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Ferienzeit

24.08.2020

Camping-Boom in der Corona-Krise: Wohin mit all den Wohnmobilen?

Immer mehr Menschen wollen mit ihrem Wohnmobil Urlaub machen. Doch es fehlen vielerorts Stellplätze. In Bayern ist ein Leitsystem geplant, das Urlaubern angibt, wohin sie fahren müssen.
Bild: Markus Scholz, dpa

Plus Seit der Corona-Krise ist Camping in Bayern besonders beliebt. Allerdings sind Stellplätze in manchen Regionen knapp. Vielerorts führt das zu Problemen, doch es gibt bereits Lösungsideen.

Unabhängig und frei sein, spontan das Urlaubsziel auswählen und sein Zuhause immer dabeihaben: Kein Wunder, dass gerade zu Corona-Zeiten der Urlaub mit dem Wohnmobil beliebt ist. Zwar wächst der Bestand dieser Fahrzeuge in Deutschland schon seit einigen Jahren kontinuierlich an – laut einer Statistik des Kraftfahrtbundesamts alleine von 2015 bis 2020 um 50 Prozent. Doch die Corona-Krise hat diesen Trend noch verstärkt: Laut dem Caravaning Industrieverband (CIVD) wurden bereits im ersten Halbjahr dieses Jahres so viele Freizeitfahrzeuge zugelassen wie im gesamten Jahr 2016. Diese Fahrzeuge brauchen allerdings auch Stellplätze – und die sind ganz schön voll.

 

„Ich bin jetzt das sechste Jahr hier, aber so etwas hab ich noch nicht erlebt“, sagt Sandra Bauß. Sie ist beim Hotel Wiesengrund in Bad Hindelang (Landkreis Oberallgäu) angestellt, zu dem auch ein Wohnmobilstellplatz gehört. Dieser sei jeden Abend komplett belegt, die Nachfrage gewaltig. Ähnliches berichtet Werner Hardt, der in Augsburg einen Stellplatz an der Wertach betreibt. Es fehlten ihm zwar die ausländischen Urlauber – sonst stammten etwa 70 bis 80 Prozent der Reisenden im August aus Italien. Dafür seien in diesem Jahr umso mehr Deutsche mit ihren Wohnmobilen unterwegs. Schon seit längerem setze Hardt sich dafür ein, dass in Augsburg noch ein zusätzlicher Wohnmobil-Stellplatz gebaut wird, sagt er. „Aber da passiert nix.“ Jeden Tag müsse er dabei zusehen, wie zehn bis 20 Wohnmobile weiterfahren, weil sie bei ihm nicht mehr unterkommen. „Die geben dann eben woanders ihr Geld aus“, sagt der Rentner. Und das ist nicht wenig: Nach Berechnungen des Deutschen Tourismusverbands (DTV) geben Reisemobilisten im Durchschnitt über 50 Euro pro Person und Tag im Zielgebiet aus, inklusive Stellplatzgebühr.

Obsthöfe und Käsereien sehen ihre Chance

Immer mehr regionale Erzeuger erkennen dieses wirtschaftliche Potenzial: Im „Landvergnügen“-Stellplatzführer, der seit 2014 jährlich erscheint und bereits seit Mai ausverkauft sei, sind beispielsweise über 800 landwirtschaftliche Erzeuger aufgeführt, die Stellplätze auf ihrem Grundstück anbieten. Wer den Stellplatzführer kauft, kann dort kostenlos übernachten, sagt der Geschäftsführer von „Landvergnügen“, Ole Schnack. Im Gegenzug dafür erhoffen sich die Weingüter, Obsthöfe und Käsereien, dass die Wohnmobil-Touristen ihre Produkte kaufen. Auch in anderen Ländern gibt es dieses Konzept.

Sein Zuhause immer dabei - in Corona-Zeiten ein gutes Gefühl: Camping erlebt einen wahren Boom.
Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Schnack zufolge erlebt die Camping-Branche schon seit längerem einen Boom. „Aber jetzt macht es richtig Peng“, sagt er mit Blick auf Corona. Auch „Der Freistaat“ in Sulzemoos an der A8, der Wohnmobile mit allem Zubehör anbietet, beobachtet schon seit einigen Jahren ein steigendes Interesse am Campen. „Quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten“, wie Natascha Krammer, Assistentin der Geschäftsleitung, erklärt. Doch durch Corona kämen jetzt auch Menschen, die sich Camping vorher nicht vorstellen konnten. Das sei nachvollziehbar: „Beim Campen bin ich unabhängig“, betont Krammer. „Ich bin von keiner Fluggesellschaft abhängig und kann selbst entscheiden, wie viel Abstand ich möchte.“

Viele campen einfach wild

Ein Problem sieht allerdings „Landvergnügen“-Geschäftsführer Schnack: Die Zahl der Stellplätze wachse nicht mit der Zahl der Camper. Er sieht die Städte und Gemeinden hier in der Pflicht: „Die Leute sind nun mal mit den Wohnmobilen unterwegs. Wenn man ihnen keinen Platz gibt, dann stehen sie eben wild.“ Das bedeutet, sie stehen abseits von Camping- oder Stellplätzen. Das ist in Deutschland zwar zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit erlaubt, sagt Schnack. Zum Problem werde es aber, wenn Camper den Platz verdreckt und zugemüllt wieder verlassen.

Camping-Stellplätze sind in diesen Wochen begehrter denn je.
Bild: Florian Schuh, dpa

Ebenfalls den Bedarf nach mehr Plätzen entdeckt haben einige Grundstücksbesitzer. Auf Plattformen wie „Pop-Up Camps“ können sie ihre freien Flächen als Stellplatz für Wohnmobilisten anbieten. Auf der Internetseite heißt es, man kooperiere mit Festivalveranstaltern, aber auch mit Sportanlagen, Freizeitparks und Privatpersonen aus ganz Deutschland. In unserer Region gibt es ein solches Angebot lediglich in Landsberg am Lech.

Gunter Riechey, Präsident des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD), sieht diese neuen Plattformen kritisch: „Pop-up-Camps erfüllen in den meisten uns bekannten Fällen nicht den baurechtlichen und ordnungsrechtlichen Anforderungen.“ Einige Landesregierungen, wie in Schleswig-Holstein, lehnten diese deswegen ab. Aber wo sollen die ganzen Wohnmobil-Urlauber dann hin? In Bayern seien besonders die Regionen um den Bodensee und andere Seen sowie die Stellplätze in der Nähe der Autobahnen sehr beliebt, sagt Schnack. Der Landesverband der Campingwirtschaft in Bayern möchte deshalb eine Art Camping-Leitsystem einführen, sagt der Vorsitzende Georg Spätling. Wenn alles glattläuft, könnte es schon nächstes Jahr eingesetzt werden.

 

Das Leitsystem soll den Wohnmobil-Reisenden anzeigen, wo in der jeweiligen Gemeinde oder der Stadt Plätze frei sind – ähnlich den Leitsystemen für Autoparkplätze. Ist kein Stellplatz mehr verfügbar, können die Urlauber weiterfahren zu etwas abseits gelegenen Plätzen. Spätling ist auch der Meinung, dass man in den besonders beliebten Regionen jetzt nicht überhastet und für viel Geld neue Wohnmobil-Stellplätze errichten, sondern die bestehenden Plätze lieber erweitern und qualitativ aufwerten sollte. „Man sollte nicht alles mit Stellplätzen zupflastern“, sagt er. „Irgendwo muss Schluss sein.“

In Lindau verrichten Camper ihr Geschäft an der Straße

Die Nase voll von Campern haben bereits Anwohner in Lindau. Dort wurde ein Wohnmobil-Stellplatz aufgelöst und ein Ausweichparkplatz entlang an einer Straße eingerichtet. Eigentlich dürfen die Camper dort nur über Nacht stehen – doch nicht alle halten sich an die Vorschriften, wie eine direkte Anwohnerin gegenüber unserer Redaktion berichtet. „Das ist das absolute Chaos“, sagt sie und erzählt: „Die machen einfach vor unserer Haustür Urlaub, hinterlassen ihren Müll und erledigen ihr Geschäft, denn sanitäre Einrichtungen gibt es ja nicht.“ Die Stadt habe nun aber versprochen, diese Missstände abzustellen.

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