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Trauer

20.07.2018

Das eigene Kind ist tot - wie steht eine Mutter das durch?

Ingrid Krist hat zusammen mit ihrem Mann Thomas ein Erinnerungszimmer in ihrem Haus eingerichtet.
Bild: Judith Roderfeld

Katharina, die Tochter von Ingrid Krist, wurde nur fünf Jahre alt. Eine Geschichte über die Hölle, den Umgang mit Schmerz und Schokopudding im Himmel.

Im Himmel gibt es eine große Schüssel Schokopudding. So hatten sich Katharina und ihre Mama das ausgemalt. Darum packte die Kleine zeitig den Koffer für ihre Reise – mit Puzzles, Büchern, Filmen, dem Kuscheltier-Delfin. Sie war auf ihre kindliche Art vorbereitet. Und irgendwann wusste sie, dass es so weit war. Katharina starb mit fünf Jahren und acht Monaten.

Am Wohnzimmertisch von Thomas und Ingrid Krist kleben zwei kleine runde Sticker. Ebenso am Backofen. „Ich kann sie nicht wegmachen“, sagt Ingrid, die Mama. Mit dem Finger fährt sie über einen der Aufkleber. „Katharina hat überall Spuren hinterlassen.“ Die 46-Jährige beginnt zu lachen, als sie erzählt, wie ihre Tochter durch das Haus stiefelte und die Möbel beklebte. Das Ehepaar Krist lebt im Augsburger Stadtteil Inningen. Ihr Haus mit großem Garten liegt im verkehrsberuhigten Bereich. Ingrid Krist wollte immer drei Kinder. Heute lebt das Paar allein.

Es war der 23. Januar 2004, als Katharina per Notkaiserschnitt zur Welt kam. Dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte, teilten die Ärzte den Eltern erst nach vier Monaten mit. Katharina wuchs nicht richtig. Mit einem Jahr war sie gerade 52 Zentimeter groß. Woran das lag, wusste niemand. Auch Jahre später gab es noch keine konkrete Diagnose. „Wir wussten, dass sie kein normales Leben führen kann. Mehr nicht.“ Das nach nicht mal einem halben Jahr erfahren zu müssen, sei der erste Knick gewesen, der erste Fall von vielen. Was folgte, war eine lange Irrfahrt durch Arztpraxen und Kliniken. „Das war das Schlimmste. Dass man jahrelang ohne Fakten dastand“, sagt Krist.

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Irgendwann gab es den ersten vagen Befund. Es hieß, ein genetischer Defekt sei schuld daran, dass der Stoffwechsel nicht richtig funktioniert. Dadurch versteifte sich das Bindegewebe des Mädchens immer mehr. Herz und Lunge waren stark beeinträchtigt und die Verdauung verlangsamte sich stetig. Im Dezember 2007 – Katharina war knapp vier – gingen die Ärzte aufgrund der Symptome davon aus, dass Katharina unter Geleophysischer Dysplasie litt, einem sehr seltenen Defekt beim Bindegewebsaufbau. Nachweisen ließ sich das nicht.

Eine Mutter verliert ihr Kind. Eine Horrorvorstellung. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik starben 2016 im Freistaat insgesamt 169 Kinder im Alter zwischen einem und 15 Jahren. 2009 waren es 189. Katharina war eines davon.

Sie sagt: Ich erzähle gerne von ihr

Offen über ihren Tod zu sprechen, damit hat Ingrid Krist schon lange kein Problem mehr. „Ich erzähle gerne von Katharina. So tragisch, so schwer es auch ist.“ Ihre gemeinsame Zeit war kurz. Und doch sei sie so wertvoll gewesen. Jede Sekunde. Katharina, sagt sie, habe ihr Leben verändert, ihre Sicht auf die Welt. Sie holt tief Luft.

Vor ihr steht eine brennende weiße Kerze. „Katharina“ steht darauf. Darüber ist ein Delfin zu sehen, darunter ihr Geburts- und Sterbedatum. Alles in Regenbogenfarben. Ist eine Kerze abgebrannt, bastelt Krist eine neue. Die Kerze brennt oft. Beim Abendessen, an Geburtstagen, bei Feiern, wenn Besuch kommt. Oder wenn den Eltern einfach danach ist.

Nach dem Tod richteten Ingrid und Thomas Krist ein Zimmer ein, der Erinnerung wegen. Direkt unter dem Dach, neben dem Büro. Auf dem gepunkteten Tisch liegt eine Schachtel mit Murmeln, eine Schultüte, Tierfiguren. Kuscheltiere sitzen auf den Regalen. Am Schrank klebt ein Delfinposter.

Der Raum sieht aus wie ein typisches Kinderzimmer. Gefüllt mit Leben. Vor der Holzkommode hängen Jäckchen auf Bügeln. Auf dem blauen Teppich sind Schuhe aufgereiht. In den Ritzen der Sohlen klebt noch Sand. „Der kommt von der Pferdewiese“, sagt Krist. Katharina liebte Tiere. Am liebsten Delfine. Deswegen die Sticker – das Tier auf der Kerze, die Poster am Schrank.

Mitten im Raum: das Bett. Übersät mit Aufklebern. Ihre Tierfiguren liegen noch darin, ebenso die Teddys und Delfine aus Plüsch. Daneben, auf dem unbenutzten Laken, das Sterbebild.

Katharina konnte laufen. Nur nicht so lange und so schnell wie andere Kinder. Sie konnte toben, aber nicht so wild. Und doch, erzählt die Mama, habe ihre Tochter gekämpft und das Beste aus ihrer Situation gemacht. Sie sei glücklich gewesen. Glücklicher als viele andere, gesunde Menschen, sagt sie.

Im Herbst 2007 – dem Jahr, in dem die Krists eine erste vermutete Diagnose bekamen – ging es Katharina schlechter. 24 Stunden war sie auf Sauerstoff angewiesen. „Wir hatten uns darauf eingestellt, dass sie stirbt.“ Aber Katharina beschloss zu bleiben. Zwei weitere Jahre. Kein Mediziner hatte geglaubt, dass die damals Dreijährige noch mal neue Energie schöpfen würde. Keiner in der Familie. Nur Katharina. Sie lebte einfach weiter.

Ingrid Krist sieht heute einen Schmetterling mit anderen Augen

Ingrid Krist betrachtet ein Bild in einem Fotoalbum. Es zeigt Katharina in einem rosafarbenen Skianzug, im Schnee stapfend. Krist schüttelt den Kopf und lacht. „So viel Lebensfreude kenne ich bei keinem anderen Menschen.“ Das will die Augsburgerin weitertragen. Sie will bewusster leben, sieht heute einen Schmetterling oder Gänseblümchen mit anderen Augen. Sie kann das mehr genießen. Und sich mehr freuen, wenn die Ampel, die sonst immer rot ist, gleich grün wird.

Kurz bevor Katharina starb, konnte sie sich kaum noch bewegen. Die Verdauungsprobleme nahmen zu, Herz und Lunge funktionierten noch langsamer. „Sie hatte immer weniger Kondition“, erzählt Krist. Am Morgen des 5. Oktober 2009 wollte Katharina keine Medizin mehr nehmen. „Sie will gehen“, sagte der Arzt. „Ich will abgeholt werden“, sagte Katharina. Jesus würde sie holen, hatte ihre Mama gesagt. Dann, wenn die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind. Ingrid Krist hat nur geweint. Fünf Tage später starb das Mädchen.

Als Katharina aufhörte zu atmen, überkam Krist ein Gefühlschaos. Sie war traurig, fühlte sich enteignet und gleichzeitig erleichtert. „Das war ein furchtbares Gefühl.“

Voller Lebensfreude sei Katharina gewesen, erzählt ihre Mutter. Auch als sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte.
Bild: Ingrid Krist

Um die Beerdigung organisieren zu können, versuchte sie einen klaren Kopf zu behalten. Es musste ja alles so laufen wie geplant. Niemand sollte in Trauerkleidung kommen. Katharina hatte Regenbogenfarben geliebt. Jeder hielt sich daran. Selbst der Pfarrer trug eine regenbogenfarbene Stola.

Viktoria Rist-Grundner ist Familientherapeutin im Ostallgäu und kennt die Geschichten trauernder Eltern. Sie weiß, wie die Phasen einer Trauer meist ablaufen. Zunächst ist da ein starres Gefühl, die Schockphase, in der Betroffene in der Lage sind, die Beerdigung zu organisieren. „Dieser Zustand ist wie ein heilsamer Schutz, weil der Schmerz nicht auszuhalten wäre.“

Dann kommen die Fragen. „Wieso mein Kind? Was haben die Ärzte übersehen?“ Und dann die Wut. Die Wut auf Gott, auf alles, was greifbar ist. Erst dann setzen sich Betroffene mit dem Tod auseinander, selbst wenn es auf die Fragen keine Antworten gibt. Diese Muster, sagt Rist-Grundner, treten oft auf.

Katharina war gegangen, aber nicht die Trauer. Die Trauer blieb. „Nur der Schmerz verändert sich“, sagt die Therapeutin aus Pfronten. Entscheidend sei, was daraus entstehe. „Was aus den Wunden herauswächst.“ Zusammen mit ihrem Mann Werner Rist hat sie 1988 die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern Allgäu“ ins Leben gerufen – aus der eigenen Trauer heraus. Das Ehepaar hatte zwei Jahre zuvor Sohn Simon verloren. Er wurde nur vier Monate alt. Die Treffen gibt es mittlerweile nicht mehr. Auch, weil sich das Trauern in der Gesellschaft verändert habe. „Betroffene suchen jetzt eher Foren im Internet auf“, sagt Rist-Grundner. Aber egal, welchen Weg man wählt: „Trauer braucht Ausdruck und Gemeinschaft. Trauer ist nichts fürs stille Kämmerlein.“

Die Therapeutin erinnert sich an einen Patienten. Einen Vater, dessen Kind auf dem Weg zum Kindergarten von einem Auto erfasst wurde. Später stattete der Mann den gesamten Hort mit Fahrradhelmen aus. Den eigenen Schmerz in etwas Gutes umzuwandeln, darauf komme es an, sagt Rist-Grundner. Es sei ja so: Pflegt ein Elternteil das eigene Kind, sind Stunden für sich allein selten. Dann ein eigenes Leben zu entwickeln, ist nicht einfach. „Betroffene müssen sich fragen: Was mache ich aus meinem Überleben, aus dem Zurückbleiben?“

Sie hat den Beruf gewechselt - und arbeitet jetzt in der Kinderklinik

Vor Katharinas Tod arbeitete Ingrid Krist als Industriekauffrau. Danach war es für sie unvorstellbar, in den Beruf zurückzukehren. Sie begann eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester und arbeitet nun in der Kinderklinik des Augsburger Klinikums. Und beim Bunten Kreis, einer Einrichtung für Familien mit schwerstkranken Kindern, halten sie und ihr Mann Vorträge für Hospizhelfer.

Mitleid, sagt Krist, brauche sie nicht. Aufmerksamkeit genauso wenig. Sie und ihr Mann Thomas wollten einfach die Geschichte ihrer Katharina erzählen. Zeigen, was aus Trauer entstehen kann. Dass ein Leben danach möglich ist. Wenn auch anders, mit mehr Ernst und Schwere. Leben ist es trotzdem. „Man kann sogar die Hölle durchstehen.“

In den Ritzen der Sohlen klebt noch der Sand: Im Erinnerungszimmer stehen auch Katharinas Schuhe.
Bild: Judith Roderfeld

Drei Monate nach dem Tod ihrer Tochter begann Ingrid Krist zu schreiben. „Das ist eine Hommage an meine Tochter, sie ist es einfach wert.“ Im August 2010 war sie fertig. Veröffentlicht wurde das Buch mit dem Titel „Gott gibt die Nüsse, aber er macht sie nicht auf!“ dennoch erst jetzt im Juni.

Manchmal, erzählt Krist, stellt sie sich ihre Tochter mit Engelsflügeln vor. Wie sie im Himmel lebt, ganz frei, machen kann, was nie möglich war. Wie sie dasitzt, vor einer Riesenschüssel Schokopudding.

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