat dann einen Artikel in der renommierten Zeitschrift Science geschrieben. Da stand dann in dem Text über mein Paper das Wort „flawed“, also fehlerhaft. Das war für mich ein Schlag in die Magengrube. Es ist das Schlimmste, was dir als Wissenschaftlerin passieren kann. Danach hat sich die Fachwelt, meiner Meinung nach, in einer Pseudo-Debatte verloren. In der es darum ging, was als Symptom gilt und was nicht.

Hatten Sie danach noch einmal ausführlich mit der Chinesin telefoniert?

Rothe: Wir haben ihr den Hintergrund erklärt und sie war dann bereit, mit uns zu sprechen. Ich hatte eigentlich kein Recht, mit ihr zu sprechen. Ich war nicht ihre behandelnde Ärztin, noch arbeite ich für die Gesundheitsbehörden.

Und es bestätigte sich, keine Symptome?

Rothe: Ich habe die gründlichste Anamnese meines Lebens gemacht. Die kurze Antwort: Nein, ihr war in München von keiner Krankheit bewusst.

Haben sich Politiker gemeldet?

Rothe: Ich hatte das eigentlich erwartet, dass mal jemand anruft. Doch weder die Politiker noch das Robert Koch-Institut als Gesundheitsbehörde haben angerufen. Wir arbeiten mit denen in der Regel zusammen. So groß ist Deutschland nicht. Man kann doch mit uns sprechen; wir sind doch keine Monster; wir kennen uns. Die Behörden hätten wenigstens sagen können, der Ausbruch war zu klein, um daraus Maßnahmen abzuleiten. Es aber zur Kenntnis nehmen. Die Informationen mit in Betracht ziehen.

Geben Sie den Politikern eine Schuld?

Rothe: Na ja, die können auch nicht selber immer bis zur tiefsten Wurzel vordringen. Sie sind auf Briefings von ihren Beratern, von Expterten und den Gesundheitsbehörden angewiesen.

In der Zwischenzeit hatten sich die Maßnahmen, die man aus ihrem Paper hätte ableiten können, aber schon durchgesetzt. Wie kam es dazu?

Rothe: Irgendwann schleichend hat sich die Erkenntnis durchgesetzt. Mehr und mehr Fachartikel wurden publiziert, die unsere Beobachtung einer asymptomatischen Übertragung untermauert haben. Ich glaube, es gab einen extremen Druck: Da kam Norditalien, dann die Skifahrer, dann Heinsberg, es ist explodiert. Die schrecklichen Bilder aus Italien und New York. Furchtbar. Da hat man einfach alles gemacht, was möglich war. Angefangen hat es ja mit den Masken. Da wurde am Anfang rumgeeiert, ob man die der Bevölkerung empfehlen soll. Das ist doch trivial. Es ist doch logisch, dass ein Stück Stoff mehr schützt, als kein Stück Stoff.

Müssen Ärzte grundsätzlich schriller Alarm schlagen, um Gehör zu finden?

Rothe: Wir sind als Ärzte vermutlich noch immer zu konservativ. Wir kommunizieren über unsere Fachzeitschriften. Über Twitter Informationen rauszuhauen, ist traditionellerweise nicht unser Weg. Aber die Neuen Medien und die Presse sind schneller und stärker. Aber ich kann mich auch nicht den ganzen Tag um Public Relations kümmern. Ich leite die Ambulanz eines Krankenhauses - ja, aber vielleicht muss man in die Öffentlichkeit gehen. Auch auf die Gefahr hin, dass man kleingetwittert wird.

Wie bewerten Sie die Rolle der Medien in diesem Fall?

Rothe: Die haben sich für vieles interessiert. Für das Zelt vor unserem Gebäude, für die Corona-Teststation. Ich wurde viel interviewt und habe die Geschichte auch immer erzählt. Bis auf einen Nebensatz im Stern hat es aber niemand aufgegriffen. Es musste erst ein zweifach Pulitzerpreis-gekrönter Journalist der New York Times auftauchen. Der hat das dann ausgegraben und danach sind die Meinungen umgeschwenkt. Plötzlich haben es alle verstanden, es tat dann allen leid. Vorher ist meine Beobachtung gegen mich verwendet worden und nun sind alle meiner Meinung.

War es genug, nur ein Paper zu veröffentlichen? Hätten Sie nicht stärker warnen müssen? Selbst zum Telefonhörer greifen?

Rothe: Ich bin enttäuscht, dass ich es nicht geschafft habe, die Welt zu warnen. Vielleicht habe ich auch versagt. Ich habe die Geschichte testweise immer Freunden erklärt, die keine Mediziner sind. Die haben die Brisanz sofort kapiert. Die haben das verstanden, aber die Welt hat es nicht verstanden. Ich habe mich häufig gefragt, wieso das meine Freunde kapieren, aber nicht die, die dafür bezahlt werden. Ich weiß es nicht. Ich kann diese Frage bis heute nicht beantworten.

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