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Silberdistel im Februar

28.02.2017

Daheim auf dem Land

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„Künstliches Dorf Gempfing“ hieß der Titel einer Aktion der „Interessensgemeinschaft Rainer Winkel“. Drei Monate lang war der Rainer Stadtteil Gempfing voller Skulpturen und Musik. Aus dieser Initialzündung hat sich später Bleibendes entwickelt.
Bild: Barbara Würmseher

Johannes Geier ist Motor der „Interessensgemeinschaft Rainer Winkel“. Der Verein erforscht seit 25 Jahren die Stärken des ländlichen Raums und sorgt für Identität

Eigentlich gibt es ihn gar nicht – den Rainer Winkel. Jene Gegend rings um die Stadt Rain, die dieser Begriff meint, ist nicht durch politische Grenzen festgezurrt. Ein Stück des südlichen Donau-Rieses gehört dazu, eine Ecke Neuburg-Schrobenhausen, eine von Aichach-Friedberg und ein Zipfel des nördlichen Landkreises Augsburg. Historisch gesehen war der Rainer Winkel bis ins frühe 19. Jahrhundert identisch mit dem Landgerichtsbezirk Rain. Doch das ist lange her.

Die „Interessensgemeinschaft Rainer Winkel“ eint ein geografisch nicht recht fassbares Gebiet in einem übergreifenden Heimatgedanken. Diejenigen, die als Macher dahinter stehen, sind seit 25 Jahren beseelt von dem Wunsch, die Stärken ihrer Heimat im ländlichen Raum zu finden, der ja oft abfällig als bloße Aneinanderreihung von Käffern gilt. Als die sprichwörtlich schlaftrunkene Begegnungsstätte von Fuchs und Hase. Sie rufen Aktionen ins Leben, die zeigen, wie lebenswert die Szene weit abseits großstädtischer Potenziale sein kann, wenn man sich nur die Mühe macht, danach zu suchen.

Motor ist seit jeher Johannes Geier. Er erhält nun für seinen außergewöhnlichen Einsatz die Silberdistel, eine Auszeichnung unserer Zeitung für besonderes gesellschaftliches Engagement. Geier steht mit Leidenschaft und Begeisterung für eine Idee von Heimat, die Tradition mit Moderne verbindet. Die darauf fußt, was einmal war, und sich zugleich in Visionen ausdrückt. Um die Heimat zu finden, musste Geier freilich erst einmal in die weite Ferne ausziehen. Südostasien und Nepal waren Ziele, zu denen er aufbrach – ungestüme 19 Jahre alt. Traditionen hielt er für altmodisch, Rock- und Pop waren cooler als Volksmusik. Eigenartigerweise fand er gerade bei fremden Kulturen den Weg zum Ursprünglichen, wovon er sich zuhause so distanziert hatte. „Als ich zurückgekommen bin“, so erinnert er sich, „hab ich mir gesagt: Ja bin ich blöd und übernehm hier überall das Amerikanische?“ Und so machte er sich zusammen mit Gleichgesinnten auf die Suche nach den Werten der eigenen Heimat.

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Das war 1992 – die „IG Rainer Winkel“ war geboren. „Wir leben hier in einer Mischregion mit verschiedenen Einflüssen. Die Trachten etwa, die getragen werden, haben schwäbische, bayerische, pfälzische und fränkische Einflüsse. Bei der Sprache ist es ähnlich. Vom Lebensgefühl her sind wir Altbayern, denn mit der Stadtgründung um 1250 kam der bayerische Einfluss durch die Wittelsbacher“, sagt Geier.

Er hat zu schätzen gelernt, warum seine Mutter im Garten nach dem Kirchenjahr und nach Bauernregeln arbeitet, nämlich „weil darin Erfahrungswerte früherer Generationen stecken.“ Heimatgeschichte und Bräuche sind ein Teil des Programms der IG geworden. Das Erspüren der Landschaft gehört auch dazu. So hat der Verein viele Male zur Wanderung „Querfeldein durch den Rainer Winkel“ eingeladen. Eine Woche lang ist die Gruppe ohne festes Ziel losgelaufen. „Wir haben Menschen kennengelernt, wahnsinnig tolle Gespräche über den Gartenzaun geführt, haben im Schafstall oder im Heustadel übernachtet.“

1999 führte eine historische Kutschfahrt mit echten alten Gespannen durch die nahegelegenen Dörfer. „Dabei haben wir Bauern gefunden, die noch im bäuerlichen Leben verhaftet sind.“ Viele Veranstaltungen waren weniger spektakulär, sondern haben Begegnungen mit Charakterköpfen mit sich gebracht, wie Johannes Geier sagt.

Immer hat auch die Musik eine Rolle gespielt. Mitte der 90er Jahre hat die IG ihr erstes „Sänger- und Musikantentreffen“ organisiert. Anfangs noch mit Bühnenprogramm, später haben Geier und sein Team erkannt, dass Volksmusik anders funktioniert. Nicht mit Distanz zu den Vortragenden, sondern im Miteinander. „Die Leute sollen nicht zuhören, sondern mitmachen“. Das hat man auch andernorts erkannt. Heute erfreuen sich Wirtshaussingen landauf, landab einer Renaissance.

Stolz ist die „IG Rainer Winkel“ auf ihre sommerliche Festival-Reihe, die ins fünfte Jahr geht. Im Landschaftspark des Gutshofes Sulz bei Rain kommen viele hundert Fans bei Musik und Kabarett zusammen.

Ein großer Erfolg war 2000 das „Künstliche Dorf Gempfing“. Der 450-Seelen-Stadtteil Rains mutierte zu einer einzigen großen Freiluft-Galerie. Noch heute stehen einige der Skulpturen in Privatgärten und im öffentlichen Raum. „Wir haben zeitgenössische Kunst installiert – das war anfangs schon gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man Tradition mit Moderne verbindet, bringt man Welten zusammen, die es sonst eher schwerer miteinander haben.“

Ökologie, Nachhaltigkeit, Natur und Landwirtschaft sind weitere Themen, die die „IG Rainer Winkel“ seit einem Vierteljahrhundert immer wieder lebt. Ob es das Lehmbau-Seminar war oder der „Alternative Bauherrentag“, ob Blockheizkraftwerke oder Biogasanlagen besichtigt wurden – immer ging es darum, „eine ältere, traditionelle Idee in die Moderne zu transportieren“. Nicht selten wurde der Verein deshalb fälschlicherweise in eine politisch grüne Ecke gedrängt. Parteipolitisch will er nicht sein. Immer nur bezogen auf Themen. Und immer wieder begegnet Geier auch Neid und Skepsis. „Ich wollte nie ein Querulant sein“, sagt er, „aber ich habe meine Ideen immer vertreten“. Um sich weiß er Mitstreiter, die ihn darin unterstützen. Und die ihn bei allzu ausgeflippten Ideen auch wieder auf den Boden holen.

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