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Terror

16.11.2016

Der Weg zurück ins Leben nach dem Axt-Attentat von Würzburg

Am 18. Juli ging ein junger IS-Anhänger aus Afghanistan mit einer Axt und einem Messer auf Reisende eines Regionalzugs bei Würzburg los. Er verletzte mehrere Menschen schwer.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Beim Würzburger Axt-Attentat wurden zwei Chinesen schwer verletzt. Zurück in der Heimat erzählen sie vom Anschlag und erklären, warum sie trotzdem wieder nach Deutschland kommen.

Sie sind zu Hause. Zurück in der Anonymität der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole Hongkong. Die 27-jährige Chinesin und ihr 31-jähriger Verlobter, die bei dem Axt-Attentat am 18. Juli in Würzburg schwer verletzt wurden, sind in ihre Heimatstadt zurückgeflogen. An ihrer Seite: Die 26-jährige Schwester des Mannes, die nach dem Attentat mit ihrer Mutter hergekommen war, um dem verletzten Bruder beizustehen.

Ein Monat lang im künstlichen Koma

„Ich bleibe so lange, bis mein Sohn wieder die Augen öffnet“, hatte die Mutter im Juli gesagt. Mehr als einen Monat musste sie darauf warten. Der 31-Jährige lag im künstlichen Koma. Ob und wie er das Attentat überleben würde, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Wochenlang kämpften die Ärzte des Universitätsklinikums in Würzburg um sein Leben. Die Mutter schob ihre Heimreise so lange auf, bis ihr Sohn tatsächlich wieder ins Leben zurückkehrte. „Sie sorgt sich sehr um mich. Ich weiß das“, sagt der 31-Jährige. Die Stimme wackelt. Über ein Foto von sich im Krankenbett sagt er: „Es war ziemlich gruselig, weil ich nicht erkannt habe, dass die Person, die da auf dem Bett lag, ich selbst war.“

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Die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft, links Germanistikstudentin Tingyao Lu, hilft den Angehörigen der Opfer des Axt-Attentats mit Geld.  
Bild: Archiv

schlanke Asiate mit den Turnschuhen sieht viel jünger aus als 31. Sein grüner Kapuzenpulli wirkt etwas zu weit. Auch die schwarz umrandete Brille etwas zu groß. Blass ist er. Physisch habe er keine Probleme mehr, erklärt er. Er ringt nach Worten. „Ich kann ihm mit ein paar Sätzen aushelfen“, sagt seine Schwester und legt beschützend den Arm um ihn. Neben ihm wirkt die 26-Jährige mit dem schwarzen Pferdeschwanz sehr lebhaft. „Mein Bruder lag wochenlang im Koma. Körperlich geht es ihm wieder gut. Er kann ganz normal laufen, essen, und so weiter. Aber seine Gehirnfunktionen sind noch nicht völlig wiederhergestellt.“ Reaktion und vor allem Konzentration fielen ihm schwer. „Es liegt noch ein langer Weg vor mir“, sagt der 31-Jährige. Er stockt, macht eine Pause. „Ein weiter Weg zurück zu meinem normalen Leben.“

In seinem normalen Leben war er der Hauptverdiener der Familie. Ein Ingenieur. Seine Firma will auf ihn warten, hat man ihm gesagt. Wie lange, ist ungewiss. In Hongkong werden weitere medizinische Behandlungen folgen. So lange will die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft den zwei Familien finanziell unter die Arme greifen.

Sie wollten an jenem Abend eigentlich nach Rothenburg ob der Tauber

Die 27-jährige Verlobte des Mannes ist bei dem Attentat ebenfalls schwer verletzt worden. Eine Europareise hatte ihre Familie nach Franken verschlagen. Sie selbst, ihr Verlobter, ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder kamen gerade von einer Hochzeitsfeier aus England, als es passierte. Auf der Rückreise war zunächst ein Stopp in Rothenburg ob der Tauber geplant. In einem Regionalzug bei Würzburg ging plötzlich ein 17-jähriger afghanischer IS-Anhänger mit einem Messer und einer Axt auf die Familie los. Auf seiner Flucht verletzte er eine Spaziergängerin in Heidingsfeld, dann wurde er von Polizisten erschossen.

Die Erinnerung an dieses Erlebnis werde niemals leichter, sagt die 27-Jährige. Sie fordere immer noch sehr viel Kraft, beeinflusse ihr ganzes Leben. Aber sie sei froh, dass sie hier in Würzburg professionelle Hilfe erhalten habe und hoffe, in Hongkong daran anzuknüpfen. Schritt für Schritt wolle sie in ihr normales Leben zurückfinden. „Es ist schwer, sich emotional zu erholen“, fügt die Schwester ihres Verlobten hinzu. „Denn was passiert ist, ist passiert. Wir können den Vorfall nicht auslöschen. Doch wir können versuchen, optimistischer zu werden und mehr Stärke zu erlangen.“ Ihr Vater, 62, leidet noch immer an den Folgen seiner Verletzungen. Ihrer Mutter geht es relativ gut. Der 17-jährige Bruder, der den Angriff im Zug mit ansehen musste, ist in therapeutischer Behandlung.

Ob die 27-Jährige jemals nach Deutschland oder gar nach Würzburg zurückkommen wolle? „Um ehrlich zu sein, am Anfang hätte ich Nein gesagt. „Im Zug sind alle bloß geflohen und haben uns allein gelassen“, beschreibt die Asiatin ihre anfänglichen Eindrücke. Doch in den vergangenen Monaten hätten die Menschen ihre Gefühle verändert. „Die meisten waren sehr mitfühlend und wirklich herzlich. Sie machten es mir jeden Tag etwas leichter, hier zu sein.“ Mit Schrecken erinnert sie sich noch an den Tag, als sie im Krankenhaus aufwachte. „Ich wusste nicht, wo ich bin. Ich wusste nicht, wie es meiner Familie und meinem Freund geht.“ Fast wahnsinnig vor Angst sei sie gewesen.

Die Familie wurde von den Ärzten und Schwestern wie Freunde behandelt

Doch die Ärzte und Schwestern hätten sie beruhigt. Sie hätten mit ihr geredet, immer wieder telefoniert, um sich zu vergewissern, wie es ihrer Familie geht. Sie hätten sie von ihren Verletzungen abgelenkt. Ihr Verlobter hat Ähnliches erlebt: „Sie haben mir sehr geholfen. Sie haben mich nicht wie einen Patienten, sondern vielmehr wie einen Freund behandelt.“ Auch er würde noch einmal nach Deutschland kommen.

Die Schwester berichtet: „Die Menschen waren sehr aufgebracht, da Würzburg eine sichere kleine Stadt ist und niemand damit rechnen konnte, dass hier so etwas passiert.“ Als sie mit ihrer Mutter am Bett ihres Bruders saß, habe sich das Klinikpersonal auch um sie gekümmert. Es habe ihnen geholfen, nicht in jeder Sekunde an das Schicksal des Bruders zu denken, um nicht in Depression oder Wut zu verfallen. Vielmehr habe es sie auf andere Gedanken gebracht.

Sogar einige Sehenswürdigkeiten haben sich die Asiaten in Würzburg angeschaut. Die Schwester des 31-Jährigen sagt, sie hätten in Deutschland wirklich großes Unglück erlebt. Doch gerade in den Monaten nach dem Attentat hätten die Menschen hier ihr Bestes gegeben, um ihre Familie gut zu behandeln. „Das ist es, was wir zu schätzen wissen.“

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