Wird alles so wie früher? Wie unser Leben nach Corona aussehen könnte

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Die Menschen sehnen sich nach ihrem normalen Leben. Aber wird nach Corona alles wie früher? Und wollen wir das eigentlich auch? Ein Blick in die Zukunft.

Endlich! Nach über einem Jahr Corona ist so etwas wie Licht am Ende des Tunnels zu sehen – scheint das Leben, nachdem wir uns die vergangenen Monate so sehr sehnten, wieder allmählich greifbar zu werden: Familie und Freunde treffen, reisen, mit Kollegen in der Kaffeeküche stehen, ins Kino gehen, im Restaurant sitzen ... Doch Moment. Wollen wir wirklich wieder alles zurückhaben? Gab und gibt es neben all dem Leid und der Angst nicht etwas Schönes in dem ganzen Corona-Irrsinn? Etwas, was bleiben soll? Weil es unser Leben entspannter, reicher, einfach besser macht? Und weil ja manches vielleicht doch zu viel war, wir uns nicht nur selbst überfordert haben, sondern mit unserer Lebensweise auch die Natur? Waren die vergangenen Monate also gar so etwas wie eine Nachdenkpause für unsere Gesellschaft?

Das sind die Fragen, mit denen sich Wissenschaftler gerade auseinandersetzen. Was bleibt und was geht – mit ihnen wagen wir den Blick in die Zukunft. Sicher sind sich alle: Die Krise wirkt wie ein Verstärker bestehender Trends – allen voran, was die Digitalisierung betrifft. Da gibt es nur Vorwärts, kein Zurück. Beginnen wir aber damit: Was wir im vergangenen Jahr, gefangen zwischen alter und neuer Normalität, anders gemacht haben.

Weiter mit Abstand?

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Pandemien verändern Gewohnheiten. Sagt so auch der amerikanische Arzt und Soziologe Nicholas Christakis und nennt dafür ein fast schon kurios anmutendes Beispiel. Bis zur spanischen Grippe waren Spucknäpfe in Amerika noch selbstverständlich in Kneipen und Bars. Dann verschwanden sie klanglos. Und heute? Sage keiner mehr: Verrückt, wo sind die Spucknäpfe? Ergeht es so nun dem Handschlag? „Zwischenmenschliche Verhaltensweisen verändern sich ja immer wieder kolossal“, sagt auch der Soziologe und Publizist Harald Welzer. „So ist auch Händeschütteln aus der Mode gekommen.“ Und das werde vermutlich auch so bleiben. Doch komplett auf Distanz bleiben werden wir nicht – da ist sich der Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei sicher: „Ich glaube nicht, dass alle freundlichen körperlichen Kontakte unter Bekannten wie etwa Umarmungen aussterben werden. Das wird zurückkehren.“

So sieht es auch Cornelius Borck, Direktor des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung an der Uni Lübeck. Bussi- Bussi oder Handschlag – da sei er skeptisch für die Zukunft. In Deutschland habe man aber schon vor Corona beobachtet, dass es immer mehr informelle Arten der Begrüßung gebe, zum Beispiel ein freundliches Kopfnicken. „Solche Gesten sind fein austariert, da ist nun so etwas wie soziale Kreativität gefragt“, sagt Borck. Der Ellbogen- oder Faustgruß aber werde sich wohl auch nicht halten: „Beides ist in unserer Kultur dann doch ziemlich aggressiv konnotiert.“

Was nach Ansicht von Welzer bleiben wird, zumindest zum Teil: das Maskentragen. So wie es in Asien schon vor der Pandemie der Fall war. Welzer kann sich sehr gut vorstellen, dass Menschen auch künftig beispielsweise im Bus, in der Bahn, im Flugzeug, eben überall dort, wo es eng wird, wo Gedränge herrscht, Masken auch weiterhin tragen werden. „Und für Menschen, die nicht in der Bussi-Bussi-Abteilung unterwegs sind, ist so eine Maske ja auch eine super Entschuldigung“, sagt Welzer.

Alle wieder zusammen?

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Wie aber wird sich die nun so lange eingeübte Distanz auf unseren Alltag auswirken? Wie werden wir miteinander umgehen? „Insgesamt sind wir Menschen doch eher träge Lebewesen, die dann wieder zurückkehren zu den Routinen, die vorher da waren“, glaubt Cornelius Borck. Andererseits: Über ein Jahr lang haben wir anders gelebt, neue Arten des Miteinanders geübt, neue Kommunikationstechniken gelernt: Auch Oma kann jetzt zoomen! Was ein Segen während der letzten Monate war, Familie und Freunde zusammengebracht hat, könnte aber in Zukunft auch seine Schattenseiten entfalten, Einsamkeit verstärken: Warum beispielsweise nach Hamburg zur Familie fahren, wenn man sich doch so einfach online treffen kann? Die Frage, die sich Borck stellt: „Wie viel geteilte Wirklichkeit kommt zurück?“ Er hoffe, da die Pandemie schon so lange andauert, dass sie uns auch habe erkennen lassen, was in den neuen Kommunikationsformen alles nicht geht und was sich die Gesellschaft deswegen wieder neu aneignen muss – „das gefühlte und gelebte alltägliche Miteinander“.

Wie alltäglich, wie selbstverständlich also wird wieder Begegnung – mit Freunden, mit Fremden? Dicht an dicht an einer Bar zu sitzen, sich die Nüsschenschale teilen? „Gesellige Rituale rund ums gemeinschaftliche Essen ändern sich in einer Gesellschaft immer“, erklärt Harald Welzer. Im Rückblick weiß man oft gar nicht warum. „Doch so eine Krise, die tatsächlich mit Infektionen, mit Berührung zu tun hat, und damit auch assoziiert ist, wird zu starken Veränderungen führen.“ Manche würde Welzer auch begrüßen! „Vielleicht ist es eine zivilisatorische Errungenschaft, wenn jetzt mit Corona das Büfett tot ist und wir endlich im Hotel wieder ein ordentliches Frühstück serviert bekommen.“ Für den Soziologen war es schon immer dekadent, dass es billiger ist, Lebensmittel im großen Stil wegzuwerfen, als Personal einzustellen. „Und ist so ein Büfett nicht eigentlich eine unästhetische, unangenehme, kontaminierende Art der Essensaufnahme? Ich wäre jedenfalls ein großer Freund davon, wenn diese Büfetts endlich verschwinden.“

Unvorstellbar ist noch, dass man mit ein paar tausend Menschen eng sitzt. Im Konzert etwa. Oder – wichtig für Bayern – am Oktoberfest. Wird das wieder? Tja, sagt Borck. Schwierige Frage, speziell im letzten Fall, Masse und Alkohol. Zum sozialen Leben gehörten solche gesellschaftlichen Formate aber natürlich dazu. Borck setzt auf den Fußball und die unbremsbaren Fans. „Und wenn man dann sieht, dass 50.000 Zuschauer im Stadion keine Gefahr sind, dann wird auch dies wiederkommen.“

Noch entschleunigt?

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Leer gefegte Terminkalender, die Geschäfte zu, die Abende zu Hause. Und plötzlich so viel Zeit. Der erste Lockdown im vergangenen Jahr brachte überraschend zutage: dass gar nicht wenige Menschen von denen, die nicht um ihre Existenz oder Gesundheit bangten, sich sogar besser fühlten, weniger gestresst, weil man ja auch nichts verpassen konnte. Wofür also für viele Zeit war: indisch kochen, Yoga-Tutorials anschauen, den Keller ausmisten. Oder wie es die Schriftstellerin Valerie Fritsch in ihrem Corona-Tagebuch für das Literaturhaus Graz am 29. März notierte: „Man könnte meinen, manchen Leuten wäre es gar nicht möglich, ohne eine nie da gewesene Krise die Wohnung aufzuräumen, das Badezimmer zu putzen, Kaiserschmarrn zu kochen.“ Und nun? Da auch der letzte Kellerschrank neu sortiert ist?

Ist die Blase, in der die viele Zeit samt Menschen schwebte, längst geplatzt. Sagt auch Cornelius Borck. Und die Yoga-Matte wird eher ausgerollt, um unter unzureichenden Bedingungen das Leben nicht ganz aus der Hand zu geben. Das vorherrschende Gefühl: eher wohl Rastlosigkeit. Je nach Arbeitsumfeld sieht Mediziner Cornelius Borck sogar eine Verdichtung von Terminen: Weil man ja auch nie den Ort wechseln muss, sondern einfach am Schreibtisch von Videokonferenz zu Videokonferenz hoppt.

Homeoffice - auf dem Land!

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Glücklich, wer während des Lockdowns einen schönen Baum und nicht nur Häuserzeilen vor dem Fenster hatte. Vielleicht auch einen Balkon oder gar einen Garten, in dem man die Kinder zum Spielen schicken konnte und womöglich auch noch sein eigenes Gemüsebeet beackerte. Ändert sich durch die Erfahrung der vergangenen Monate die Art, wie wir wohnen wollen? Lieber mit Balkon, lieber draußen, gleich ganz im Grünen? „Dass viele Menschen in kleinen Wohnungen ohne Balkon leben, ist vor allem eine finanzielle Frage. Die wohnen dort ja nicht freiwillig“, betont Welzer. Dennoch wird das Landleben einen ganz massiven Zustrom erleben, sagt er.

Doch der Schub fürs Landleben kommt für ihn von einer anderen Seite: „Wir werden auch künftig viel stärker in Heimarbeit – neuhochdeutsch Homeoffice – arbeiten. Homeoffice wird bleiben und sich verstärken. Schon allein aus dem Grund, weil es eine Rationalisierungschance für die Unternehmer ist. Und die werden einen Teufel tun und sich so eine Chance entgehen lassen. Man spart unglaublich viele Kosten. Und die Arbeitnehmer kann man so viel besser kontrollieren. Homeoffice, das ist sicher, wird nie mehr weggehen.“

Daher werden viele Menschen nach Einschätzung von Welzer verstärkt aufs Land ziehen. „Denn im Homeoffice ist es natürlich wichtiger, dass man den Laptop auch einmal auf einer Terrasse oder generell in einer schönen Umgebung aufstellen kann.“ Daher ist sich Welzer sicher: „Die ländlichen Räume werden eine ganz starke Aufwertung erfahren.“ Weil aber der Mensch ein soziales Wesen ist und es den meisten keinen Spaß macht, den ganzen Tag allein vor dem Laptop zu sitzen, werden nach Einschätzung von Welzer auf dem Dorf „Orte des Co-Workings“ entstehen, Häuser beispielsweise, in denen gemeinsam gearbeitet werden kann. „Es entwickeln sich also auf dem Land neue Formen des gemeinsamen Arbeitens. Und wo gearbeitet wird, entstehen auch Cafés mit Mittagstisch, weil die Leute auch etwas essen wollen. Wir bekommen richtig Bewegung in der Landschaft. Das ist eine unglaublich interessante Entwicklung“, sagt Welzer.

Und was wird dann aus unseren Städten? Schon vor Corona litten die Innenstädte. Schon vorher kämpften die Geschäfte mit dem blühenden Onlinehandel. Stehen die Städte dann also bald leer? „Es wird andere Nutzungsformen geben“, sagt Welzer. „Was kommen wird, ist ein Leerstand von Büroimmobilien im ganz großen Stil, weil eben der Trend zum Homeoffice nicht mehr zurückgehen wird. Die Städte sind für junge Menschen aber attraktiv. Daher kann ich mir vorstellen, dass auch in den Städten experimentelle, kreative Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens entstehen, in denen beispielsweise auch die Kinderbetreuung gemeinschaftlich organisiert wird.“

Bitte liefern

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Lieferdienste gehören zu den Corona-Gewinnern und Harald Welzer sagt: „Es ist zu befürchten, dass Lieferdienste bleiben.“ Schließlich haben viele Leute Lieferdienste schon vor der Pandemie für sich entdeckt. Viele andere probierten sie jetzt zum ersten Mal aus und haben gesehen: Wow, das klappt ja toll. Sie werden also nach Einschätzung von Welzer bleiben.

Und nicht nur Mittag- und Abendessen wird fleißig digital geordert: „Viele Menschen fragen sich generell: Warum schleppe ich noch Kisten oder Tüten, wenn mir das alles doch gebracht wird? Dieser Bequemlichkeitsaspekt wird es sein, der dazu führt, dass viele sich auch, wenn die Läden längst wieder geöffnet haben, weiter alles online bestellen und liefern lassen.“ Welzer kann sich allerdings vorstellen, dass gerade die Menschen, die großen Wert auf Bio legen, wieder ganz bewusst selbst einkaufen gehen. „Denn Konsum funktioniert auch als Unterscheidungsmerkmal“, erklärt der Sozialpsychologe, der in Berlin lebt. „Und zu einem Lebensstil, der auf biologische Produktionswege setzt, gehört es oft dazu, dass man selbst in den Laden geht, sich an der Käsetheke bedienen lässt; aber für die große Mehrheit wird die Bequemlichkeit künftig überwiegen, sie werden nicht mehr einkaufen gehen, sondern online bestellen“, sagt Welzer.

Wohin geht die Reise?

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Wollen wir, nachdem wir im Laufe der Pandemie das eigene Land ganz neu entdeckt haben, überhaupt noch in die Welt reisen? Oder ist nach Monaten des Spazierengehens und Radelns in den Wäldern und Wiesen vor der Türe die Sehnsucht nach der Ferne doch übermächtig und wir wollen, so schnell es geht, wieder weg? „Ich glaube Letzteres“, sagt Harald Welzer. „Im Bereich Urlaub ist der Wunsch nach einer Rückkehr in die erlebte Normalität schon sehr groß.“

Alles also wie früher? Ab in den Flieger, weil das freie Wochenende doch nahezu nach einem kleinen Trip nach London oder Lissabon schreit? Und was ist mit der Nachhaltigkeit, der Flugscham, der Klimabilanz? Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, glaubt, dass sich das Reiseverhalten durchaus verändern wird – mehr Reisen mit dem Auto, eher im Inland oder ins nahegelege Ausland, gerne auch Outdoor. Aber nicht, weil den Menschen plötzlich mehr am nachhaltigen Reisen liegt. Sondern weil das Fernreisen als riskanter eingeschätzt wird. Man habe gesehen, dass im Krisenfall das Nachhausekommen nicht so einfach ist. Bis also die weite Welt wieder begeistert bereist wird, werde es sicher noch dauern. „Davon aber wird dann aber indirekt auch die Umwelt profitieren.“

Auch weniger Kreuzfahrtschiffe also? Die Branche werde sich schwertun, glaubt Schmude, weil weniger Neukunden hinzukommen, die sich mit vielen auf einem Schiff den Platz teilen wollen. Die aber machten ja den Kreuzfahrt-Boom zuletzt aus.

Auch die Fluggesellschaften werden verstärkt um Touristen werben müssen, ist sich Harald Welzer sicher. Denn eines steht für ihn auch fest: „Die Dienstreisen wie früher wird es nicht mehr geben. Das hat sich fundamental verändert.“ Sieht man doch in vielen Branchen seit Monaten, wie effizient sich mittels Videokonferenzen alles verhandeln und besprechen lässt. Reisen aus Lust also künftig – nicht aus Pflicht

Ach, geht ja mit dem Rad

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Doch im Alltag stellt sich oft eine andere Frage: Nicht Flieger oder Schiff, sondern Auto oder Bus? Die Automobilindustrie wird, glaubt man Welzer, radikal umgekrempelt und von einer enormen Schrumpfung betroffen sein. Aber will noch jemand in Bus und Bahn steigen, galten sie nicht plötzlich als Virenschleudern? Harald Welzer gibt zu, dass solche Voraussagen sehr schwierig zu treffen sind. Aber es wird immer Menschen geben, die auf einen öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Welzer kann sich gut vorstellen, dass der öffentliche Nahverkehr eher vor der Herausforderung steht, attraktiver, individueller, komfortabler zu werden. Er sagt: „Man kann momentan einfach nicht sagen, wie dauerhaft diese Angst vor Ansteckung ist. Ich persönlich würde aber sagen: Wenn wir diese Pandemie hoffentlich überwunden haben, werden die Menschen auch wieder öffentliche Verkehrsmittel nutzen.“

Und nicht radeln? Das Rad gehört doch auch zu den Krisengewinnern schlechthin. Die Branche ist eine sogenannte Boombranche: „Ja, die Nachfrage nach Fahrrädern ist in der Pandemie unglaublich hoch. Zu Engpässen kam es vor allem dadurch, weil die Lieferketten nach Asien nicht mehr funktioniert haben“, erklärt Welzer. Er ist sich sicher, dass hier etwas bleibt: „Denn wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat: Ach, da kann man mit dem Rad hinfahren, das klappt ja gut und ist gar nicht so schwierig, dann kann das schon bleibende Effekte haben.“

Virologe Drosten: «Wer sich aktiv dagegen entscheidet, sich impfen zu lassen, der wird sich unweigerlich infizieren.».

Virologen lenken die Politik

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Wer hätte je gedacht, dass ein ganzes Land einmal auf die Virologen hört? Ja dass wir ein Land von Hobbyvirologen werden? Bleibt das? „Wir haben in der Wissenschaft immer Wellenbewegungen“, sagt Welzer. „Erinnern wir uns daran, welchen Boom vor ein paar Jahren die Hirnforschung erfahren hat. Jetzt hat die Virologie Hochkonjunktur. Insgesamt hat die Pandemie zu einer Aufwertung der Wissenschaft geführt. Das war vertrauensbildend für die Mehrheit der Menschen. Die Virologen hatten ja auch fast immer recht.“

So sieht es auch Cornelius Borck von der Uni Lübeck. Die Wissenschaft ist in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Was ihn gewundert hat: In seiner Wahrnehmung habe es keine theologische Antwort auf die Pandemie gegeben, obwohl es doch eigentlich Aufgabe der Religion ist, genau auf diese großen, drängenden Fragen zu antworten. „Die Wissenschaft aber hat die Antwort geliefert.“

Was Harald Welzer derzeit auch erkennt: „Ich sehe einen erheblichen Verlust an Politikvertrauen. Das ist für die Demokratie generell schlecht. Die Politik täte gut daran, viel stärker anzuerkennen, dass sie es mit einer vernunftbereiten, aufgeklärten Mehrheitsbevölkerung zu tun hat.“

Mode – schön bequem

Foto: Sebastian Gollnow, dpa

An nichts gewöhnt man sich leichter als an die Bequemlichkeit. Und einmal errungen, lässt man auch nicht wieder von ihr ab, sagt Carl Tillessen, Trendanalyst vom Deutschen Modeinstitut: „Wir haben ein Jahr lang die pflegeleichteste und bequemste Kleidung, die es auf dem Markt gibt, getragen – und das werden wir auch nicht wieder aufgeben.“ Was das bedeutet? Nichts Gutes für den Businesslook: Anzug, Hemd, Kostüm! Der sogenannte Casual-Friday werde sich auf die ganze Woche ausbreiten. Und wenn es denn schon ein Hemd sein muss, dann eines aus Jersey – macht Hemd wie auch Hose schön bequem. Das aber gilt nur für den Tag. Geht es Richtung Abend, dann werde die Mode viel glamouröser und mehr sexy sein als noch vor Corona – atemberaubende High Heels mit eingeschlossen. Was zur These von Mode-Experten passt, dass demnach in Krisen die Absätze – also die von Schuhen – in die Höhe wachsen: der sogenannte High-Heel-Index. Die internationale Modeplattform Lyst jedenfalls verzeichnet seit Beginn des Jahres verstärkt Interesse nach Schuhen mit hohen Absätzen, um 163 Prozent seien die Anfragen im ersten Quartal gestiegen.

Die andere Frage aber ist: Wird sich am rasanten, im Überfluss produzierenden Modesystem etwas ändern? Die Fast-Fashion also einen Gang hinuntergeschaltet? Tillessen erwartet das eher nicht: „Ein Teil wird denken, alles das, was bisher war, war ungesund, und wird clean bleiben. Ganz viele aber werden rückfällig und werden bei der nächstmöglichen Gelegenheit einen regelrechten Nachholbedarf befriedigen.“ Wie auch schon in China nach dem Lockdown zu sehen. Stichwort Revenche-Buying – Vergeltungskaufen.

Plötzlich lebt die Solidarität

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Bleibt die zumindest am Beginn der Krise beobachtete Solidarität? „Nein, das habe ich zu Anfang schon nicht als bleibend gesehen“, sagt Welzer. „Unsere Gesellschaft ist von Partikularinteressen, von Machtverhältnissen, von vorhandenen Infrastrukturen geprägt. Und wir haben es doch alle selbst erlebt, dass mit der Dauer der Krise die Solidarität ganz stark zurückgegangen ist. Der anfängliche Gedanke, wir gehen da gemeinsam durch, hat nichts Dauerhaftes. Es ist eine romantische Krisenreaktion gewesen. Da muss man doch nur einen Blick auf unsere Jugend werfen: Eine ganze Gesellschaft hat die wichtigste Altersgruppe, den Nachwuchs, unfassbar schlecht in der Krise behandelt. Da ist von Solidarität mit den jungen Menschen ja überhaupt gar nichts zu spüren, obwohl sie zum großen Teil die Hauptleidtragenden sind.

Da ist den meisten Menschen das berühmte Hemd dann doch näher als die Jacke. Denn immer, wenn es darum ging, wirklich kreative Lösungen aufzustellen, war doch gar nichts. Nehmen wir das Beispiel Schule: Den Schülern wurde brillanterweise aufgetragen, das Fenster aufzumachen und bei Minusgraden dazusitzen und mit zwei Jacken übereinander dem Unterricht zu folgen. Und auch jetzt fällt doch den Kultusministerien nichts ein außer Präsenzunterricht. Oder was wäre es denn gewesen, wenn die Impfpriorisierung zugunsten der Jüngeren nun festgelegt worden wäre, damit sie wieder ein bisschen rauskämen. Aber das werden sie niemals durchsetzen.“

Dass von der Solidarität gar nichts bleibt, sieht Professor Klaus Fiedler, Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie in Heidelberg und Mitglied der Nationalen Akademie für Wissenschaft Leopoldina, anders. Die Menschen hätten zuletzt Solidarität ein wenig verlernt gehabt. Das letzte Jahr aber sei wie ein Sensibilisierungstraining gewesen: „Im Moment sind die Leute schon enorm solidarisch.“ Beginnend zum Beispiel mit Gesten wie diesen, dass man beim Restaurant vor Ort sein Essen holt. Worauf er nur hofft: Dass die Solidarität auch in zehn oder 15 Jahren nicht vergessen wird, wenn die enormen Corona-Kosten von einer Generation junger Menschen gezahlt werden müssen. Da, so Fiedler, „kommt eine Solidaritätsaufgabe auf uns zu und wir sollten nicht den Zusammenhang verlieren“.

Was wir gelernt haben

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„Auch wenn das jetzt noch keiner sieht, die Menschheit wird durch diese Erfahrung gelernt haben“, sagt Sozialpsychologe Klaus Fiedler. In den vergangenen Monaten hätten wir gesehen, wie wir mit Entbehrlichkeit umgehen können, wie genügsam wir sein können. „Diese Erfahrung gibt uns mit Sicherheit das Backing-up für zukünftige Herausforderungen – zum Beispiel den Klimawandel, wie wir mit Energie umgehen, wie viele Quadratmeter Wohnraum jemand braucht.“ Unsere Aufgabe sei es nun, die Dinge, die uns die Pandemie gelehrt habe, nicht einfach wieder durchs Tagesgeschäft zu verlieren. „Aber es gibt gute Gründe für einen anthropologischen Optimismus“, sagt Fiedler. „Die Menschen als Kollektiv sind schon unglaublich schlau. Das ist auch ein Fundament, auf dem man bauen kann.“

Auf also in die neue Normalität, deren Formen man bislang nur erahnen kann. Was wir gelernt haben, wie sich das exakt niederschlägt, „das würde ich mal der Zukunft überlassen“, sagt Klaus Fiedler. „Wer glaubt, das jetzt genau vorhersagen zu können, der flunkert auch ein bisschen.“

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Von , Franziska Müller und