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Porträt

27.04.2019

Der Richter und die Serienmörder

Michael Fein ist Richter am Amtsgericht in Ingolstadt und ließ dort einige seiner selbst gemalten Serienmörder-Porträts aufhängen. Anfang dieses Jahres wurden sie nach Protesten entfernt.
Bild: Christoph Brüwer

Am Ingolstädter Amtsgericht hat Michael Fein selten mit den schlimmsten Verbrechern zu tun. In seiner Freizeit sehr wohl. Denn Fein ist auch Künstler. Einige seiner Bilder machten ihn deutschlandweit bekannt – und brachten Ärger ein

Ein dunkles Sakko über dem dunkelblauen Kapuzenpullover, rotes Halstuch und ergrauter Zopf: Michael Fein sieht schon auf den ersten Blick aus wie ein Künstler. Seine Gemälde und Arbeiten schmücken das ganze Haus in Ingolstadt. Freie Flächen gibt es kaum. Und Fein malt nicht nur: Jahrelang war der 55-Jährige Mitglied in Coverbands von AC/DC oder Johnny Cash. Noch heute sammelt er Gitarren. Fünf Bücher in den vergangenen fünf Jahren hat er außerdem geschrieben – das nächste erscheint schon im Herbst. Dabei sind Kunst und Literatur nur seine Freizeitbeschäftigungen. Denn Fein arbeitet als Richter im Amtsgericht in Ingolstadt.

Ist ihm da langweilig? Oder hat er schlicht zu wenig zu tun? Beides verneint Fein: „Das ist eine Sache des Zeitmanagements, weil man das alles natürlich nicht gleichzeitig macht.“ Im Augenblick male er viel. Bundesweit bekannt wurde er vor allem wegen Serienmörder-Porträts im Pop-Art-Stil. Zwölf Männer und zwölf Frauen wie der „Mörder von Remagen“, Dieter Zurwehme, die reihenweise Menschen ermordet haben – und trotzdem ganz gewöhnlich aussehen. Sie machen aus Feins Sicht deutlich, wie sehr man sich in Sachen Menschenkenntnis überschätzt. Rund vier Jahre hingen die Bilder im Amtsgericht in Ingolstadt, bevor sie Anfang dieses Jahres nach kritischen Medienberichten abgehängt wurden. „Wenn es da früher Unmut gegeben hätte, hätte ich sie wahrscheinlich früher abgehängt“, sagt Fein. Er habe die Bilder ursprünglich als unproblematische Farbtupfer für die kahlen Gerichtswände gesehen und von nahezu allen Betrachtern positives Feedback bekommen.

Kunstwerke, Filme und andere Darstellungen von Serienmördern gruseln und begeistern viele Zuschauer. „Die Faszination ist sicherlich auch darin begründet, dass viele Menschen erst mal keinen Unterschied sehen zwischen einem Serienmörder, der zum Beispiel vorgeführt wird in einem Gerichtssaal, und normalen anderen Menschen, die solche Taten nicht begehen“, erklärt Professor Kolja Schiltz, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie der Universitätsklinik München. Die Motivation, die hinter dieser Art der Morde liegt, werde weit ab von der Normalität vermutet. Es gebe aber kein Merkmal, das alle Serienmörder von „normalen“ Menschen unterscheide, sagt er. Das sei für viele Menschen rätselhaft und deshalb auch spannend. Es gebe aber keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass die Berichterstattung oder Darstellung von Serienmördern andere Menschen zu ähnlichen Taten animieren würde.

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„Die Hemmungen, so eine Tat zu begehen, sind sehr hoch. Und meistens sind es so gestörte Triebstrukturen bei den Personen, dass die gar nicht dazu angestiftet werden in irgendeiner Art und Weise“, sagt Schiltz. Die Ausstellung von Serienmörder-Porträts ist für ihn dennoch nicht unproblematisch. „Ich sehe das insofern kritisch, als dass man aufpassen muss, dass die Darstellung ohne differenzierte Auseinandersetzung nicht zu einer Verherrlichung führt. Darauf muss man schon achten“, sagt er. Kunst stehe aber immer in einem Kontext und dieser müsse diskutiert werden, wenn die Kunst ausgestellt werde.

Obwohl die Serienmörder-Porträts mittlerweile bei Fein zu Hause stehen – einige wurden sogar schon verkauft –, hängen weiterhin Bilder von ihm in Gerichtsgebäuden. Vor allem Stadtansichten von Ingolstadt schmücken zum Beispiel das dortige Landgericht. Und auch im Amtsgericht gibt es immer noch Bilder des 55-Jährigen. Selbst im Amtsgericht Pfaffenhofen, wo Fein in seiner mittlerweile 24-jährigen Karriere als Jurist ebenfalls tätig war, zieren noch rund 25 Bilder des Richters die Wände. „Ich habe schon einige Bilder verteilt und an den Menschen gebracht“, sagt Fein und schmunzelt.

Aber auch seinen eigentlichen Job mache er sehr gern: „Jura ist, das unterschätzen die Leute, im Grunde ja auch Sprachanalyse. Das ist eigentlich nichts anderes, als dass man Texte analysiert.“ Wortklaubereien und Wortspiele liegen ihm. Jura bedeute aber nicht nur, mit ernster Miene in dicken Büchern zu wühlen, sondern sei sehr vielfältig und beschäftige sich mit dem Leben – mehr als man vielleicht denke: „Gerade als Amtsrichter habe ich natürlich sehr viel mit Leuten zu tun, die wirklich direkt vor mir sitzen, die ich in einer Extremsituation erlebe und auch in einer Rolle kennenlerne, in der ich sie sonst wahrscheinlich nie kennenlernen würde.“

Für seine künstlerische Arbeit benutzt er den Künstlernamen Michael von Benkel, angelehnt an den Mädchennamen seiner Mutter. „Ich bin nicht der Künstler in der Arbeit oder der Jurist in der Kunst. Das ist eigentlich die Kehrseite derselben Medaille“, sagt er. „Der einzige Unterschied ist natürlich, dass ich mir in meinem Beruf nichts ausdenken darf“, sagt Fein und lacht. So skurril ein Kunst schaffender Richter auch klingt, so einmalig sei er nicht, sagt Fein selbst: „Musiker gibt es schon mehrere, auch bei uns in der kleinen Ingolstädter Justiz. Es gibt auch Leute, die malen. Es gab sogar Leute, die Symphonien geschrieben haben.“

Ein Lyrik schreibender Staatsanwalt sei jetzt nach München gegangen. Die große Zahl an Richtern, die sich künstlerisch betätigen, habe auch mit dem Beruf an sich zu tun, meint Fein. „Als Richter hat man schon eine gewisse individuelle Freiheit, weil man ja keinen direkten Vorgesetzten hat, also keinen Chef, der einem sagt, wann man kommen muss und wie man was macht“, sagt Fein. „Dieses Individualistische ist natürlich was, wo man sich auch ein bisschen verwirklichen kann in seiner Freizeit. Man schaut in sehr viel rein und das erweitert vielleicht auch die Sichtweise und den Tellerrand ein bisschen.“

Christoph Brüwer, dpa

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