Der Horror von Kaufering

Der Horror von Kaufering

Vor 75 Jahren kamen in den Konzentrationslagern Kaufering die ersten Gefangenen an. Wie Menschen dafür kämpfen, dass der Horror nicht vergessen wird.

Es ist keine Wolke am Himmel, ein leichter Wind weht, es ist warm. Der perfekte Sommertag auf einer Wiese am Waldrand nahe Kaufering im Landkreis Landsberg. Dann, völlig unvermittelt, stürmt eine Herde blökender Schafe auf Manfred Deiler zu. "Die sind neugierig, was wir hier machen", sagt der 66-Jährige, lacht und rückt seinen braunen Strohhut zurecht.

Die Tiere haben ihn unterbrochen, er wollte gerade über das Unvorstellbare berichten. Es ist eine Geschichte über alte KZ-Baracken, in denen Menschen schrecklichste Qualen, Erniedrigung und den Tod ertragen mussten.

So sieht das ehemalige KZ Kaufering VII von oben aus.
Video: Robert Klinger

Deiler blickt nachdenklich über das Gelände mit den sechs Ruinen. Drei gewölbte und mit Pflanzen bewachsene, über 13 Meter lange Baracken sind noch relativ gut erhalten, sie ragen wie gleichmäßig geformte Hügel aus der Erde. Dort hausten KZ-Häftlinge. Die Baracken bestehen aus Tonröhren, die ineinander gesteckt wurden und teilweise in der Erde liegen. "Es ist jetzt 75 Jahre her, dass im Konzentrationslager Kaufering der erste Transport angekommen ist. Das war im Juni 1944", sagt Deiler. Er ist Präsident der "Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V.", der etwa ein Drittel des ehemaligen Lagers VII gehört und die das Gelände pflegt.

Kaufering VII gehörte zum Lagerkomplex Kaufering, der aus elf Einzellagern bestand. Der Lagerkomplex war eines der Außenlager des KZs Dachau. Kaufering VII ist von den elf Kauferinger Lagern das einzig erhaltene und beherbergt die Europäische Holocaustgedenkstätte.

Manfred Deiler forscht seit 30 Jahren zum KZ, es ist seine Lebensaufgabe. Das merkt man auch schnell im Gespräch mit ihm: Energisch erzählt er mit seinem Landsberger Dialekt von den schwierigen Konservierungsarbeiten vor wenigen Jahren. Aber vor allem erzählt er von den Menschen und deren Schicksalen. Deiler will ihnen ein Gesicht geben und hat dafür Unmengen an Informationen zusammengetragen.

Das ehemalige KZ in Kaufering soll vor dem Vergessen bewahrt werden

Dass es die Gedenkstätte überhaupt gibt, ist ein Wunder. Aus dem Kauferinger Lager I ist ein Industriegebiet geworden, aus Lager III eine Schrebergartenanlage. In Lager IV wurde eine Kiesgrube ausgehoben. "All diese Orte sind systematisch ausgelöscht worden", ärgert sich Deiler. "Kaufering VII ist durch 100.000 Zufälle erhalten geblieben." Dazu wird er später mehr erzählen.

Um die Erinnerung an die Grauen des Nazi-Regimes auch für künftige Generationen am Leben zu erhalten, wünschen sich die Stiftung, Historiker und die Grünen auf dem ehemaligen KZ-Gelände ein Dokumentationszentrum. Gegen das Vergessen.

So sieht ein Teil des ehemaligen KZ-Geländes heute von oben aus.
Bild: Robert Klinger

75 Jahre sind seit den ersten KZ-Häftlingstransporten nach Kaufering vergangen. Im Gegensatz zu Lagern wie Auschwitz oder Majdanek sei Kaufering kein Vernichtungslager gewesen, erklärt Edith Raim. Sie lehrt an der Universität Augsburg, die ehemaligen Konzentrationslager in Bayern sind seit vielen Jahren ihr Spezialgebiet. "Aber effektiv wurde nichts unternommen, um die Menschen am Leben zu erhalten." Ein Zeitzeuge habe das einmal als "kaltes Krematorium" bezeichnet.

Die KZ-Häftlinge arbeiteten in unterirdischen Rüstungsbunkern, wie in vielen anderen Lagern galt für die SS auch hier die Devise: "Vernichtung durch Arbeit." Neben harter Arbeit, Hitze, Kälte und Hunger litten die Menschen auch an Krankheiten. Unzählige Menschen starben im Zuge einer Typhusepidemie in den Kauferinger Lagern.

Wie viele Menschen das KZ in Kaufering nicht überlebt haben, ist schwer zu sagen, Raim geht von 7000 bis 10.000 Menschen aus. Um die 23.000 sollen damals in Kaufering untergebracht gewesen sein. "Grob gesagt waren in Kaufering die Reste des europäischen Judentums", sagt die Historikerin. "Bis 1944 waren fast alle Juden in Europa, die im Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten lebten, ermordet. Diejenigen, die übrig geblieben sind, wurden nach Deutschland deportiert und in den Außenlagern von Kaufering eingesetzt." Darunter waren litauische, polnische und ungarische, aber auch deutsche, französische, belgische und österreichische Juden. Viele der Häftlinge kamen aus Lagern wie Auschwitz, Plaszow oder Stutthof nach Kaufering.

In einer der KZ-Baracken in Kaufering hatte sich eine Rockergruppe eingerichtet

Manfred Deiler steht jetzt vor einer eingefallenen Häftlingsbaracke, die mit einer Stahltüre verschlossen ist. Auf der noch teilweise intakten Fassade stehen die Initialen "DK". "Das war Teil des Frauenlagers", erklärt er. Die Metalltür sei erst in der Nachkriegszeit eingebaut worden. "Da war Anfang der 80er Jahre mal eine Motorradgruppe drin – die Devil Knights. Deshalb steht da auch noch 'DK' dran. Der Bauer, dem das gehörte, hat das halt zugelassen."

Viele Landsberger hätten nach dem Krieg alles Geschehene verdrängen wollen, die ehemaligen Konzentrationslager störten dabei. Deshalb wurden die Gelände oft anderweitig genutzt oder dem Erdboden gleichgemacht. Das Holz, das man noch verwenden konnte, wurde verheizt. Mitte der 70er Jahre sollte die Bundeswehr das Lager Kaufering VII bei einer militärischen Übung beseitigen. Dazu kam es letztendlich aber nicht.

Auch die Eltern von Manfred Deiler und seiner Frau Helga hätten offen nie über die Geschehnisse in und um Landsberg gesprochen. Helga Deiler - Jahrgang 1958 - ist nur etwa 250 Meter vom KZ-Friedhof von Lager I aufgewachsen. Sie sei als Kind oft dort gewesen, habe die besondere Atmosphäre wahrgenommen - aber nicht gewusst, um was es sich dabei handelt. Weder Eltern noch Lehrer hätten darüber gesprochen. "Erst durch den Eichmann-Prozess und die Serie 'Holocaust', hat sich das geändert", sagt Deiler.

Seit 30 Jahren führt der 66-Jährige nun schon Interessierte aus aller Welt durch das ehemalige Konzentrationslager Kaufering VII. Auf die Frage, ob er einmal negative Erfahrungen gemacht habe, zögert er, dann schüttelt er den Kopf. "Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ich gesagt hätte: Das ist jetzt so schräg, da brech' ich ab. Eher im Gegenteil." Selbst wenn jemand eine provokante Ansicht habe, biete das die Möglichkeit für eine sachliche Auseinandersetzung.

Video: Leonie Küthmann

Bei seinen Führungen erlebt Manfred Deiler auch die verschiedenen Sichtweisen auf den Holocaust. "Andere Länder haben da oft eine andere Herangehensweise und Mentalität." Viele Amerikaner kämen beispielsweise auf den Spuren der US-Serie "Band of Brothers". In einer Szene wird darin die Befreiung des Kauferinger Lagers IV gezeigt. "Die Amerikaner denken aus der Serie, dass die Soldaten damals Kaufering befreit hätten und alle haben gejubelt. Die waren alle tot, da war niemand mehr zum befreien, die hat man bei lebendigem Leib verbrannt", stellt Deiler ernüchternd fest.

Einmal sei eine japanische Gruppe zu Besuch gewesen. "Da war ein junger Kerl dabei, dessen Vater in der Forschung tätig war und mit Museen zusammenarbeitet. Der meinte, dass sie Düfte für Ausstellungen wie diese hier herstellen. Wenn wir Interesse hätten, sollen wir uns melden." Das geht Manfred Deiler deutlich zu weit. "Wir wollen hier keine Inszenierung, wie es das teilweise an Gedenkorten oder Museen in anderen Ländern gibt. Das ist in Deutschland ein No-Go." Zwar sei mit moderner Technik vieles möglich. Die Frage sei aber: "Wo hört man auf, wie viel zeigt man? Bezüglich des Opferschutzes müsste es hier klare Grenzen geben."

Das ehemalige KZ Kaufering VII: Im Vordergrund sind die Gedenksteine zu sehen.
Bild: Robert Klinger

Wenn Überlebende bei einer Führung dabei seien, gestalte er die Führung anders, sagt der 66-Jährige. "Wenn es um das Leben im Lager geht, dann erzähle ich nicht im Beisein eines Häftlings, wie es dort war. Ich versuche, ihn dann einzubinden und lasse ihn erzählen." Was Deiler ablehnt, ist eine Überwältigung der Besucher - beispielsweise durch grausame Bilder von Leichen oder Videoaufnahmen. "Die Menschen sollen nicht mit Emotionen und extremen Bildern erschlagen werden, sondern sich eine eigene Meinung bilden."

Der Horror von Kaufering

Die Geschichte von Leslie Rosenthal

Das versuchte auch Leslie Rosenthal, als er 1986 im ehemaligen KZ in Dachau stand. In einer langen E-Mail erzählt er uns vom Holocaust, der ein Teil seiner Lebensgeschichte ist.

Er schaute sich in Dachau alles an, die Dokumentation des Grauens. Dann wurde er fast ohnmächtig: Hier mitten im Museum war ein Dokument ausgestellt. Eines, in dem neben der Zahl der KZ-Häftlinge auch verzeichnet war, dass sieben Frauen in einem Lager in Kaufering untergebracht waren. Sieben schwangere Frauen. Was Rosenthal kaum fassen konnte: Die Nationalsozialisten haben seine Geburt dokumentiert. Er ist eines der sieben Babys, die wie durch ein Wunder im KZ Kaufering geboren wurden – und überlebten. Dass er im KZ, "der Hölle", wie es seine Mutter nannte, zur Welt kam, erfuhr er erst als Teenager. "Meine Mutter brachte Leben in eine Welt voller Tod und Zerstörung."

Mittlerweile lebt Leslie Rosenthal in Toronto, wo auch seine Mutter Miriam 2018 starb. Nach Deutschland kehrte sie nie zurück. Leslie aber reiste 2010 nach Dachau, um den 65. Jahrestag der Befreiung zu feiern. Dort traf er vier andere der damaligen Babys, die in Kaufering geboren wurden. Leslie Rosenthal nennt sie seine "Lagergeschwister".

Dass sie die "letzten lebenden Verbindungen zum Holocaust" sein könnten, ist für ihn ein ernüchternder Gedanke. Doch: "Während meiner letzten beiden Reisen nach Dachau war ich beeindruckt, wie viele Schüler die Gedenkstätte in Dachau besuchen." Aufklärung über viele Jahre, da ist Rosenthal sich mit seiner Mutter einig, sei der einzige Weg, um Unwissenheit zu verhindern. "Nur ein Museum zu besuchen, reicht nicht: Man muss es den Menschen jahrelang erzählen, sodass das Wissen ein Teil der Person wird."

Bei Rosenthals zuhause fiel kein Wort Deutsch, obwohl Miriam Rosenthal Deutsch sprechen konnte. Aber als Leslie 1986 beruflich nach Deutschland reiste, ermunterte seine Mutter Miriam ihn, nach Dachau zu fahren. Leslie erzählt, wie ihm während seines ersten Besuchs in der 1980er Jahren immer ein Gedanke durch den Kopf ging, wenn er eine ältere Person traf: "Wo warst du und was hast du während des Holocaust gemacht? Was wusstest du und warst du Teil des Nazi-Regimes?"

Leslie Rosenthal suchte in den 80er-Jahren nach den Überresten des KZs in Kaufering

Er kam in Landsberg an und suchte auf Wunsch seiner Mutter nach dem Lager "Kaufering I", wo er geboren wurde. "Ich fand zwar mehrere kleine Gedenkstätten, aber ich glaube nicht, dass das Kaufering I war", mutmaßt Leslie Rosenthal. Heute ist dort, wo er geboren wurde, das Landsberger Industriegebiet.

Leslie Rosenthal
Bild: Familie Rosenthal

Dass Rosenthal Anfang der 80er-Jahre noch keine wirkliche Gedenkstätte fand, lag daran, dass erst zu dieser Zeit die Aufarbeitung begann, erklärt Edith Raim. Zwar setzten sich die Menschen – aufgrund des großen Entsetzens – kurz nach dem Krieg mit dem Thema auseinander: "Bis 1950 wurden große Friedhöfe geschaffen, es gab Gedenkfeiern und Aufarbeitung vor Ort." Dann seien die jüdischen Überlebenden ausgewandert. In den 50er und 60er Jahren habe es keine weitere Auseinandersetzung mit dem Geschehen gegeben.

Die KZ-Häftlinge hausten in Baracken aus Tonröhren

Mit festen Schritten steigt Manfred Deiler eine kurze Metalltreppe hinab. Er steht in einer der ungewöhnlichen, halbrunden Baracken, gebaut aus Tonröhren. Hier ist die Sommerhitze noch nicht angekommen, es ist angenehm kühl. "Jetzt sind wir in einer der Frauenunterkünfte. Hier lebten 90 Frauen, die in doppelstöckigen Betten schliefen." In Kaufering VII lebten alle KZ-Häftlinge in extrem beengten Verhältnissen, die Männer jedoch in Erdhütten. Deiler streicht über eine der Tonröhren, von der schon Teile fehlen. Die Deutschen brachten sie auf ihrem Rückzug 1944 aus Frankreich mit. Dort wären sie wohl für Weinkeller genutzt woren. "Wir haben hier nur konserviert. Alles was da ist, ist auch original. Wir haben nichts ergänzt, nur stabilisiert."

Bei den Konservierungsarbeiten wurden 2015 Unterschriften an der Wand gefunden. Sie stammen von KZ-Häftlingen. Für Deiler ist das eine Form von Widerstand. "Wenn ich hier einen Namen hinterlasse, heißt das, ich bin nicht nur eine Nummer, sondern ich war hier - erinnert euch an mich."

Mit Blumen gesäumter Weg in Richtung Grauen

Es ist ein unauffälliger Weg, der in den Wald hineinführt. Wäre da kein Schild, wüsste man nicht, dass nach einer wunderschönen Streublumenwiese die Erinnerung an das Grauen wartet. "Es gibt elf KZ-Friedhöfe in Kaufering, die an der Lechstaustufe sind die Größten", erklärt Edith Raim. Dort stehen Gedenksteine und Gedenktafeln. Nur wenige Einzelgräber findet man, der Großteil sind Massengräber. "Man hat kurz nach dem Krieg beschlossen, diese Massengräber zumindest als Gräber zu markieren." Die Menschen zu identifizieren, sei unmöglich gewesen, betont die Historikerin. Außerdem habe man im Laufe der Zeit immer neue Massengräber entdeckt. "Die Gebeine, die man gefunden hat, wurden auf dem Friedhof an der Lechstaustufe begraben", sagt Raim.

Warmer Wind weht durch die großen Bäume, die lange Schatten auf den Friedhof werfen. Nur leise hört man hier die Bienen summen, Geräusche werden wie ausgeblendet. Doch es ist keine bedrückende Stille - im Gegenteil. Trotz des großen Leids der hier so unwürdig bestatteten Menschen, strahlt dieser Ort inmitten von Natur und abseits von jeglichem Zivilisationslärm Ruhe aus. Vielleicht haben auch viele Angehörige diesen Eindruck. Sie bringen auch heute noch Plaketten an den Mauern der Friedhöfe an.

Video: Robert Klinger

Auf dem weitläufigen Areal sind große und auch kleine Rasenstücke eingegrenzt. "Das sind die Markierungen der Massengräber", sagt Manfred Deiler. Der sonst so redselige 66-Jährige ist still geworden. "Für Angehörige ist es wichtig, dass man überhaupt verorten kann, was aus der vermissten Person geworden ist." Viele der Familien habe er gekannt, sagt Deiler.

Überhaupt seien die Menschen das Wichtigste an seiner Arbeit. "Vor 30 Jahren hat uns zunächst das Thema interessiert – schnell sind wir aber an den Menschen hängengeblieben." Mittlerweile gehe es um die menschlichen Kontakte und darum, Leute kennenzulernen. "Ich hab die Erfahrung gemacht, dass jeder, der kommt, auch etwas mitbringt. Und damit meine ich nicht nur Wissen."

Leonie Küthmann
Von und Stefanie Dürr